Johann Joachim Winckelmann und die Klassische Archäologie im 21. Jahrhundert

Die spätmoderne Gegenwart des 21. Jh. ist für die Klassische Archäologie eine Zeit einschneidender Veränderungen und großer Herausforderungen. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Fach allmählich von einer Kunstgeschichte zu einer Kulturgeschichte der Antike gewandelt.

 

Die Fundamente dieser dynamischen kulturanthropologischen Wende liegen einerseits in den innovativen Vorstößen der angesprochenen nationalen «Schulen» in Deutschland, Frankreich und Italien und andererseits in neuen theoretischen Impulsen, die in angelsächsischen Universitäten bereits seit den 1980er Jahren sehr fruchtbar in den Kontext archäologischer Fragestellungen implementiert werden. Diese Tendenzen erfuhren kürzlich in Deutschland einen sehr dynamischen Schub durch die Exzellenzinitiative und die aktive Mitwirkung von zahlreichen archäologischen Instituten in großen, interdisziplinären Forschungsverbünden mit dezidiert kulturtheoretisch ausgerichteten Rahmenthemen. Die Archäologen erhalten dabei die Möglichkeit, sich in eine inspirierende theoretische Diskussion zu begeben, die unvermeidlich ihre Auffassung des eigenen Faches verändert. Diese enge Kooperation hilft dem Fach sich neu zu positionieren und Diskurse aufzugreifen, die an der Schnittstelle von Wissenschaft, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft liegen.

Das Ergebnis dieser Entwicklung ist eine im Hinblick auf Inhalte und Methoden eindrucksvolle Pluralität, die das Fach auf eine ganz neue Grundlage stellt. Zahlreiche rezente Projekte und Publikationen zeigen, wie effektiv und gewinnbringend Begriffe und Konzepte aus der Ethnologie, Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und den Medienwissenschaften in Kombination mit antiken Texten und Bildern für das Verständnis von antiken kulturellen Praktiken nutzbar sind. Der analytische Blick der Klassischen Archäologen richtet sich nun auf immer mehr Ausprägungen der materiellen Kultur, auf immer komplexere Zusammenhänge zwischen Räumen, Akteuren und Objekten. Dabei bedienen sich die Forscher eines eindrucksvollen Arsenals theoretischer Erklärungsmodelle und Methoden, das ihnen neue spannende Wege öffnet:

  • Alle archäologischen Disziplinen haben von Anfang an Artefakte als absoluten Mittelpunkt ihres wissenschaftlichen Fokus gehabt; und dennoch hat das erwachte Interesse für die Materialität der Dinge den Fachbereich mit neuen fruchtbaren Impulsen belebt. Artefakte werden von den Archäologen nicht mehr als passive Einheiten, in anderen Worten als bloße Resultate oder Reflexionen menschlichen Handels, sondern als Akteure (besser gesagt Aktanten) betrachtet, die dieses Handeln beeinflussen, wenn sie in ganz unterschiedlichen Verwendungskontexten durch Gebrauch «aktiviert» werden. Die materielle Beschaffenheit, die Textur der Dinge, ihre Affordanz, welche bestimmte Funktionen fördert und andere ausschließt, der bestimmende Einfluss des Bild- oder Textträgers auf Gestalt, Inhalt und Wahrnehmung beider Medien verwandeln die traditionelle «zweidimensionale» Auseinandersetzung mit antiken Artefakten zu einer «dreidimensionalen», multisensorischen Herangehensweise, welche sie in konkrete Wahrnehmungs- und Verwendungskontexte stellt und nicht bloß Technik, Form und Stil, sondern ihre raison d’être beleuchtet. Vergleichbar mit der einflussreichsten theoretischen Tendenz der modernen Ethnologie, richtet sich daher das Interesse der Klassischen Archäologie nicht auf die ontologische, sondern auf die kontextimmanente Dimension antiker Dinge. Nicht durch einen systemtheoretischen Ansatz, sondern nur durch eine Beleuchtung ihrer situativen Verankerung lässt sich das für die Archäologen grundlegende Dreieck Mensch-Praxis-Objekt greifbar machen.
  • Das neue Interesse an der Materialität der Artefakte fördert ferner das Interesse für alle Bereiche des Lebens und seiner «bescheidenen» materielle Hinterlassenschaften und erweitert dadurch den analytischen Blick der Archäologen über die engen Grenzen der «Kunst» oder der Bildsprache hinaus. Nicht nur die Politik, Religion oder die verschiedenen Repräsentationsformen der Elite, sondern auch die soziale Konstruktion der Geschlechter, die angeblich trivialen alltäglichen Dinge wie Technik, Diät, Hygiene, Umwelt und die Sinne bereichern enorm unsere Kenntnisse über antike Kulturen und helfen uns ihre eindrucksvollen künstlerischen Leistungen in eine richtige Perspektive zu stellen.
  • Aber auch die traditionellen Kernbereiche befinden sich in einer Zeit grundlegender Veränderungen. Die dynamische Entwicklung der Kunstgeschichte zu einer Bildwissenschaft, bei der auch deutsche Kunsthistoriker einen prägenden Einfluss hatten, hat auch die Klassische Archäologie erfasst. Anstelle der traditionellen Auseinandersetzung mit den Aspekten des Stils, der Technik und den ikonographischen und ikonologischen Facetten eines Bildwerkes tritt eine neue Bildanthropologie der Antike, die die Fragen nach der konkreten Funktionalität und Wahrnehmung in den Vordergrund rückt. Den Bildern wird nicht nur eine Signifikanz als Zeugnisse antiker Realität, sondern auch eine eigene Agency zugesprochen, welche diese Realität selbst umformen konnte.

 

Jeder einzelne Pfad dieser vielfältigen Entwicklung entfernt die Klassische Archäologie immer mehr von dem, was Winckelmann mit seiner eindrucksvollen Pionierleistung begründet hat. Und dennoch hat niemand bis jetzt versucht, seine kunstgeschichtliche Methode, die den Kern des Selbstverständnisses des Faches ausmacht, infrage zu stellen oder gar zu revidieren. Alle angesprochenen neuen hermeneutischen Ansätze können den traditionellen Kern der Klassischen Archäologie nur ergänzen, allerdings nicht ersetzen. Ein ebenbürtiges Nebeneinander dieser beiden Fundamente scheint auch für die Zukunft unumgänglich zu sein. Die Betonung sollte hier auf «ebenbürtig» liegen, nicht nur weil dies notwendig ist, sondern weil dieser Zustand der Balance noch nicht erreicht ist. Der Grund ist, dass die neuen theoretischen Tendenzen in der Klassischen Archäologie mittlerweile als eine methodische Alternative akzeptiert werden, ohne jedoch mit dem gleichen Grad an Signifikanz betrachtet zu werden. Das verdeutlicht sich am intensivsten im Bereich der akademischen Lehre, die immer noch sehr eindeutig auf die traditionellen Methoden und weniger auf die thematische und methodische Vielfalt der letzten Jahrzehnte fokussiert. Im 21. Jh. wird es daher entscheidend sein, die innovativen theoretischen Impulse innerhalb des Fachs höher zu valorisieren. Das Fach kann nur dann eine Zukunft haben, wenn es sich gegenüber Veränderungen offener zeigt. Veränderung sollte allerdings dabei nicht die Ablehnung traditioneller Werte, sondern das Streben nach noch größerer Vielfalt bedeuten.

Warum ist dies überhaupt notwendig? Die Geschichte der Klassischen Archäologie lässt sich seit Winckelmann als ein Prozess der fortschreitenden Fachspezialisierung betrachten, dessen Ergebnis die intellektuelle Engführung der Disziplin zu einem Orchideenfach mit immer diffuserer gesellschaftlicher Relevanz war. Diese Entwicklung ist eigentlich nicht Winckelmann selbst, sondern der Rezeption seines Werkes durch die nachfolgenden Archäologengenerationen anzulasten. Heute kann es sich die Klassische Archäologie allerdings nicht mehr leisten, ein Orchideenfach zu bleiben, weil dies in einer sich rasant verändernden Welt fatal sein wird. Es ist daher ein sehr willkommenes Zeichen, dass das Fach seine soziale Dimension stärkt und sich allmählich von seinem akademischen Autismus befreit, der von mehreren Forschergegenrationen im Namen eines hohen wissenschaftlichen Anspruchs gepflegt wurde. Dadurch kann es sich wieder einen bedeutenden Platz in der modernen Gesellschaft erkämpfen, der leider für die Altertumswissenschaften seit einigen Jahrzehnten nicht mehr selbstverständlich ist. Die immer seltener werdende klassische Bildung der Führungseliten und des Bürgertums muss man als eine Herausforderung betrachten, um das Profil des Faches neu zu definieren. Die Auseinandersetzung mit gegenwartsbezogenen Themen, die über die engen Grenzen der Klassischen Archäologie hinaus für andere Fächer und vor allem für die breite Öffentlichkeit von Interesse sind, erscheint alternativlos. Neue Strategien für den Umgang mit dem kulturellen Erbe, die sowohl die Erschließung von archäologischen Stätten und Landschaften als auch das Bewahren, Erschließen, Aufarbeiten und Präsentieren von Relikten antiker Kulturen nach modernen museologischen Konzepten betreffen, neue inhaltliche Brennpunkte fokussieren, die im Mittelpunkt aktueller gesellschaftlicher Debatten stehen, beleben in den letzten Jahren das Fach enorm und zeigen den Weg in die unmittelbare Zukunft.

Dadurch wird die Klassische Archäologie in der Lage sein, zu zeigen, wie relevant die Vergangenheit für die Gegenwart und wie wichtig die Schärfung eines kulturhistorischen Bewusstseins in der modernen Gesellschaft sein kann. In einer Zeit der fortschreitenden Digitalisierung unserer Welt, die sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft größere Bereiche unserer Wahrnehmung in virtuelle Sphären verlagert, kann schließlich die Klassische Archäologie durch ihren Fokus auf die Materialität der Dinge und deren intrinsische Bedeutung den dringend benötigten Gegenpol bieten und dazu beitragen, dass der moderne Mensch auf die ästhetischen Reize von Bauten, Räumen und Artefakten mit Sensibilität und Differenziertheit reagiert. Diese spannende Umorientierung des Faches verlangt auch nach einer neuen Einstellung zu seinen Untersuchungsgegenständen. Und genau in dieser Zeit, in der die phänomenologischen und praxeologischen Aspekte eindrucksvoll in den Vordergrund treten, kann die nüchterne wissenschaftliche Annäherungsweise der traditionellen Klassischen Archäologie nicht mehr zeitgemäß sein. Will man von dieser durch den Positivismus des 19. Jhs. geprägten Grundhaltung Abstand nehmen, dann muss man sich zu einem affektiven Verhältnis zwischen dem Archäologen und seinem Material bekennen und eine emotionale Herangehensweise wagen, welche die ästhetische Wirkung eines antiken Monuments oder Artefakts auf den wissenschaftlichen Betrachter zum Gegenstand der archäologischen Interpretation macht. Auf diese Weise wird die Klassische Archäologie der unmittelbaren Zukunft wieder zu ihren Ursprüngen zurückkehren, denn Winckelmann selbst hat in seinem Werk eindeutig für eine solche «kontemplative Betrachtung und Bewunderung» der antiken Kunst plädiert.

 

Winckelmanns Klassische Archäologie als Kunstgeschichte der Antike war zweifellos eine selektive Form der Auseinandersetzung mit den materialen Hinterlassenschaften vergangener Kulturen, die vieles ausgeblendet hat. Dieser Blick war allerdings für seine Zeit durchaus konsequent: Nur durch diese klare Fokussierung war es Winckelmann möglich, ein neues Fach zu begründen. Der zunehmende Abstand von Winckelmanns Verständnis der Klassischen Archäologie, der sich vor allem in der gegenwärtigen Entwicklung des Faches beobachten lässt, ist gewiss keine Ablehnung seiner Prämissen, da diese immer noch den harten Kern der Klassischen Archäologie bilden. Vielmehr entsteht dieser Abstand durch die ständige dynamische Erweiterung des Faches, dessen zahlreiche Zweige in weite Erkenntnisfelder vordringen und durch die intensive Auseinandersetzung mit ganz neuen Fragestellungen und die ständige Implementierung von neuen analytischen Methoden sein Profil komplexer machen. Die archäologischen Disziplinen bauen gerade auf ihrer «fundamentalen Heterogenität» und konkreter der eindrucksvollen Vielfalt von Quellen und Instrumente auf, die ihnen in der Zukunft eine noch wichtigere Rolle innerhalb der Geisteswissenschaften einräumen könnte. Durch forschungsbezogene Lehre sollen all diese fruchtbaren theoretischen und methodischen Impulse integraler Bestandteil des akademischen Unterrichts werden und dazu beitragen, die Inhalte des Faches von Grund auf zu verändern. Die Klassische Archäologie wappnet sich gerade, um die großen Herausforderungen des 21. Jhs. zu begegnen. Aber auch im neuen Jahrhundert darf man davon ausgehen, dass Winckelmanns intellektuelles Erbe nichts von seiner Signifikanz und Aktualität als zentraler methodischer Kompass des Faches einbüßen wird.

 

Diamantis Panagiotopoulos studierte von 1985 bis 1989 Klassische Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Alte Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Athen. 1989 erhielt er dort das Diplom. 1996 promovierte er an der Universität Heidelberg mit der Arbeit Das Tholosgrab E in der Nekropole von Phourni (Archanes). Studien zu einem nördlichen Außenposten der Mesara-Bestattungskultur. Von 1998 bis 2001 forschte er als Postdoktorand zur Struktur der mykenischen Wirtschaft; 1999 bis 2003 war er als Lehrbeauftragter in Heidelberg und Salzburg tätig. 2003 erfolgte in Salzburg die Habilitation für Klassische Archäologie mit einer Arbeit zur mykenischen Siegelpraxis. Seit 2003 lehrt er als Professor am Institut für Klassische Archäologie in Heidelberg, das er seit 2008 als geschäftsführender Direktor leitet. Seit 2009 ist er korrespondierendes Mitglied des Deutschen Archäologischen Instituts.

 

Johann Joachim Winckelmann (1717–1768) gilt als Begründer der Klassischen Archäologie wie der modernen Kunstgeschichte. Sein Bild der römischen und vor allem der griechischen Antike beeinflusste den Geist des deutschen Klassizismus – und Generationen von Wissenschaftlern und Künstlern bis heute. Die griechische Kunst, vor allem die antiken Skulpturen, galten ihm als Ideal der Kunst, unter den Griechen sei sie »stufenweise zur höchsten Schönheit gelangt«. Winckelmanns Hauptwerk ist die 1764 erstmals erschienene ›Geschichte der Kunst des Alterthums‹, die hier als Faksimile wieder aufgelegt wird, mit den von Winckelmann selbst bereitgestellten 24 Kupferstichen.

 

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