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Terror und Zivilgesellschaft – Wie dieser Blog entstand

Das erste Mal kam mir die Idee zu diesem Blog, als ich Mitte November 2015 mit drei Autoren telefonierte, zwei Franzosen und einem Deutschen, die allesamt Historiker sind und allesamt Wohnungen und Familie im 10. und 11. Pariser Arrondissement haben oder hatten. Der eigentliche Anlass der Telefonate wurde in diesen Tagen unmittelbar nach den verheerenden islamistischen Anschlägen vom 13. November schnell überlagert. Statt über Bücher sprachen wir über die Angriffsserie. Alle drei boten unterschiedliche historische Erklärungen für die Ursachen dieser doch eigentlich unbegreiflichen Gewaltausbrüche. Und alle drei hatten unterschiedliche Ideen dazu, wie der französische Staat auf diese Herausforderung reagieren sollte.
Ich war fasziniert von ihren unterschiedlichen Erklärungen und davon überzeugt, dass das auch andere Menschen interessieren könnte: Wie kluge, historisch denkende Menschen versuchen, die Gegenwart zu erklären. Wie sie versuchen, eine aktuelle Katastrophe in einen größeren Zusammenhang zu bringen. Nicht als Buch, nicht als zeitlos gültige Forschungsarbeit, nicht mit Anmerkungen, sondern in der schnellen, offenen, auch unfertigen Form, die das Netz ermöglicht: Der knappe Essay zu einem konkreten Ereignis, aktuelle Ergebnisse aus der Gedankenwerkstatt von Historikern, die nicht in der abgeschlossenen Analyse münden müssen, aus denen kein Buch wird. Wären solche Texte nicht Anregungen für eine interessierte Öffentlichkeit jenseits des Buchhandels?
Dass es mit dem Blog dann so lange gedauert hat, hat zwei Gründe. Zum einen waren diejenigen im Verlag, die sich für diese Idee begeistern konnten, noch mit der einen oder anderen Kleinigkeit beschäftigt. Zum anderen fehlten die profanen Software-Voraussetzungen für dieses Format. Nun sind die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, eine großartige Guerilla-Truppe hat sich als Redaktion zusammengefunden, und der Blog ist nach fast zwei Jahren an den Start gegangen.
Man kann diese Zeitspanne in Wochen und Monaten messen. Man kann sie aber auch in Terroranschlägen messen. Nach dem Bataclan folgten Attentate in Nizza und London, in Brüssel, Berlin, Barcelona und andernorts. Die Zeit, in der ich aufwuchs, war mitnichten frei von Gewalt. 1977 wurden Siegfried Buback, Jürgen Ponto und Hanns Martin Schleyer ermordet. Dies aber war kein ziellos willkürlicher Terror, sondern dies waren gezielte Anschläge auf Personen, die von politisch Verblendeten lediglich als Repräsentanten des ‚Regimes‘ betrachtet wurden und als solche eliminiert werden sollten. Das öffentliche, das gesellschaftliche Leben der Bundesrepublik aber blieb auch nach diesem ‚heißen Herbst‘ frei von martialischen Gesten. Die Regierungen Deutschlands verzichteten und verzichten konsequent auf militärische Symbolik. Öffentliche Auftritte kommen bis heute aus ohne Zurschaustellung von Maschinengewehren oder historisierenden Säbeln und Brustpanzern.
Dass Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten immer frei war von militärischer Optik, sehe ich als eine der angenehmsten Seiten dieses Landes. Das Zivilgesellschaftliche, eine Gesellschaft, die sich über Konsens definiert und auf das Vorzeigen von Machtmitteln verzichtet, ist eine großartige Errungenschaft. Deshalb empfinde ich es als ausgesprochen schmerzhaft, wenn in jüngster Zeit im Vorfeld von Volksfesten die Sicherheitspläne der Polizei diskutiert werden oder Lastwagensperren rund um Weihnachtsmärkte zur Regel werden. Nichtsdestotrotz aber bleibt der öffentliche deutsche Raum weitgehend waffenfrei. Wenn ich dienstlich aus dem Berliner Hauptbahnhof gehe, in Sichtweite des deutschen Parlaments, bin ich erfreut, keine bewaffneten Spezialkräfte zu sehen. Wenn ich in der Bundespressekonferenz im Regierungsviertel einer Veranstaltung mit einer Politikerin beiwohne, bei der keine Uniformierten bereitstehen, bin ich erleichtert. Wenn die deutsche Bundeskanzlerin eine Ausstellung im Deutschen Historischen Museum eröffnet und keine gepanzerten Fahrzeuge sichtbar sind, weiß ich, dass ich hier zu Hause bin.
Dieses betont Zivilgesellschaftliche hat natürlich historische Gründe. Und mir ist sehr bewusst, dass der Verzicht auf Symbole militärischer Macht im Inneren korrespondiert mit einem außenpolitischen ‚bedingt abwehrbereit‘. Der bewussten und ostentativen inneren Friedfertigkeit entspricht eine mangelnde Abschreckungskraft nach außen und im Ernstfall wohl die Unfähigkeit zur tatsächlichen Verteidigung. Würde es zu einem militärischen Konflikt mit Russland mit dem NATO-Bündnis an der Außengrenze Europas kommen, so würde, meint der Historiker Sönke Neitzel, Deutschland Tankflugzeuge bereitstellen. Diesen Punkt kann und muss man diskutieren und hinterfragen. Aber der konsequente Verzicht auf Martialität entspringt zuerst einer historischen Lehre.
Vielleicht ist das der beste Beweggrund für diesen Blog: An einzelnen Ereignissen und Sachverhalten zu erklären, wie unsere heutige Welt aus der Geschichte gewachsen und durch sie geformt ist. Wie das Heute immer auch eine Wurzel im Gestern hat. Getreu meiner Lieblingszeile aus einem Mainzer Fastnachtslied „gestern ist wie heute nur von hinten“.

 
 
 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
Die drei Autoren und die jeweiligen Bücher, über die in den Telefonaten Ende 2015 eigentlich hätte gesprochen werden sollen, sehen Sie im unteren Bildschirmbereich.

 

 

Tags: Politik, Neuzeit
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  • Teilweiser Widerspruch

    Grundsätzlich ein guter Blog, aber schon über den Teasertext bin ich gestolpert. "Was der Auftakt unseres WBG-Blogs mit der Zivilgesellschaft, militärischer Symbolik und den heutigen unruhigen Zeiten zu tun hat? "
    Wann gab es denn ruhige Zeiten? Gerade als Historiker muss ich da innerlich mit dem Kopf schütteln.

    Im Text geht es dann weiter mit der Differenzierung zwischen dem heutigen, als "ziellos willkürlich" charakterisierten Terror und dem früheren der ein gezielter Angriff auf Personen gewesen sei. Dann übersieht der Autor offenbar den Terrorismus einer IRA, einer ETA oder auch Anschläge rechter Terroristen wie in Bologna oder auf das Oktoberfest in München.

    Tatsächlich sind, trotz des islamistischen Terrors die Opferzahlen in Europa heute erheblich geringer als in den 70er Jahren. Das diese historischen, als ferne Erinnerung wahrgenommenen Zahlen natürlich weniger "unruhig" wirken als die aktuelle Wahrnehmung ist ein Teil des Problems. Die Krise entsteht eben nicht zuletzt aus der Krisenwahrnehmung.
    Da schließt sich wieder der Kreis zur Argumentation des Autors, denn die einzige Möglichkeit Terror effektiv zu begegnen st mit Gelassenheit. Das sich unsere Zivilgesellschaft nur bedingt in Unruhe versetzen lässt ist die einzig gangbare Lösung. Alles andere wäre ein Erfolg für die Terroristen, denn deren Ziel ist ja eben die Veränderung unserer Gesellschaft.

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