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»Ich wünsche Weltbürger zu sein« – Erasmus von Rotterdam

Erasmus von Rotterdam war liberaler Denker, aufgeschlossener Humanist – und ist Namenspatron des ERASMUS-Programms. Dass die AfD die Desiderius-Erasmus-Stiftung nun als parteinahe Stiftung anerkannt hat, widerspricht den Werten, die viele junge Studierende mit einem Auslandsaufenthalt verbinden.

»Und, wo machst du ERASMUS?« – jedes Semester hört man diese Frage hundertfach, ja tausendfach in den Hörsälen, Unibibliotheken und Seminarräumen der Republik. Der Name Erasmus ist mittlerweile fest mit dem Austauschprogramm der Europäischen Union verknüpft, das seit 1987 zahlreichen jungen Leuten einen Studienaufenthalt an einer europäischen Universität ermöglicht hat, um dort Land und Leute, Kultur und Natur, Essen und Sprache – und natürlich das Bildungssystem kennenzulernen.

Seit Juni hat eine neue Assoziation dem Namen Erasmus aber einen faden Beigeschmack verliehen: Die AfD hat auf ihrem Parteitag in Augsburg beschlossen, die Desiderius-Erasmus-Stiftung als parteinahe Stiftung anzuerkennen. Lange interne Debatten waren dieser Entscheidung vorausgegangen – auch die Gustav-Stresemann-Stiftung wurde zeitweise als potenzielle Kandidatin gehandelt –, aber im Endeffekt machte die Erasmus-Stiftung das Rennen. Diese Entscheidung hat zu Recht heftige Kritik ausgelöst.

Man könnte an dieser Stelle viel Tinte darauf verwenden, das Leben und Wirken Erasmus von Rotterdams in aller Ausführlichkeit darzustellen. Der in den Niederlanden geborene humanistische Kleriker hätte es verdient, als europäischer Intellektueller, einflussreicher Schriftsteller und liberaler Geist gewürdigt zu werden. Man müsste dabei seine Größe anerkennen ohne ihn als Lichtgestalt zu verklären. Schlussendlich würde man aber aus guten Gründen zu dem Urteil gelangen, dass der Kosmopolit Erasmus als Galionsfigur am Bug einer AfD-Stiftung vollkommen fehl am Platz ist.
Ebenso wichtig erscheint es aber auch, an die Bedeutung des europäischen Austauschprogramms zu erinnern, dem Erasmus seinen Namen geliehen hat. Die EU hat den Gelehrten nicht zufällig ausgewählt: Erasmus war gut vernetzt, er hatte weitreichende Kontakte, mit denen er sich regelmäßig austauschte, und wohnte unter anderem in Basel, Freiburg und Löwen. »Ich wünsche Weltbürger zu sein, allen zu gehören, oder besser noch Nichtbürger bei allen zu sein«, schrieb er 1522 an Huldrych Zwingli.

Ich selbst habe mit dem ERASMUS-Programm ein Auslandssemester in Perugia verbracht. Perugia, das ist die Hauptstadt der italienischen Region Umbrien, welche gerne auch als das ›grüne Herz Italiens‹ bezeichnet wird. Dort, in der Mitte unseres stiefelförmigen Nachbarlands, haben sich meine ganz persönlichen Assoziationen zum ERASMUS-Programm herausgebildet. Dazu gehören Weltoffenheit, Toleranz und ein interkultureller Austausch auf Augenhöhe.

 

 

Zwar ist auch in der Satzung der Desiderius-Erasmus-Stiftung zu lesen, dass dieser die „Förderung von Kontakten und Projekten im europäischen und internationalen Bereich“ ein Anliegen sei. Erinnert man sich jedoch an das Anfang 2017 abgehaltene Gipfeltreffen der AfD mit dem Front National, der Lega Nord und der niederländischen Freiheitspartei, dann kann man sich ungefähr vorstellen, welche Art von Kontakten zukünftig geknüpft werden sollen.
Mit ERASMUS dagegen verbinde ich echte Weltoffenheit. Nicht die Angst vor dem Fremden, sondern die Neugierde auf Neues war die Triebkraft, die mich ins Ausland gezogen hat. Vor Ort muss man sich auf ein unbekanntes Umfeld einlassen, sich neu orientieren, sich integrieren. Man bekommt vor Augen geführt, wie schwer dieser Prozess sein kann und wie wertvoll dabei jede Geste der Gastfreundschaft und Offenherzigkeit ist.

ERASMSUS steht für einen interkulturellen Dialog ohne Vorurteile. Ich wusste es zu schätzen, mich mit meinem Mitbewohner auszutauschen, dessen Eltern in Tunesien geboren wurden, der in Belgien aufgewachsen ist und in Italien Mathematik studierte. Es geht dabei nicht darum, eine gemeinsame „europäische Kulturtradition“ zu ergründen, sondern einfach darum, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken.

ERASMUS ermöglicht einen offenen Meinungsaustausch. Natürlich ist ein Auslandssemester keine Zeit, in der alle blau-gelbe Pullover tragen, sich glücklich in den Armen liegen und kleine EU-Fahnen schwenken. In Italien wurde ich oft genug mit Positionen konfrontiert, mit denen ich mich nicht identifizieren kann. Die Jugendarbeitslosigkeit in Umbrien ist hoch, die Italiener fühlten sich lange Zeit in Migrationsfragen von den anderen EU-Staaten allein gelassen. Mit einem italienischen Bekannten, der sagte, dass er Matteo Salvini gar nicht so schlecht finde, habe ich lange und kontrovers diskutiert.
Aber wie Erasmus im Mai 1519 an Martin Luther schrieb: »Bei diesen Dingen, die so fest eingewurzelt sind, dass man sie nicht plötzlich aus den Herzen reißen kann, muss man besser mit beständigen und wirksamen Argumenten disputieren als schroffe Behauptungen aufstellen.« Daher an dieser Stelle ein ganz unpolemischer Vorschlag, der sich an das Kuratorium und den Vorstand der Desiderius-Erasmus-Stiftung richtet: Schreiben Sie sich an einer Uni ein, machen Sie ein Auslandssemester und denken Sie anschließend nochmal in Ruhe über Ihre Namensgebung nach. Denn die Werte, die mir als ERASMUS-Studenten am Herzen liegen, kann eine AfD-nahe Stiftung nicht repräsentieren.

 

 

Tobias Rinn studiert im Master Geschichte an der Universität Bonn. Im Wintersemester 2015/ 16 hat er ein Auslandsemester in Perugia, Italien, gemacht. Aktuell absolviert er ein Praktikum bei der wbg im Geschichtslekorat.

 

 

 

 

 

 

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Tags: Politik
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  • Sehe das genauso!

    Ich habe während meines Studiums ebenfalls am Erasmus Programm teilgenommen und habe viele schöne Erfahrungen und Erinnerungen sammeln können. Zu dieser neuen Stiftung stehe ich genauso wie der Autor des Beitrags!

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