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Im Fadenkreuz des Terrors: Palmyra und das historische Gedächtnis

Von klimatisch bedingten Kräften heimgesucht oder geplündert von Eroberern - Palmyras Geschichte ist gezeichnet von Zerstörung. Seit der Eroberung der Stadt durch den Islamischen Staat geht es längst nicht mehr nur um die materielle Zerschlagung von historischen Artefakten. Die Verbindung zur Vergangenheit und die Identität einer ganzen Region stehen auf dem Spiel.

Palmyra starb zweimal. Sein erster Tod kam schleichend und dehnte sich über qualvolle Jahrhunderte: 272 n. Chr. hatte der römische Kaiser Aurelian die Stadt in der Oase erobert, die über ein Vierteljahrtausend eine Drehscheibe des Orienthandels gewesen war und für ein Dutzend Jahre das politische Gravitationszentrum Vorderasiens. Jahrhunderte nach Aurelian waren die Perser gekommen, dann die Araber, die Seldschuken und schließlich die Mongolen. Was Wellen von Eroberern von der Pracht der einstigen Metropole übriggelassen hatten, das zerstörten Wind, Wetter und die verbliebenen Bewohner des kümmerlichen Nests, in das sich Palmyra im Mittelalter verwandelt hatte.

Die Stadt Zenobias, die Aurelian die Stirn geboten hatte, war ein immer noch grandioser Trümmerhaufen, als Ende des 17. Jahrhunderts die ersten europäischen Reisenden von der Oase Tadmur und ihren Ruinen Notiz nahmen. In den Fußstapfen der Reisenden kamen die Archäologen, als erster der Deutsche Theodor Wiegand. Sie gruben, zeichneten und fotografierten – und ergänzten so Stück um Stück das fantastische Bild, das die antiken Texte von Palmyra malen, um harte Fakten: Fast jedes Jahr gab der Boden neue Inschriften, Grabskulpturen, Gebäudereste, Gefäße, ja sogar Textilien aus Seide preis, die man einst aus China importiert und die das trockene Klima der Wüste konserviert hatte.

Dann kamen, im Mai 2015, die Terrormilizen des Islamischen Staates. Fast kampflos eroberten sie die Oase von den zurückweichenden syrischen Regierungstruppen. Plötzlich, für einen Augenblick, richtete die Weltöffentlichkeit die Augen auf eine antike Ruinenstadt, die sie sonst geflissentlich ignorierte. Dass hier im 3. Jahrhundert Weltgeschichte geschrieben wurde, dass mitten in der Syrischen Wüste das Herz der ersten Globalisierung schlug, die über den Planeten Erde schwappte – all das hatte die Menschen im Westen bis zu jenen Tagen im Mai eher kalt gelassen: Einzig Studiosus-Reisende wussten von der Pracht der kilometerlangen Kolonnadenstraße oder der Großartigkeit des Bel-Tempels zu berichten.

Im Sommer 2015 überschlugen sich die Schreckensmeldungen. Bilder, erschütternde Bilder verbreiteten sich im Internet und enthüllten eine zügellose Barbarei, wie sie nach den Zerstörungen, die der IS im Irak bereits angerichtet hatten, zu erwarten gewesen war. Zuerst freilich starben Menschen. Das römische Theater Palmyras wurde zur grausigen Bühne einer Massenexekution, deren Opfer gefangene Soldaten der Regierungsarmee waren. Khaled al-Asad, langjähriger Direktor des örtlichen Museums und einer der eifrigsten Fürsprecher, die Palmyra jemals hatte, wurde ermordet, sein Leichnam geschändet und an einer Säule aufgehängt. Die Zerstörungswut der Islamisten machte vor den stummen Zeugen der Vergangenheit nicht halt: Ihr fielen der Baalshamin-Tempel, Teile der Nekropolen, der dreitorige Bogen in der Kolonnade und schließlich der Bel-Tempel, das größte Heiligtum der Oase, zum Opfer. Das Museum wurde in ein Trümmerfeld verwandelt. Als die Schergen des Terrors Ende 2016 noch einmal nach Palmyra zurückkehrten, beschädigten sie auch das römische Theater und das Viersäulenmonument, das den ungefähren Mittelpunkt der Stadt markiert.

Die Empörung in den Ländern des Westens war jedes Mal groß. Boris Johnson, damals Bürgermeister von London und heute Außenminister ihrer Majestät, rief die Welt zum Handeln auf. Palmyra sein ein Leuchtturm der Zivilisation, der vom abgrundtiefen Nihilismus der Islamisten bedroht werde. Es half nichts: Erst die Allianz aus Regierungstruppen und russischem Militär vertrieb die IS-Kämpfer aus Palmyra. Der Westen, der letztlich noch immer nicht begriffen hat, worum es geht, blieb Zuschauer.

Doch worum geht es? Warum überhaupt regt man sich über ein paar alte Steine auf, während ringsum Menschen vertrieben, verstümmelt und vergewaltigt werden, während Tausende einen namenlosen Tod sterben? Die Frage ist berechtigt, zielt sie doch auf den Kern dessen, welche Rolle Vergangenheit und ihre Zeugnisse in unserer Welt spielen. Zunächst: Nichts von dem, was der IS zerschlagen hat, ist wirklich unersetzlich. Bereits das Palmyra, das sich vor dem Bürgerkrieg den Besuchern darbot, war das Werk von Restaurierungen und Rekonstruktionen, ein archäologisches Disneyworld. Was zerstört wurde, ist hundertfach gezeichnet und fotografiert, vermessen und digitalisiert worden. Wer will, kann es aus dem 3-D-Drucker wieder in die Wüste stellen.

Die sichtbaren Schäden sind nicht das Problem. Viel schwerer wiegt das unsichtbare Zerstörungswerk, und das gleich doppelt. Zum einen haben Jahre von Krieg und Vernachlässigung in Palmyra, und längst nicht nur dort, unzählige Raubgräber auf den Plan gerufen, die längst jeden Kubikzentimeter Boden auf der Suche nach Artefakten umgepflügt haben, die sich auf dem internationalen Schwarzmarkt zu Geld machen lassen. Dieser Boden hat jedes Potential für künftige archäologische Forschung verloren, die je keine Schatzgräberei ist, sondern auf intakte Fundzusammenhänge angewiesen ist. Palmyras Boden ist steril, für alle Ewigkeit: Informationen über die Vergangenheit werden sich ihm, über 100 Jahre nach Beginn der systematischen Erforschung, nicht mehr abringen lassen.
Eine unsichtbare Schneise der Verwüstung hat der IS auch in den Köpfen hinterlassen. Das Berserkertum war kein spontaner Exzess der Gewalt, sondern hatte Methode: Ein Nachkriegssyrien, wie immer es aussehen mag, soll systematisch jeder Möglichkeit beraubt werden, seine Identität in einer Vergangenheit zu suchen, die jenseits der bigotten Enge des IS und seiner Ideologie liegt. Palmyra, das die Propaganda des Assad-Regimes jahrzehntelang für ihre Zwecke missbraucht hat, soll keinen Weg in die Freiheit weisen können. Wer das grausame Schicksal von Menschen gegen das nicht minder grausame Schicksal von Syriens kulturellem Erbe ausspielt, stößt deshalb, willentlich oder nicht, ins Horn der Dschihadisten. Palmyra hat es besser verdient.

 

  

Michael Sommer ist seit 2012 Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Imperium Romanum, der östliche Mittelmeerraum sowie die Phönizier. Von ihm sind zahlreiche Bücher erschienen, u.a. "Der römische Orient. Zwischen Mittelmeer und Tigris“, „Narren in Purpur. Lebensbilder aus der Antike“.

 

 

 

 

 

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