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›Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht‹ – ein Gespräch mit Historiker Lothar Machtan über sein neustes Buch

Deutschland im Spätsommer 1918: Das Reich ist in seiner bislang schwersten Krise. Der Weltkrieg ist politisch sinnlos, die militärische Niederlage unabwendbar geworden.

Der Geschichtsprofessor Lothar Machtan hat jahrelang zum Untergangsphänomen geforscht. Jetzt ist sein wohl wichtigstes Buch mit dem Titel ›Kaisersturz. Vom Scheitern im Herzen der Macht‹ erschienen. Darin lässt er die letzten Wochen des Kaiserreichs noch einmal eindrucksvoll Revue passieren und zwar aus ungewohnter Perspektive.

 

 

D. Zimmermann: Herr Machtan, wie ist es Ihnen gelungen diese überaus komplexe politische Thematik und die überbordende Quellenfülle, die Grundlage Ihrer Darstellung ist, so in den Griff zu bekommen, dass daraus diese anschauliche und eindrückliche Erzählung geworden ist von fast romanhaften Zuschnitt und das gerade mal auf rund 300 Druckseiten?

 

L. Machtan: Ich habe das politische Geschehen heruntergebrochen auf die Wahrnehmungs- und Handlungsebene von drei Protagonisten. Und zwar von Männern, die damals die Hauptdarsteller in diesem Politdrama gewesen sind. Das waren Kaiser Wilhelm II., und nicht zu vergessen seine Gattin. Das war sein letzter Kanzler, Prinz Max von Baden, sein Vetter übrigens. Und das war dessen engster politischer Verbündeter, Friedrich Ebert, der Vorsitzende der sozialdemokratischen Partei. Und dann gibt es im Hintergrund noch einen vierten historischen Akteur in diesem Buch und das ist das deutsche Volk, genauer gesagt das notleidende deutsche Volk, das zusehends in Unruhe gerät und dessen heißen Atem die handelnden sozusagen in ihrem Nacken gespürt haben.

 

D. Zimmermann: Es geht in Ihrem Buch also um die große Politik, aber es geht ganz wesentlich auch um Menschen, die Politik gemacht haben, also um die politischen Entscheidungsträger der damaligen Zeit. Warum ist es so wichtig diese Protagonisten so intensiv in den Blick zu nehmen, wie Sie das getan haben?

 

L. Machtan: Ich habe nach gründlichem Studium aller verfügbaren Quellen über den deutschen Herbst 1918 die Erkenntnis gewonnen, dass diese Zeitenwende vom 9. November keine Zwangsläufigkeit, kein Zwangsgesetz der Geschichte gewesen ist, sondern vielmehr das Resultat von Unzulänglichkeiten. Unzulänglichkeiten der damals politisch Verantwortlichen, die die Aufgabe gehabt haben hier konkrete Lösungen zu produzieren. Deswegen war mir klar, ich kann diese Geschichte nicht entlang von politisch abstrakten Fragen und Problemen untersuchen, sondern ich muss die Handlungsträger ganz zentral fokussieren. Und das bedeutete vor allen Dingen die Unzulänglichkeiten auch genauer zu beschreiben. Das schwierige menschliche Miteinander, das dazu geführt hat, dass sich dann eine Spirale von eskalierenden Gegensätzlichkeiten entwickelt hat. Die Leute nicht mehr konstruktiv, nicht mehr produktiv zusammengearbeitet haben, sondern gegeneinander und dadurch so etwas wie eine konsequente staatskluge Politik verunmöglicht wurde.

 

D. Zimmermann: Was war für Sie das Erkenntnisleitende bei der Arbeit an dem Buch, gab es einen roten Faden, einen perspektivischen Fluchtpunkt, auf den Sie hingeschrieben haben?

 

L. Machtan: Ja, ich hatte ganz klar die Perspektive, diese Geschichte ergebnisoffen zu erzählen, denn der Möglichkeitsraum für politisches Handeln war damals wesentlich größer als uns das im Nachhinein erscheint. Konkret gesprochen, es gab eine durchaus realistische Chance die Monarchie zu erhalten, natürlich nicht mit dem regierenden Kaiser und natürlich nur durch eine Reform auch dieses monarchischen Systems, aber diese Chance hat es gegeben. Ergebnisoffen erzählen heißt dann natürlich auch, diese Option, diese real gegebene Möglichkeit zu bewerten und möglicherweise daran Überlegungen zu knüpfen, die es wahrscheinlich erscheinen lassen, dass die Option eines Erhalts der Monarchie, genauer gesagt einer Versöhnung von Demokratie und Monarchie, für die deutsche Politik im zwanzigsten Jahrhundert heilsamer gewesen wäre als die überstürzte Improvisation einer volksdemokratischen Republik.

 

D. Zimmermann: Sie haben dann auch an einem Spielfilm mitgewirkt als Co-Drehbuchautor. An einem Spielfilm, den das ZDF im Herbst ausstrahlen wird. War diese für, einen Universitäts-Historiker ungewohnte Arbeit, für Sie Inspiration für das Buch?

 

L. Machtan: Ja, Sie haben recht. Ich musste mich da auf ein völlig neues Metier einlassen, denn das Geschichtsfernsehen erzählt Geschichte völlig anders als das eben akademische Historiker tun. Nämlich durch Emotionalisierung des Stoffes. Insofern war das ein Stück weit ein Wagnis, aber es war auch wiederum kein schreiender Gegensatz, weil die realhistorischen Vorgaben unserer Geschichte auch in ihrer historischen Wirklichkeit schon so dramatisch, so aufregend gewesen sind, dass wir als Filmemacher das nicht künstlich dramatisieren mussten und auch nicht überinszenieren mussten, sondern wir konnten sozusagen einen Plot generieren, der sich sehr nah an der historischen Wirklichkeit entlang bewegt. Das heißt wir erzählen reales Geschehen, reale Entschlüsse, reale Konflikte und es ist sozusagen eine Fiktion aus dokumentarischer Wurzel, wenn Sie so wollen. Das war wunderbar, trotzdem bin ich der Auffassung, dass es gut und richtig ist auch den Kontext dieser Erzählung noch mal in einem förmlichen Geschichtsbuch zu präsentieren und nachzulesen. Also gleichsam, wenn Sie so wollen, als wissenschaftliche Beglaubigung dessen, was wir da in dem Film gezeigt haben. Und natürlich auch das Quellenmaterial präsentieren, auf dem unsere Dialoge und auf dem unsere Handlungsmuster beruhen.

 

D. Zimmermann: Es war damals ganz klar eine hochbrisante politische Situation. Wie relevant ist das Wissen, das wir aus Ihrer Darstellung ziehen können, für uns heute?

 

L. Machtan: Es ist verblüffen zu sehen, mit welcher Blindheit die Verantwortlichen damals geschlagen waren gegenüber dem Problem, das sie zu lösen hatten. Nämlich der Politik des Reiches in der Gesellschaft zu Akzeptanz zu verhelfen und das Vertrauen der Menschen in diese Regierung zu fördern. Man würde sagen die Lösung lag irgendwo auch zum Greifen nah, nämlich die Agenda der Politik hin zu mehr Demokratie öffnen. Aber nichts dergleichen geschah. Sondern was wir im Gegenteil sehen ist ein Kosmos des Bornierten und des Erratischen. Und das ist für meine Begriffe ein Phänomen, das in der Politik immer wieder, möglicherweise auch bis heute, vorkommt. Und welches wir zur Kenntnis nehmen müssen, wenn wir den Kosmos der Politik, der nicht in den Nachrichtensendungen zu sehen ist, zeigen wollen.
Das heißt, wenn es eine verallgemeinerte Schlussfolgerung aus meiner Analyse gibt, dann wäre es die, sehr genau hinzugucken wem eigentlich politische Macht, wem eigentlich Führungsaufgaben übertragen werden.

 

 

Lothar Machtan ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen. Er forscht zur Kultur- und Politikgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Machtan ist Autor für Spiegel, ZEIT und FAZ sowie Verfasser zahlreicher erfolgreicher Sachbücher.

 

 

 

 

 

Es war eine politische Schicksalsgemeinschaft, die zum Scheitern verurteilt war: Kaiser Wilhelm II., der übermächtige Schwächling, Friedrich Ebert, der vermeintliche Retter, und Kanzler Prinz Max von Baden, der unvorhergesehene Anwärter auf den Kaiserthron. Mit großer szenischer Kraft erzählt Lothar Machtan von den Triebfedern der Hauptakteure im Herzen der Macht: von Leichtsinn und Dummheit, von Angst und Trotz, von Blindheit und Arroganz, von Feigheit und Versagen im Angesicht der schwersten Krise des deutschen Kaiserreichs. Statt mit klugen Problemlösungen aufzuwarten, ließen sie sich immer tiefer in ein Polit-Drama verstricken, über das erst am 9. November 1918 der Vorhang fiel.

 

 

 

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  • Kaisersturz

    Eine Diskussionsrunde mit den Herren Machtan, Keil und Kellerhoff wäre sicherlich interessant. Ich werde vermutlich beide Bücher lesen und mir eine eigene Meinung bilden...

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