Krise und Untergang der römischen Republik

Generationen von Studenten deutschsprachiger Universitäten haben seit 1979 mit Karl Christs Krise und Untergang der römischen Republik Wissen über die Römische Geschichte von 200 bis 30 v. Chr. erworben, Seminare begleitet, Prüfungen vorbereitet und sich teils auch für das Fach Alte Geschichte begeistern lassen; viele neugierige Laien haben sich mit Hilfe dieses Buch die Epoche vergegenwärtigt. Das Werk repräsentierte ein bei seinem Erscheinen noch nicht verbreitetes Genre: Es handelte sich um eine Darstellung, die auf weitausgreifender wissenschaftlicher Arbeit beruhte, jedoch von Fußnoten absah, dafür indes eine ausführliche, sorgsam gegliederte bibliographie raisonnée bot. Das ist gelegentlich mit Irritation vermerkt worden. Ein Hybrid nannte das Buch Erik Gruen in seiner grundsätzlich wohlwollenden Besprechung (The American Historical Review 85, 1980, 606 f.). Doch das Konzept bewährte sich. Auflage folgte auf Auflage.

Der Erfolg verdankt sich einem nüchternen und doch ehrgeizigen Ansatz: Das Buch besaß zwar eine klare gedankliche Linie – es machte die Überforderung der stadtstaatlichen Strukturen Roms durch die Weltreichsbildung deutlich –, doch folgte es damit vertrauten Bahnen der historischen Analyse. Karl Christ erhob auch gar nicht den Anspruch, etwas ganz Neues entwickelt zu haben: „Die viri eruditissimi werden hier nichts entdecken, was sie nicht ohnehin schon kennen“ – das war bescheiden formuliert, enthielt aber doch auch eine Anspielung auf den von Karl Christ hochgeehrten Jacob Burckhardt (1818 – 1897), den er bereits im ersten Satz des Vorworts erwähnt hatte und der gerne einen ähnlichen Gestus wählte. Ebenso bezog Christ sich am Ende des Buches auf Jacob Burckhardt. Hier geht es um die Frage des Verhältnisses zwischen dem Individuum und dem Allgemeinen, das für den Baseler Geschichtsdenker ein zentrales Thema war. Nachdrücklich betonte Christ am Ende dieses Abschnitts und damit im letzten Absatz des Buches, dass die Geschichte der Römischen Republik ohne die großen Individuen Caesar und Augustus nicht verständlich sei. Durchaus selbstbewusst ordnete er sich damit in eine bedeutende und nicht mehr junge historiographische Tradition ein.

Das ist bezeichnend: Karl Christ war einer der herausragenden Vertreter wissenschaftsgeschichtlicher Forschung in der modernen Althistorie, die für ihn nicht einfach ein Gegenstand neugierigen Interesses war, die ihm und seinen Lesern vielmehr ein Gefühl für die Zeitgebundenheit des eigenen Standpunktes vermitteln sollte – und damit Skepsis gegenüber jeglichem allzu stark vorgetragenen Neuerungsanspruch. Das spiegelt sich im ganzen Buch. Natürlich gibt es einen forschungsgeschichtlichen, zugleich die Begrifflichkeit reflektierenden Überblick am Beginn, doch an vielen Stellen kehrte Karl Christ, wie für Jacob Burckhardt angedeutet, zu entsprechenden Reflexionen oder Andeutungen zurück. Das war ihm wichtiger als die Auseinandersetzung mit der jeweils sich aktuell dünkenden Forschung – die er gut kannte, wie ja die mit fast jeder Auflage erneuerte Bibliographie zeigt. Deutlich setzte Christ sich hingegen in der Einleitung (wie auch sonst gerne) von denjenigen ab, die sich in „gewollt nonkonformistischen Wertungen“ gefielen, oder jenen, die mit dem „Glasperlenspiel einer eigenen Begrifflichkeit“ aufwarteten.

Er wolle lediglich „die erforderlichen Informationen vermitteln und zu einer neuen Vergegenwärtigung einer der wichtigsten Epochen der Römischen Geschichte anleiten“. Das war wieder bescheiden formuliert, doch stand dahinter erneut ein hoher Anspruch. Denn die Kunst der Darstellung, ja der Vergegenwärtigung einer historischen Epoche gehörte für Karl Christ zu den bedeutsamsten Aufgaben des Historikers. Und das ist ihm gelungen, gerade weil er nicht mit aktualisierenden Begrifflichkeit aufwartete, wohl aber mit einem klaren, durchsichtigen, aber nie simplifizierenden oder gar anbiedernden Stil, der eben die Verankerung in einer langen Tradition der Althistorie nie leugnete. Diese Präferenz für die Klassiker ist in Rezensionen kritisiert worden, verleiht dem Buch aber eine besondere Tiefendimensionen, eben weil es nicht am wissenschaftlichen Tagesgeschäft klebt.

Christs Akzentsetzung ist um so bemerkenswerter, weil er in dem Buch bewusst narrative und strukturgeschichtliche Kapitel verbindet, wie er es später auch in der ähnlich erfolgreichen Geschichte des Römischen Kaiserzeit (München seit 1988 in mehreren Auflagen) tun sollte. Doch geschieht dies nicht schematisch. Die Kapitel, die vornehmlich der historischen Erzählung gewidmet sind, verharren immer wieder bei strukturellen Überlegungen und die strukturellen Kapitel verzichten ihrerseits keineswegs auf verlebendige narrative Elemente; so gewinnen hier immer wieder Einzelpersonen Profil.

Zunächst schildert Christ in zwei Kapiteln die Expansion Roms im Westen und die Ausdehnung im Osten. Hier überwiegt die Ereignisgeschichte, doch schiebt er systematisierende Überlegungen etwa zur römischen Politik im hellenistischen Osten ein. Es folgen mehrere Kapitel über die innere Entwicklung Roms, zunächst wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Natur, dann erörtert Christ die „Reformversuche der Gracchen“, „Die römische Politik im Zeitalter des Marius und Sulla“, sodann folgt eines mit dem Titel „Der Zusammenbruch des sullanischen Systems und der Aufstieg des Pompeius“. In charakteristischer Weise verknüpft Christ historische Entwicklungen mit den Namen von Einzelpersonen, und ebenso charakteristisch für sein Geschichtsbild heißt das nächste Kapitel einfach „Caesar“. Christ lässt Caesar sterben und reflektiert über seine historische Rolle, um dann ein Kapitel über die Kultur- und Geistesgeschichte des 1. Jahrhunderts v. Chr. einzuschieben. Danach erst schildert er den Aufstieg Octavians bis zum Prinzipat, der ihn zu(m) Augustus macht. Allenthalben spürt man Christs Leidenschaft für die Erzählung und die Charakterisierung von Einzelpersönlichkeiten, aber auch das Bewusstsein für die Bedeutung der Strukturen. Doch die Frage nach den Einzelgestalten wird immer dominanter und lässt strukturelle Momente in den Hintergrund treten.

Seit den Achtziger Jahren entwickelte sich gerade im deutschsprachigen Raum eine ganz andere Art, auf die Geschichte der Republik zu betrachten, stärker kulturgeschichtlich, stärker auf Prozesse bedacht, mit einem genauen Blick für die Handlungszwänge, unter denen auch die starken Individuen standen, auf die Christ den Blick lenkt. Karl Joachim Hölkeskamp (Rekonstruktionen einer Republik. Die politische Kultur des antiken Rom und die Forschung der letzten Jahrzehnte, Beihefte der Historischen Zeitschrift 38, München 2004) hat diese Richtung auf dem damaligen Stand prägnant zusammengefasst. Derartige Entwicklungen hat Karl Christ noch im Blick gehabt, aber nicht mehr in die jüngeren Auflagen eingearbeitet.

Was machte die Attraktivität des Buches aus, die auf so viele Generationen von Studierenden und Gebildeten wirkte? Klarheit, Übersichtlichkeit und Benutzbarkeit, gewiss. Aber vielleicht verleiht gerade die Verbindung von bescheidenem Gestus, selbstbewusster Darstellungsweise und unaufdringlicher Reflexion auf die Geschichtlichkeit der Forschung dem Werk einen besonderen Reiz, so dass es zwar nicht im strengen Sinne aktuell ist, sich aber gegenüber den Zeitläuften zu behaupten weiß.

 

 

 

Hartmut Leppin studierte Geschichte und Klassische Philologie in Marburg, Heidelberg, Pavia und Rom. Nach dem Staatsexamen 1988 in Marburg wurde er dort 1990 promoviert. 1995 habilitierte er sich an der Freien Universität Berlin. 1995/6 vertrat er eine Professur in Greifswald. Danach erhielt er ein Feodor-Lynen- und ein Heisenberg-Stipendium, die er für Forschungsaufenthalte in Nottingham und Göttingen nutzte; seit 2001 ist er Professor für Alte Geschichte in Frankfurt am Main. Rufe nach Hannover, Berlin (HU) und Köln lehnte er ab. 2015 erhielt der den Leibnizpreis der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

 

 

 

 

 

Die große Monographie des bekannten Althistorikers Karl Christ über Krise und Untergang der römischen Republik ist seit langem ein Klassiker. Christ bietet eine moderne Gesamtdarstellung der historischen Prozesse zwischen 200 und 30 v. Chr. vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geistigen Entwicklung. Im Mittelpunkt stehen die Vorgänge in der Stadt Rom und in Italien: Triumph und Niedergang der römischen Nobilität, die Reformversuche der Gracchen, das Zeitalter der Bürgerkriege unter Marius und Sulla, Pompeius und Caesar, Antonius und Octavian bis zur Begründung des Prinzipats. Der gleichzeitige Aufstieg der römischen Republik zur Weltmacht des antiken Mittelmeerraumes hatte zur Folge, dass auch wichtige außeritalische Phänomene zu berücksichtigen sind: Der Zerfall der hellenistischen Staatenwelt und die Machtbildung Mithradates’ VI. von Pontos werden ebenso behandelt wie der Kimbernzug oder die spätjüdische Geschichte. 

 

 

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Tags: Geschichte
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  • Der bescheidene Gestus

    Danke, Hartmut. Ein Evergreen, gerade weil dieses Buch sich so bescheiden in den Dienst des Stoffes und des Lesers stellt. Welchen Althistoriker hat Karl Christ damit nicht durch sein Studium und durch viele Jahre danach begleitet? Eine schöne Würdigung.