›Leben in schwierigen Zeiten‹ – Ein Gespräch zwischen Florentijn van Rootselaar und Michael Sandel über Gentechnik

Unsere Welt verändert sich, alte Sicherheiten geraten ins Wanken, wir blicken verunsichert auf die großen Probleme unserer Zeit: Den Klimawandel, die Gefährdung der Demokratien oder den Umgang mit modernen Technologien. Florentijn van Rootselaar hat 15 der wichtigsten zeitgenössischen Philosophen zu diesen Themen interviewt, deren kritische, grundlegende Überlegungen unser eigenes Denken anstoßen und Orientierung bieten können.
Mit einem von ihnen, dem renommierten amerikanischen Philosophen Michael Sandel, spricht er über die Frage, wie weit wir in der technisch möglichen Optimierung des Menschen gehen dürfen.

 

Shenzhen, China 2015. Wissenschaftler sammeln die DNA von Menschen mit einem hohen IQ. Die Daten werden in ihren Computern analysiert, um dem Geheimnis der menschlichen Intelligenz auf die Spur zu kommen. Ihr Ziel: Eine Gentechnik auf den Markt zu bringen, mit deren Hilfe Eltern intelligente Babys bekommen können.
»Damit ist in der düsteren Geschichte der Eugenik ein neues Kapitel aufgeschlagen worden«, reagiert Michael Sandel – Philosoph und Professor an der Harvard University – auf die Forschung in Shenzhen. Sandel, der 2001 Mitglied des damals gerade neu eingesetzten President’s Council on Bioethics wurde, hat eine ausgesprochen kritische Haltung zur Gentechnologie. Das macht auch sein Buch ›Plädoyer gegen die Perfektion. Ethik im Zeitalter der genetischen Technik‹ deutlich.

Wir sitzen in Clubsesseln in der Bar der Amsterdamer Niederlassung des Waldorf Astoria. Die Musik ist zu laut, und neben uns schüttelt der Barkeeper einen Cocktailshaker mit Eiswürfeln. Sandel beugt sich – freundlich und professionell, wie er ist – näher zum Aufnahmegerät hinab. Selten bin ich einem Denker begegnet, mit dem ich weniger übereinstimme. Aber er hat mich doch zum Nachdenken gebracht. Bedeutet die Verbesserung des Menschen nur eine Anpassung an unsere harte neoliberale Welt, in der es für Unzulänglichkeiten keinen Platz gibt?

Und – für meine Suche wichtig – kann die Verbesserung des Menschen sogar dazu führen, dass wir die Bindung an unsere Gesellschaft verlieren?
Warum steht Sandel der Forschung in Shenzhen so kritisch gegenüber? »Zunächst einmal, weil sie von der Vorstellung ausgeht, es sei möglich, Intelligenz mittels IQ zu erfassen, mittels etwas Messbarem, dem ein genetisches Korrelat entsprechen könnte. Das deutet auf ein falsches Verständnis bedeutender intellektueller Qualitäten hin, die es zu kultivieren und zu würdigen gilt. Doch selbst wenn es möglich wäre, menschliche Intelligenz auf diese Weise zu erfassen, wäre es falsch …«
Worin liegt für Sandel der wesentlichere Grund, diesen Versuch zur Verbesserung des Menschen so vehement zu kritisieren? Nirgendwo sei ihm deutlicher geworden, was daran in die Irre führt, als in einer Vorlesung über Ethik und Biotechnologie, die er gemeinsam mit einem Kollegen – einem Genetiker – hielt. Als Gastredner hatten sie James Watson eingeladen, den berühmten Molekularbiologen, der 1953 gemeinsam mit Francis Crick der Welt die Struktur der DNA präsentiert hatte. 1962 sollten sie für ihre Entdeckung den Nobelpreis erhalten.
Sandel beschreibt die Szene, die sich im Vorlesungsaal zutrug: »Wissen Sie, was er damals sagte? Menschen mit einem niedrigeren IQ müssten verbessert werden – das war das Wort, das er verwendete: verbessert. Er glaubte, ihnen helfen zu müssen; die Verbesserung würde dazu führen, dass sie sich in der Welt besser fühlten.
Ich fragte: ‚Ist ein niedriger IQ denn eine Krankheit? Eine Krankheit, die einer Behandlung bedarf?‘
Er antwortete: ‚Ja, ein niedriger IQ weist auf eine Krankheit hin, die geheilt werden muss.‘ Einer meiner Studenten stellte daraufhin eine gute Frage: ‚Manche Menschen haben es schwer im Leben, weil sie in unserer Gesellschaft keine Arbeitsstelle finden können. Sie sind arbeitslos, weil sie nicht über die notwendigen mentalen Fähigkeiten verfügen. Warum verändern wir nicht das ökonomische und soziale System, sodass diese Menschen dennoch eine Arbeit finden und ausreichend entlohnt werden? Warum verdient jemand, der für einen Hedgefonds arbeitet, viel Geld, und ein Parkwächter nicht?‘
Wissen sie, was Watson darauf antwortete? Er sagte: ‚Aber die Gesellschaft können wir niemals verändern, das ist viel zu schwierig. Es ist viel einfacher, die Wissenschaft zu nutzen, um das Leben dieser Menschen zu verbessern.‘
Ich hielt das für eine sehr düstere und gefährliche Vorstellung. Menschen, die Gentechnik verwenden, geben vor, der weniger privilegierten Klasse zu helfen, aber sie tun etwas ganz Anderes: Sie betrachten diese Menschen als Wesen mit einem Makel. Und das ist nun genau mein moralischer Einwand gegen die Eugeniker. Sie betrachten die Menschen, die sich in unserer ökonomischen Ordnung – einer Ordnung, die wir selbst geschaffen haben und daher vielleicht auch verändern können – nicht entfalten können, als minderwertig. Der Begriff hat eine düstere Vergangenheit. In der Ära der Eugenik – im 20. Jahrhundert – wollten die Eugeniker, zu denen mit Sicherheit auch die Nazis gehörten, die Sonderlinge, die Unangepassten, ausmerzen – durch Heilung oder sogar durch Ausrottung.
Das zeugt von einem zutiefst objektivierenden Blick auf den Menschen. Man macht ihn zu einem Ding, man beraubt ihn seiner Menschlichkeit und der Möglichkeit, die Welt zu verändern, der Möglichkeit, das Heft selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt für die Menschen dann keine Veranlassung mehr, kritisch über die Gesellschaft nachzudenken, sie wird als Faktum angesehen.«

Sie vergleichen die heutige Verbesserung des Menschen mit Nazipraktiken. Aber liegt ein Unterschied nicht darin, dass die Anpassung des Menschen zu Zeiten der Nazis vom Staat erzwungen wurde, während wir uns heute selbst dafür entscheiden?

»Oft meint man, die Eugenik sei unproblematisch, weil sich die Menschen selbst dafür entscheiden. Anders als bei den Nazis, hört man dann, gebe es keinen staatlichen Zwang, keine Zwangssterilisation zum Beispiel. Aber dem kann ich nicht zustimmen. Es ist ein Irrtum, anzunehmen, Zwang sei das einzige, was daran verwerflich ist. Die Eugenik des freien Marktes oder die privatisierte Eugenik basieren nach wie vor auf der inhumanen Einstellung, dass wir Menschen uns verändern müssen, um in die Welt zu passen, und dass nicht die Welt an die Menschen, so wie sie sind, angepasst werden sollte.
Außerdem respektiert diese liberale Eugenik unsere Freiheit weniger, als wir denken. Eltern haben, wie wir wissen, die Pflicht, das Wohlergehen ihrer Kinder zu fördern. Sie sind zum Beispiel verpflichtet, ihre Kinder zur Schule gehen zu lassen. Nehmen wir nun einmal an, es gäbe die Möglichkeit, das Leben der Kinder mit Hilfe von Gentechnologie angeblich zu verbessern. Dann könnte das allgemein akzeptierte Prinzip des Wohlergehens dafür angeführt werden, Gentechnologie zur Pflicht zu erheben – auf jeden Fall könnte ein beträchtlicher moralischer Druck aufgebaut werden. Das sehen wir heute schon beim Downsyndrom-Screening. Werden Menschen bald von anderen verurteilt werden, weil ihr Kind nicht superintelligent ist?
Während zur Verteidigung der Gentechnologie angeführt wird, dass sie unser Leben verbessern könne, erweist sie sich in Wirklichkeit als zusätzliche Belastung. Wir empfinden es als eine große Last, selbst das Beste aus unserem Leben zu machen, wir sind vollkommen für unser Leben verantwortlich. Wohingegen wir bisher mitunter das unperfekte Leben unbekümmert leben konnten.«

Sie betonen die Anpassung an eine neoliberale Welt des Marktes und des Wettbewerbs. Aber ist die Verbesserung des Menschen nicht einfach ein Mittel, um sich als Mensch besser zu entfalten? Um glücklicher zu werden?

»Was ist Glück? Zufriedenheit? Das Gefühl weniger frustriert zu sein? Das ist kein Glück. Glück bedeutet nicht, dass man sich bloß an die soziale Welt anpasst. Bei Aristoteles ist das schon zu sehen: Glück ist eine Tätigkeit der Seele, vergleichbar mit einer Tugend. Glück ist nicht nur ein mentaler Zustand, etwas im eigenen Kopf, weder ein rein subjektives Gefühl, noch ein Eindruck oder eine Wahrnehmung. Glück bedeutet, dass man sich mit der Welt verbindet, sich engagiert. Man strebt nach einem guten Leben. Dieses Streben ist ein wesentlicher Faktor der conditio humana und des guten Lebens. Und genau diesem Streben läuft die Gentechnologie zuwider. Wenn wir dank dieser Technologie Perfektion erreichen, verstummt das Gespräch, dann verschwindet auch der Wunsch, gemeinsam die Welt zu verbessern. So schließt uns die Gentechnologie von einer der wichtigsten Quellen unseres Menschseins ab.«

Aber gesetzt den Fall, jemand sagte: Herr Sandel, Sie bestimmen nun gerade für mich, was ein glückliches Leben ist. Doch das entscheide ich für mich selbst.

»Dann würde ich zuerst einmal fragen, was diese Person damit genau sagen will. Meint sie, die Idee des guten Lebens sei rein subjektiv? So etwas wie eine Vorliebe für eine bestimmte Eissorte – der eine mag Vanille, der andere lieber Schokolade? Etwas, über das wir gar nicht gemeinsam mit einem Freund oder einem Philosophen nachdenken können? Dieser Ansatz scheint mir in höchstem Maße inakzeptabel. Er schließt die Möglichkeit aus, dass man von anderen lernen kann, dass man sich davon überzeugen lassen kann, dass es eine andere Art des Lebens gibt, die erfüllender ist oder auch besser. So sind wir Menschen nicht. Man sieht ja, dass wir ständig mit Freunden, Familienmitgliedern, Lehrern und Mitschülern Gespräche über das gute Leben führen.
Aber die Person, die die Frage gestellt hat, könnte vielleicht sagen: Ich will zwar gern mit anderen über das gute Leben sprechen, doch am Ende dieses Gesprächs möchte ich die Freiheit haben, selbst zu entscheiden, wie ich lebe. Das gute Leben darf nicht per Gesetz verordnet werden. Und ja, dem stimme ich im Großen und Ganzen zu: Das Gesetz sollte zumindest den unterschiedlichen Formen zu leben viel Raum geben. Idealerweise schafft das Gesetz einen Rahmen, in dem sich Menschen untereinander beraten und verschiedene Meinungen haben können.
Das Problem ist derzeit, dass wir so tun, als hätten diese beiden Ansprüche die gleiche Bedeutung. Als ob die Idee, dass es einen Freiraum für eine eigene Vision vom guten Leben geben müsse, bedeuten würde, dass wir kein Gespräch mehr darüber führen könnten – und schon gar keine Debatte. Als ob das eine Form unberechtigter Einmischung sei. Wobei doch gerade dieses gemeinsame Nachdenken den Kern unseres Menschseins ausmacht.«

Florentijn van Rootselaar, Philosoph und Journalist, ist Herausgeber der niederländischen Zeitschrift Filosofie Magazine.

 

 

 

 

 

In Gesprächen mit 15 bedeutenden Gegenwartsphilosophen sucht Florentijn van Rootselaar nach einer neuen Weise, die Welt wahrzunehmen und unsere Zukunft zu gestalten.
Unter den Überschriften »Flüchtige Welt«, »Welt in der Krise« und »Verzauberte Welt« diskutieren Zygmunt Bauman, Martha Nussbaum, Alain Finkielkraut, Jacques Rancière, Michael Sandel, Susan Neiman, Hartmut Rosa, Bernard Stiegler, Bruno Latour, Peter Sloterdijk, Charles Foster, Roger Scruton, Terry Eagleton, Michael Puett und Tu Weiming Themen wie Nachhaltigkeit und Verantwortung, die Veränderung der Konsumgesellschaft und den Aufbau einer Beziehung zur Natur, Nationalgefühl und kulturelle Identität, das Für und Wider von Genmanipulation oder die Unterminierung unseres Vertrauens in die Welt durch Fake News. Sie fragen nach dem Sinn des Lebens, begeben sich auf die Suche nach Transzendenz und beschreiben den Wert von Achtsamkeit, Muße und Ritualen. So zeigen sie, wie die Philosophie Orientierung für das Leben geben kann.

 

 

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