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Lenin, Trotzki und das Schicksal der Digital Commons – Ein Essay von Slavoj Žižek

Revolution und Demokratie – passt das zusammen? In zwei Essays haben sich die wbg-Autoren Sven Felix Kellerhoff und Slavoj Žižek dieser spannenden Frage gewidmet. Entstanden sind dabei zwei unterschiedliche Beiträge zur Diskussion über die Zukunft der Demokratie.

Im folgenden Beitrag macht Slavoj Žižek seine Meinung deutlich:

 

Von der Oktoberrevolution können wir für heute etwas lernen, was oft nicht beachtet worden ist. Es geht um die Zusammenarbeit zwischen Lenin und Trotzki.

Im Februar 1917 saß Lenin in Zürich fest, ohne irgendwelche verlässlichen Kontakte in Russland zu haben. Im Oktober des gleichen Jahres führte er dort erfolgreich die erste sozialistische Revolution an. Lenin erkannte, dass eine Revolution möglich war, und hatte Erfolg, weil sein Aufruf die Führungsriege der Partei umging und auf ein Echo bei »revolutionären mikropolitischen Gruppen« stieß: Es entstand explosionsartig eine Basisdemokratie und lokale Verbände schossen überall in Russlands Großstädten aus dem Boden. Dies ist genau das Gegenteil des Irrglaubens, eine winzige Gruppe skrupelloser, überzeugter Revolutionäre habe einen Staatsstreich ausgeführt.

Jedoch steckt ein entscheidendes Körnchen Wahrheit in der Bezeichnung Staatsstreich. Als Lenins Auffassung, die Zeit für eine Revolution wäre gekommen, akzeptiert wurde, versuchten die meisten Führungskader der bolschewistischen Partei, einen Volksaufstand zu organisieren. Trotzki hingegen vertrat einen anderen Standpunkt: Eine eingespielte, gut ausgebildete Elite sollte die Führung übernehmen. Nach kurzem Zögern verteidigte Lenin Trotzki, der wusste, wie träge die Massen waren. Eine eingespielte revolutionäre Truppe sollte sich das Chaos zunutze machen, um die Machthaber anzugreifen und dadurch Platz für die Selbstorganisation der Massen zu schaffen. Aber diese Truppe sollte nicht wie bei einer traditionellen Palastrevolte die »Macht ergreifen«. Trotzki zielte vielmehr auf das materielle (technische) Netzwerk der Machthaber ab, ohne das der Staat machtlos war.

Statt solch ein Vorhaben moralisch abzulehnen, sollte man es nüchtern analysieren und überlegen, wie man es auf unsere Zeit anwenden könnte, denn Trotzkis Erkenntnis ist aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung unseres Lebens zu einer neuen Wirklichkeit geworden. Alles, einschließlich unseres Privatlebens, wird heutzutage von einem digitalen Netzwerk bestimmt. Das Web ist heute unser wichtigstes Commons, unser Gemeingut, und der Kampf um seine Kontrolle ist DER Kampf schlechthin.

Das digitale Netzwerk hält unsere Gesellschaft und gleichzeitig auch deren Kontrollmechanismen am Laufen. Folglich ist die »Besetzung« des digitalen Netzes absolut entscheidend. Auf die gleiche Weise, wie Trotzki die Mobilisierung einer eingespielten, gut ausgebildeten »Kampftruppe« benötigte, brauchen wir eine eingespielte Truppe engagierter »Ingenieure« (Hacker, Whistleblower), die als disziplinierte Verschwörergruppe organisiert sind. Ihre Aufgabe wird es sein, das digitale Netz zu »übernehmen«, es den Händen der Unternehmen und staatlichen Stellen zu entreißen, die es aktuell de facto kontrollieren. Wikileaks war nur der Anfang. Unser Motto sollte einem Zitat Maos folgen: Lasst hundert Wikileaks blühen.

Wir brauchen deshalb das politische Pendant zur Hegelschen Triade – das Universelle, das Besondere und das Einzelne. Das Universelle sollte ein Massenaufstand im Stil der PodemosBewegung sein. Das Besondere sollte eine politische Organisation sein, die die Unzufriedenheit in ein wirksames politisches Manifest überträgt. Und das Einzelne sollte eine spezialisierte Elite sein, die rein »technisch« agiert und dabei die Funktion der staatlichen Kontrolle und Regulierung schwächt. Ohne dieses dritte Element blieben die ersten zwei machtlos.

 

Lesen Sie auch den Diskussionsbeitrag von Sven Felix Kellerhoff!

 

Slavoj Žižek (geb. 1949) gehört zu den bekanntesten Philosophen und Kulturkritikern der Gegenwart. Er ist International Director am Birkbeck Institute for Humanities der University of London und Professor für Philosophie an der Universität seiner slowenischen Heimatstadt Ljubljana.

 

 

 

 

 

Im Spätwerk Lenins verdichten sich Dringlichkeit und revolutionäre Schlagkraft in besonderer Weise. Dennoch stehen meist seine frühen Schriften im Rampenlicht. Der Philosoph und ausgezeichnete Lenin-Kenner Slavoj Žižek zeigt nun anhand ausgewählter Briefe, Reden und Notizen eine neue Seite des sowjetischen Regierungschefs, fernab von Personenkult und Verklärung.
Anfang der Zwanzigerjahre, inmitten der letzten Wellen des russischen Bürgerkriegs, sah sich Lenin mit der größten politischen Herausforderung seines Lebens konfrontiert. Die junge Sowjetunion war nach außen wie nach innen schwach, isoliert und zerrüttet - eine neue, gemäßigte Politik musste her. In seiner scharfsichtigen, präzisen und unterhaltsamen Interpretation zieht Žižek eine Verbindung von den turbulenten Zeiten des jungen Staates bis zu gegenwärtigen ökonomischen Krisen. Angetrieben wird er von der Frage, was wir für unsere Situation von Lenin lernen können.

 

 

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Tags: Revolution
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