Lob der Revolution – ein Plädoyer wider ihre Verächter

„Man kann die Revolution 1918/19 nicht als misslungen, stecken geblieben oder unvollendet bezeichnen.“ – In unserem neuen Blogbeitrag sprechen Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff darüber, weshalb die Ereignisse nach dem ersten Weltkrieg zu den am meisten unterschätzten Erfolgen der deutschen Geschichte zählen.

Nichts ist so hartnäckig wie ein schlechter Ruf. Einmal etabliert, lässt er sich kaum mehr ändern; vor allem nicht, wenn sich niemand berufen fühlt, als Verteidiger aufzutreten. Auch ein gutes Jahrhundert nach den Ereignissen leidet die Revolution 1918/19 genau daran. Sie gilt meist als misslungen, fehlgeschlagen oder verraten, als „Sturzgeburt“, bestenfalls als nicht geglückt, stecken geblieben oder unvollendet. Zu den Kronzeugen zählt der Schriftsteller Erich Kästner, der den Umsturz als „ein bisschen Revolution“ verspottete.

Der wortmächtige Publizist Sebastian Haffner, der wie kein anderer deutscher Journalist zwischen linksliberal und erzkonservativ pendelte, prägte in einem Bestseller zum 50. Jahrestag 1968 ein prägend gewordenes Urteil: „Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde – ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.“

 

 Nicht ganz so zugespitzt, aber gerade deshalb allgemein anschlussfähig und oft zustimmend zitiert, urteilte 1993 der Berliner Zeithistoriker Reinhard Rürup: „Das Selbstverständnis der Weimarer Republik und ihrer Träger gründete sich nicht auf die Revolution, sondern auf deren Überwindung. Nicht nur die bürgerlich-demokratischen Kräfte, sondern auch die Sozialdemokraten distanzierten sich sehr rasch und eindeutig von der Revolution.“ Eine Fülle ähnlicher Bewertungen ließe sich hinzufügen.

Wir glauben jedoch, dass Haffners Bewertung unzutreffend ist und dass Rürups Urteil ebenso in die Irre führt. Denn in Wirklichkeit handelte es sich bei der Revolution von 1918/19 um den wohl am meisten unterschätzten Erfolg der jüngeren deutschen Geschichte. Natürlich lief sie nicht unblutig ab wie der friedliche Aufstand der Menschen in der DDR, der 1989/90 zum Sturz des SED-Regimes geführt hat. Aber gemessen an den Verhältnissen der Zeit war erstaunlich, wie gewaltarm der Umsturz am Ende des Ersten Weltkrieges die jahrhundertealte Herrschaft der deutschen Monarchen hinwegfegte.

Gleichzeitig etablierte die Revolution Strukturen, die uns heute selbstverständlich erscheinen: eine Verfassung, die Grundrechte wie die Presse- und die Versammlungsfreiheit garantiert; das Prinzip der allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlen einschließlich des Frauenstimmrechts; die Anerkennung der Gewerkschaften als „berufene Vertretung der Arbeiterschaft“; kollektive Tarifverträge und soziale Absicherung. Alles in allem erhielt jeder erwachsene Deutsche 1918/19 innerhalb weniger Monate ein vorher kaum vorstellbar hohes Maß an persönlichen Freiheits- und Mitspracherechten.

Natürlich versuchten viele, die vom bis dahin herrschenden System profitiert hatten, ihre Pfründe in der neuen Ordnung zu sichern. Sie arrangierten sich ohne innere Überzeugung mit der Republik. Und selbstverständlich handelten die führenden Kräfte der Revolution mitunter inkonsequent, machten Fehler. Andererseits darf man nicht vergessen, dass selbst politisch Erfahrene das erste Mal eine Revolution erlebten – die letzten annähernd vergleichbaren Ereignisse in Deutschland hatte es 70 Jahre zuvor gegeben, während des tatsächlich gescheiterten bürgerlichen Aufstandes 1848/49, und die Ausrufung der dritten französischen Republik 1870 lag 1918/19 auch schon fast ein halbes Jahrhundert zurück.

Nun, nach dem bis dahin schlimmsten aller Kriege, wurden sämtliche überkommenen Strukturen infrage gestellt. Gerade das ermöglichte vielen Menschen, selbst Verantwortung zu übernehmen und unter neuen Bedingungen politische Erfahrungen zu sammeln. Zum Beispiel in Räten aller Art, einer bis dahin unbekannten Form der direkten Selbstverwaltung, die in vielen Regionen Deutschlands gemeinsam mit den alten Amtsträgern oder an ihrer Stelle maßgeblich für Ruhe und Ordnung sorgte. Ähnlich agierten übrigens auch viele DDR-Bürger in den Monaten nach dem Fall der Berliner Mauer – in Bürgerkomitees und an Runden Tischen. Sowohl 1918/19 wie 1989/90 prägte, bei allen sonstigen Unterschieden, das Erleben, was Teilhabe an der Gesellschaft bedeutet, die Menschen unterschiedlicher Schichten und Milieus.

Man kann die Revolution 1918/19 nicht als misslungen, stecken geblieben oder unvollendet bezeichnen. Im Gegenteil: Sie war noch dazu in einer denkbar schwierigen politischen Situation, trotz insgesamt mehreren Tausend Opfern bei Straßenkämpfen die Geburt der Demokratie in Deutschland. Dieser Sieg des Fortschritts, dieser Meilenstein der neueren deutschen Geschichte verdient es, gewürdigt zu werden.

Wir wollen mit unserem Buch einen solchen Perspektivwechsel einleiten. Uns hat immer wieder verblüfft, wie wenig viele, die über den Umsturz urteilten, die Zwänge der Situation verstehen. Was war Deutschland denn in jenem Herbst 1918? Ein Land mit einem geschlagenen Heer aus abgekämpften, desillusionierten, vielfach verrohten Soldaten und Hunderttausenden Deserteuren, die ihre Rückkehr an die Front verweigerten. Ein Land mit einer Zivilbevölkerung, die von Entbehrungen, Hunger und Spanischer Grippe geplagt war, die im Herbst 1918 ihren Höhepunkt erreichte. Der Vertrauensverlust in den bestehenden Staat, seine Institutionen und die herrschenden Eliten der Monarchie war immens. Es herrschte das Gefühl, jetzt müsse sich um jeden Preis etwas ändern. Dieser Eindruck erfasste selbst Kreise, an deren Loyalität und deren Patriotismus bis dahin kein Zweifel bestanden hatte. Eine günstige Zeit für Umbrüche also.

Andererseits gab es weiterhin jene Aufgaben, die jede Regierung gleich welcher politischen Richtung zu bewältigen hat: Die Versorgung der Bevölkerung im nahenden Winter musste gewährleistet und dem Verlangen nach Sicherheit sowie nach einem endlich normalen Alltag Rechnung getragen werden. Hinzu kam, dass Millionen Soldaten zu demobilisieren und wieder in die Wirtschaft einzugliedern waren. Und dann noch die Forderungen der Siegermächte!

All diese Aufgaben verlangten Augenmaß und Pragmatismus; mit ideologisch aufgeladenen Fantastereien waren sie nicht zu bewältigen. Hingegen stand 1918/19 ein fundamentaler Wechsel der gesellschaftlichen Ordnung nicht auf der Tagesordnung. Er war im Großteil der Bevölkerung nicht konsensfähig und hätte die ohnehin völlig erschöpften Menschen überfordert.

Die Ereignisse von vor hundert Jahren sind, darin immerhin lag Haffner richtig, eine durch und durch sozialdemokratische Revolution gewesen. Weil Sozialdemokraten Verantwortung übernahmen, obwohl es ihnen an Erfahrung bei der Führung eines Staates mangelte, wenn auch nicht an politischer Finesse. Weil Sozialdemokraten, viele bereits im reiferen Alter, ihre Skepsis überwanden, in „ein bankrottes Unternehmen“ einzusteigen, wie SPD-Fraktionschef Philipp Scheidemann es ausdrückte. Allen Bedenken zum Trotz taten sie es, anfangs zusammen mit Vertretern der von der SPD abgespaltenen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei. Damit rückten die Sozialdemokraten, bis dahin konsequent in der Opposition gehalten, ins Zentrum der Politik.

Der SPD ist seither oft zum Vorwurf gemacht worden, sie habe sich zu sehr auf den überkommenen Staatsapparat und die durch die Niederlage diskreditierten Eliten des Kaiserreiches gestützt. Doch diese Kritik verkennt, dass auch dort ein Umdenken eingesetzt hat. Bürgertum und Bürokratie waren 1918/19 ebenso wenig eine homogene Masse wie die Arbeiterschaft.

Es wäre wünschenswert, wenn sich die heutige SPD der Leistung ihrer Mitglieder und ihrer Parteiführung in den bewegten Zeiten zwischen Weltkrieg und Weimarer Republik stärker bewusst würde, statt dieses Erbe weitgehend zu verleugnen. Doch lieber schämt sich die Sozialdemokratie dafür, „der Demokratie einen Vorrang vor dem Ziel des Sozialismus“ beigemessen zu haben, kritisiert zu Recht Alexander Gallus, einer der ganz wenigen heutigen Historiker, die den Umsturz am Ende des Ersten Weltkrieges angemessen würdigen.

Unser Buch versucht, den Schutt eines Jahrhunderts politischer Attacken beiseite zu räumen, um einen angemessenen Blick auf die Akteure der Revolution und ihre Handlungsspielräume zu ermöglichen. Wir tun das, indem wir Zeitgenossen zu Wort kommen lassen, sowohl handelnde Personen auf allen Ebenen wie bloße Zuschauer der Ereignisse. Damit wollen wir einem Defizit abhelfen, das Volker Ullrich, der langjährige Geschichtsredakteur der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, völlig zu Recht moniert hat: „Die Historiker haben solchen zeitgenössischen Berichten aus der Umbruchszeit bislang zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Sie aufzugreifen und zu analysieren hieße, wichtige Korrekturen am überlieferten Bild der Revolution vorzunehmen.“

Daher beruht unser Buch auf Protokollen, Briefen, Tagebüchern und Zeitungsartikeln aus den entscheidenden Monaten von Ende September 1918 bis Ende November 1919 sowie auf Memoiren und anderen rückblickenden Berichten, die Augenzeugen später verfassten. Nur aus dieser unmittelbaren Perspektive lässt sich erkennen, welche Probleme die führenden Köpfe sahen und warum sie handelten, wie sie es taten. Ob die seinerzeit als drohend wahrgenommenen Gefahren tatsächlich realistisch waren, ist demgegenüber sekundär – Beobachtungen ex post können naturgemäß keinen Einfluss auf die Ereignisse haben.

Um einen repräsentativen Blick auf die Revolution von 1918/19 zu gewinnen, beschränken wir uns dabei nicht auf die Orte, die bisher meistens im Mittelpunkt standen: die Reichshauptstadt Berlin und München, wo die bekannteste Räterepublik knapp vier Wochen lang herrschte. Natürlich bezieht unser Buch Kiel ein, denn von dort aus nahm der Umsturz seinen Ausgang. Zusätzlich schauen wir nach Bremen und Braunschweig, nach Leipzig und ins Ruhrgebiet. Wer allerdings nur die Großstädte und die dort naturgemäß starke Arbeiterbewegung im Blick hat, wird niemals die gesellschaftliche Realität in der Umbruchzeit ganz erfassen können. Deshalb betrachten wir auch die Provinz, stellvertretend Baden und Württemberg sowie Ostpreußen.

Gleichzeitig greifen wir aber auch den fortwirkenden Streit um die Revolution auf, denn auch ein Jahrhundert später ist die Demokratie keineswegs selbstverständlich, sondern ständig gefährdet – mal weniger, mal mehr. Populismus und der Glaube an schlichte Heilsversprechungen, die beide gegenwärtig besonders stark sind, bereiten uns große Sorge. Gerade angesichts dessen kann man die Bedeutung der demokratischen Revolution von 1918/19 kaum überschätzen. Statt Verachtung verdient sie: Lob.

 

 

Lars-Broder Keil
Lars-Broder Keil, geb. 1963, war als Journalist seit 1989 u.a. für das Auslandsmagazin Freie Welt, Die Zeit und Welt am Sonntag tätig, seit 2001 ist er Redakteur im Ressort Innenpolitik der WELT mit Schwerpunkt Zeitgeschichte und historische Serien.Daneben ist er Buchautor vorwiegend für zeithistorische Themen; letzte Veröffentlichungen: "Fake News machen Geschichte. Gerüchte und Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert", Berlin 2017 (zus. mit S. F. Kellerhoff), "Stauffenbergs Gefährten. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer", München 2013 (zus. mit Antje Vollmer).

 

Sven Felix Kellerhoff
Sven Felix Kellerhoff, geb. 1971, war als Journalist u.a. tätig für die Berliner Zeitung, die Badische Zeitung und den Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 bei der WELT, seit 2003 dort als Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte, seit 2012 zusätzlich Leiter des History Channel WELTGeschichte. Seit 2002 erschienen von ihm 24 Sachbücher, vier davon zusammen mit Lars-Broder Keil. Jüngste Veröffentlichungen: „Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches" (2015), "Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder" (2017). ((Artikel: Keil/Kellerhoff, Lob der Revolution / Machtan, Kaisersturz / Knipp, Im Taumel))

 

War der Umsturz von 1918 misslungen, nur eine »steckengebliebene Revolution«, eine »Sturzgeburt«? Oder handelte es sich nicht doch um einen erstaunlich unblutigen, weitgehend erfolgreichen Umbruch hin zum ersten demokratischen Gemeinwesen auf deutschem Boden? ›Lob der Revolution‹ macht es sich zum Ziel, den schlechten Ruf der Revolution zu rehabilitieren, die schließlich zur ersten Republik, zur hochmodernen Weimarer Verfassung und zu den ersten allgemeinen, freien und geheimen Wahlen auf deutschem Boden führte.

 

 

 

 

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