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Lokalnachrichten: Ganz normales Pogrom 38

So klein, so nah, so ganz konkret: Wenn Hemmschwellen brechen und Wertesysteme versagen erwächst aus Ressentiments und Vorurteilen Gewalt und Vernichtung. Sven Felix Kellerhoff schreibt eine paradigmatische Provinz-Parabel – und ein bedrückendes Lehrstück aus der deutschen Geschichte.

 

In der siebten Klasse hatte mein Sohn am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilgenommen und eine Arbeit geschrieben über die Novemberpogrome 1938 in unserem Heimatort Finthen. Finthen war 1938 ein rheinhessisches Bauerndorf, und diesen Charakter hat es sich grosso modo bis heute bewahrt, auch wenn es unter dem Ministerpräsidenten Helmut Kohl 1969 zwangseingemeindet wurde: Aus dem altehrwürdigen Mainz sollte durch Vergrößerung endlich eine richtige Landeshauptstadt werden. Aber noch heute werden wir Finther – besonders in der Fassnachtszeit – als ‚Finther Bergbauern‘ verspottet, natürlich aus Neid, weil wir hoch über dem stickigen Mainzer Kessel thronen, und schon das römische Legionskastell und die Stadt Moguntiacum konnten nur dank des frischen Quellwassers aus Finthen überleben – Fontana.

Diese Arbeit hatte mich seinerzeit sehr fasziniert (wiewohl ich in keinster Weise daran Anteil nehmen durfte). Denn auch wenn ich seit über 20 Jahren Geschichtslektor bin und in dieser Zeit mehrere Dutzend Bücher zum ‚III. Reich‘ betreut habe, so waren für mich die Novemberpogrome bis dato doch immer eine urbane Tragödie gewesen, bin ich davon ausgegangen, dass Juden generell fast ausschließlich in den Zentren siedelten, in Mainz und Worms, Frankfurt oder Berlin, nicht aber in Dörfern und auf dem Land.

Dabei finden sich zwei Stolpersteine direkt zwei Häuser neben unserem Wohnhaus, sechs weitere über den Ort verteilt. Als mein Sohn dann noch einen Zeitzeugen fand, der als Kind miterlebt hatte, wie die beiden jüdischen Bewohner aus diesem Haus gezerrt wurden, da rückte das Grauen ganz nah: Dies ist der schlimmste Sündenfall einer Gesellschaft, wenn sie die eigenen Nachbarn verspottet und misshandelt und letztlich der Vernichtung anheim gibt!

 

 

Einen ganz ähnlichen Weg geht der Historiker, Journalist und Publizist Sven Felix Kellerhoff in seinem jüngsten Buch ›Ein ganz normales Pogrom. November 1918 in einem deutschen Dorf‹. Wie unter der Lupe, die in jedem Asterix-Band das berühmte gallische Dorf aus der Bedeutungslosigkeit hervorhebt, richtet er seinen Blick auf Guntersblum, gleichfalls ein rheinhessisches Bauerndorf, nur 20 Kilometer Luftlinie von Finthen entfernt. Und wenn man das Buch zu lesen anfängt versteht man bedrückend schlagartig: So geht das, wenn aus meiner kleinen Abneigung gegen meinen Nachbarn linkerhand – weil er schwarz ist, rot oder gelb, weil er, anders als ich, Protestant, Hindu, Moslem, Jude oder Freikirchler ist – ein erhitztes Vorurteil wird, über das ich mit meinem Nachbarn rechterhand beim Bäcker spreche. Wenn aus offen ausgesprochenem Ressentiment gemeinschaftlich genährter Hass erwächst und sich eine Dorfgemeinschaft schließlich zur Gewalt gegen eigene Mitbürger und Nachbarn hinreißen lässt …

Movens für die Arbeit an diesem Buch, nucleus der Geschichte sind sieben zuerst wenig spektakulär wirkende, unprofessionelle schwarz-weiß Fotografien aus dem Jahr 1938 – verwackelt zum Teil, aus schräger Perspektive aufgenommen -, die dem Historiker Kellerhoff zur Begutachtung gegeben wurden. Aber es sind Fotos, die es in sich haben!

Auf den ersten Blick meint man, eine bizarre Christi Himmelfahrt-Prozession zu erkennen, für ein katholisches Weindorf nicht ungewöhnlich. Erst auf den zweiten Blick wird klar: zu sehen ist der entehrende Schandzug, zu dem die örtlichen SA- und NSDAP-Honoratioren die sechs Juden des Ortes zwangen, unter den Augen der teils indifferenten, teils grölend zustimmenden Mitbürgern. Solche Fotos sind ausgesprochen rar, denn die Novemberpogrome waren ja keine offiziellen Veranstaltungen, zu denen Pressefotografen eingeladen wurden: Mit allen Mitteln sollte der Eindruck des Unorganisierten vermittelt werden, des spontanen Ausbruchs des berechtigten Volkszorns.

 

Was zu diesen Bildern aber noch hinzu kommt, ist die ausgesprochen gute schriftliche Quellenlage, die die Ereignisse in Guntersblum am 10. November, ihre Vorgeschichte und ihre Folgen minutiös rekonstruieren lassen. 59 Vernehmungen wurden in Guntersblum unmittelbar nach dem Schandzug und den anschließenden Verwüstungen und Plünderungen durchgeführt – ohne dass es zu Konsequenzen, zu einem einzigen Verfahren gekommen wäre. Zusätzliche Gerichtsakten nach 1945 – von Verfahren, die gleichfalls fast folgenlos blieben – lassen genauestens nachzeichnen, wer verantwortlich war, wer teilgenommen, wer geplündert und wer sich anderweitig vergangen hatte – bis hin zum erst 2002 verstorbenen damaligen Bürgermeister und NSDAP-Ortsgruppenleiter.

Entstanden ist mit diesem Buch eine präzise Detailstudie, zugleich faszinierend wie erschreckend. Sie macht bewusst, wie aus dem Kleinen das Große erwächst, aus der lokalen Ausgrenzung die Vernichtung. Und indem sie zeigt, wie nah und lokal erste Auswüchse sind und wie banal sie beginnen, wird das Buch zum Lehrstück, wärmstens zu empfehlen jedem Heimatverein, Lokalhistoriker, jeder Schule - und jedem wachen Geist. Anschaulicher als in ›November 1938 in einem deutschen Dorf‹ kann deutsche Geschichte kaum sein.

 

 

 

 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

 

 

 

 

Der Historiker und Journalist Sven Felix Kellerhoff ist einer der produktivsten und engagiertesten historische Publizisten Deutschlands. Mit „Ein ganz normales Pogrom“ setzt er den Maßstab, wie Lokalgeschichte zum wichtigen Sachbuch werden kann. Zusammen mit Lars-Broder Keil veröffentlichte er in der wbg zuletzt „Lob der Revolution. Die Geburt der deutschen Demokratie“

 

 

 

War der Umsturz von 1918 misslungen, nur eine »steckengebliebene Revolution«, eine »Sturzgeburt«? Oder handelte es sich nicht doch um einen erstaunlich unblutigen, weitgehend erfolgreichen Umbruch hin zum ersten demokratischen Gemeinwesen auf deutschem Boden? ›Lob der Revolution‹ macht es sich zum Ziel, den schlechten Ruf der Revolution zu rehabilitieren, die schließlich zur ersten Republik, zur hochmodernen Weimarer Verfassung und zu den ersten allgemeinen, freien und geheimen Wahlen auf deutschem Boden führte.

 

 

 

 

 

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  • Ein wirklich guter Beitrag!

    Ein wirklich guter Beitrag!
    Nachdem ich diesen Blogbeitrag gelesen hatte, sind mir erstmals die Stolpersteine in meinem Heimatort aufgefallen. Es ist fast schon erschreckend, wie man Tag für Tag diese Tafeln übersieht – dabei sollen sie einen eigentlich an die schlimmen Ereignisse der Novemberpogrome 1938 erinnern.
    Ich jedenfalls werde ab sofort die Stolpersteine nicht mehr übersehen. Und auch das im Beitrag erwähnte Buch von Herrn Kellerhoff wird bald einen Platz in meinem Regal haben!

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