»Making Rome Great Again«

Es ist das sechste Jahrhundert nach Christus. Das Römische Reich liegt in einer schweren Krise, als einem seiner letzten Kaiser ein ganz außergewöhnlicher Aufschwung gelingt… Interview mit Peter Heather, Autor von: Die letzte Blüte Roms. Das Zeitalter Justinians

Professor Heather, Sie haben der letzten Phase des Römischen Reichs schon mehrere Bücher gewidmet. Was fasziniert Sie so an dieser Periode?

Rom ist der größte, langlebigste Staat, den es in Westeuropa je gegeben hat – ein in jeder Hinsicht gigantisches historisches Phänomen, das über ein halbes Jahrtausend lang Bestand hatte. Faszinierend daran ist einfach alles, aber besonders fasziniert mich, wie es zum Ende eines derart erstaunlichen imperialen Gebildes kommen konnte. Diese Frage, die Edward Gibbon seinerzeit aufwarf, ist unverändert dringlich. Außerdem ist die Spätzeit Roms jene Phase, in der mehrere Grundpfeiler des mittelalterlichen wie auch des modernen Europa entstehen, darunter das Christentum und die große Spannweite sprachlich-kultureller Gruppen.

Bisher haben Sie in Ihren Büchern nie einen einzelnen Herrscher ins Zentrum gerückt. Warum haben Sie sich entschieden, ein Buch über Justinian und sein Zeitalter zu schreiben? Wie nähern Sie sich dem Thema? Und was waren Ihre wichtigsten Quellen bei der Recherche?

Die jüngeren Strömungen der Geschichtswissenschaft haben besonders für die Spätantike dazu geneigt, der Kulturgeschichte den Vortritt vor der politischen und militärischen Geschichte zu geben. Ich wollte gern die These vertreten, dass es hier mehr Ausgewogenheit braucht und dass in einer Analyse auf dem neuesten Forschungsstand, wie politische Prozesse in der römischen Welt abliefen, das Potential steckt, unser Verständnis auch vieler kulturhistorischer Themen um einiges zu erweitern, die ja durchweg in Form imperialer Standardverfahren zur Politikaushandlung ausagiert und weiterentwickelt wurden. Justinian habe ich deshalb gewählt, weil die Figur eines Herrschers, der außenpolitische Konflikte schafft, um seine innenpolitischen Probleme zu lösen, immer aktuell bleiben wird. Mein persönlicher Lieblingstitel für die englische Ausgabe wäre „Making Rome Great Again“ gewesen ...

Wer war Justinian?

Justinian war der Neffe eines Bauern, der in der Armee groß rausgekommen war und anschließend so erfolgreich taktierte, dass er in einer Phase des Streits um die Thronfolge zu einem fähigen Kompromisskandidaten für den Kaiserthron wurde. Damit war er ein Außenseiter, der Methoden finden musste, wie er beweisen konnte, dass er – wie die Ideologie des Kaisertums es verlangte – ohne Zweifel Gottes Mann der Wahl für die Herrschaft über die – laut Reichsideologie – perfekteste Gesellschaft aller Zeiten war.

Was macht seine Herrschaft so herausragend?

Justinians Bedürfnis, seine Macht zu sichern, trieb ihn dazu, jedes nur erdenkliche Mittel zu nutzen, mit dem ein Herrscher sich gemäß der vorherrschenden Denkweisen als legitimer, von Gott auserwählter Kaiser erweisen konnte. Schlachten gewinnen, die Herrschaft des geschriebenen Rechts sichern und der Kirche Frieden bringen, das waren die drei ihm vorgegebenen Dimensionen der kaiserlichen Stellenbeschreibung, die er nutzen konnte, und auf jedem dieser Felder startete er gewagte, atemberaubende politische Initiativen ... Unter anderem möchte ich gern das Verständnis vertiefen, wie politische Maßnahmen, die aus einem auf kurze Sicht angelegten Kalkül hervorgehen, sehr weitreichende Folgen haben können.

 

 

Wie gelang ihm der außergewöhnliche Aufschwung inmitten der schweren Krise des Römischen Reichs?

Letzten Endes hatte er Glück. In einer Stimmung düsterer Verzweiflung ging er das Risiko ein, ein Nachbarreich anzugreifen. Während des folgenden Krieges zeigte sich – und zwar zur Überraschung aller, vermute ich –, dass als Ergebnis militärischer Weiterentwicklungen die oströmischen Armeen auf dem Schlachtfeld einen entscheidenden Vorteil genossen und deswegen rasch für entscheidende Anfangserfolge sorgen konnten.

Was waren die Schattenseiten seines Regierungsstils?

Das Römische Reich funktionierte wie ein – nicht besonders effektiver – Einparteienstaat. Innenpolitisch gab es ein hohes Maß an Repression. Justinian brachte ohne Bedenken 20.000 Menschen um, damit er auf dem Thron blieb. Außerdem musste er feststellen, dass das Verwalten eroberter Gebiete angesichts weit verbreiteter Aufstandsbewegungen viel mühsamer war als der Sieg auf dem Schlachtfeld, und das zwang ihn dazu, seine Untertanen hart zu besteuern, um seine Eroberungen zu finanzieren. Bei dieser Politik blieb er sogar mitten in einer furchtbaren Pestepidemie.

Justinians Rückeroberungen der weströmischen Provinzen sorgten nicht nur in den betroffenen Gebieten für großes Leid. Sie belasteten auch die Kernprovinzen des Ostreichs enorm – menschlich wie finanziell. Kann man sagen, dass Justinians rücksichtsloses Vorgehen letztlich dem Untergang des gesamten Römischen Reichs den Weg geebnet hat?

Das glaube ich ehrlich gesagt nicht. Finanziell waren die Kriege sehr kostspielig, auch gemessen an dem Schaden, der Persien zugefügt wurde, doch alles in allem holten sie auch einige wertvolle Agrarregionen zurück in den Kreis der Provinzen, die Steuern zahlten. Viele Menschen starben, aber katastrophal war die Lebenserwartung ja sowieso. Die Ursache für das Ende des oströmischen Reiches lag vielmehr im 25 Jahre dauernden Frontalzusammenstoß mit Persien, der Anfang des 7. Jahrhunderts ausbrach; er hat auch das persische Reich vernichtet. Das geschah zwei Politikergenerationen nach Justinians Tod und ist eher das Resultat von Entscheidungen seiner Nachfolger, die auch anders hätten ausfallen können, als von irgendwelchen Maßnahmen Justinians. Man kann höchstens sagen, dass Justinians Erfolg im Kampf es wahrscheinlicher machte, dass seine Erben ihm nacheiferten und sich leichter für Konflikt statt Verhandlungen entschieden.

 

 

Das heute vielleicht berühmteste Baudenkmal aus Justinians Herrschaft ist die Hagia Sophia in Istanbul. Welche anderen Zeugnisse sind noch erhalten? Was hat ihn überlebt?

Sein wohl wichtigstes Denkmal sind die von ihm veranlassten Digesten des römischen Rechts. Ihre Wiederentdeckung im 12. und 13. Jahrhundert durch die Rechtsschule von Bologna bedeutete, dass das römische Recht zur Grundlage für die Rechtssysteme eines Großteils des europäischen Kontinents wurde – ein Erbe, dessen Einfluss bis heute stark nachwirkt. Zusätzlich dienten die Digesten als Vorbild dafür, wie sich das Kirchenrecht kodifizieren und rational ausgestalten ließ (ein Prozess, der zur gleichen Zeit ebenfalls in Bologna ablief), und die Funktionsweise der katholischen Kirche beruht nach wie vor stark auf diesen juristischen Entwicklungen.

Justinians Zeitalter erscheint uns heute sehr weit entfernt. Lassen sich dennoch Parallelen zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Phänomenen ziehen? Oder anders gefragt: Gibt es etwas, das heutige Regierende aus dieser Periode lernen könnten?

Ganz bestimmt. Sie müssen begreifen, dass kurzfristige, selbstsüchtige politische Manöver furchtbare Auswirkungen für viele Menschen bringen können. Aber ich befürchte, dass diese Lektion gar nicht gelernt werden kann. Eine der wichtigsten Einsichten, die ich vermitteln möchte – auch meinen Kolleg*innen im historischen Bereich – ist die, dass Politik ein entsetzlich kurz angelegter Prozess ist, in dessen Berechnungen es immer zuerst um heute geht und erst dann vielleicht auch noch um das, was morgen passiert. Womöglich ist das unvermeidlich, um an der Macht zu bleiben, aber die Folgen können verheerend sein.

 

 

Peter Heather, geb.1960 in Nordirland, ist Professor für mittelalterliche Geschichte am renommierten Londoner King's College. Seit Jahren beschäftigt er sich insbesondere mit der Spätantike und dem Ende der Antike. Zu seinen Werken zählen internationale Bestseller wie ›Der Untergang des römischen Weltreichs‹, ›Invasion der Barbaren‹ und ›Die Wiedergeburt Roms‹.

 

 

  

Peter Heather erzählt meisterhaft die Geschichte einer Umbruchzeit. Zwischen Antike und Mittelalter, zwischen Rom und Byzanz manifestiert sie sich vor allem in der Herrschaft eines Kaisers, der als Bauernsohn ein sozialer Aufsteiger war und sich selbst als „Herrscher von Gottes Gnaden“ verstand. Justinian (reg. 527–568) eroberte Nordafrika und Italien, Bauwerke wie die Hagia Sophia in Istanbul oder San Vitale in Ravenna gehen ebenso auf ihn zurück wie der Codex Iustinianus. Am Ende aber bleibt die Frage, wie hoch der Preis für Roms letzte Blüte war.

 

 

 

 

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Tags: Antike
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