Napoleons St. Helena – Purgatorium und Paradies

Am 31. Oktober 2017 morgens um 09.00 Uhr nach St. Helena-Zeit, was zwei Stunden hinter unserer mitteleuropäischen Zeit bedeutet, gingen wir mit dem Kreuzfahrtschiff „Albatros“ mit etwa 700 Gästen und 400 Mann Besatzung vor St. Helena vor Anker – oder auf Reede, wie es in der Seemannssprache heißt. Da sehr schönes Wetter mit klarer Sicht, Sonne und nur wenig Wind herrschte, konnte ich die Insel schon am frühen Morgen aus der Ferne erkennen, und niemand kann diesen Anblick treffender beschreiben, als Johannes Willms es in seinem Buch über St. Helena tut: „Je näher das Schiff sich heranschiebt, desto mehr Einzelheiten kommen zum Vorschein, zeigt sich die Insel als eine schwarz-braune, schrundige Masse, für die sich dem spröden Realismus der Seeleute der Vergleich mit einer Warze aufdrängte.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.

In der Tat besteht die Insel aus einem Gürtel hoher Berge, der sie fast vollständig umschließt und direkt ins Meer hinabstürzen. In dem geschützten Inneren breitet sich auf der Hochebene allerdings ein tropisches Paradies aus, ganz unverbraucht und vom Tourismus nicht korrumpiert, welches die Inselbewohner liebevoll und sorgfältig landwirtschaftlich nutzen. Es gibt nur einen nennenswerten Zugang zu der Insel. In einer schmalen und engen Bucht im Nordwesten liegt die Hauptstadt Jamestown, die gerade einmal 629 Einwohner zählt. Hier und nur hier kann ein größeres Schiff anlegen, und nur hier kann die Insel von Menschen betreten werden, was sie zum idealen Verwahrungsort für den abgedankten Kaiser Napoleon I. machte, der hier bekanntlich von 1815-21 seine letzten Lebensjahre fristete. Der Beherrscher Europas verbannt auf einem 123 Quadratkilometer großem Eiland. Von hier aus war es unmöglich, aus eigener Initiative zu fliehen oder von anderen unbemerkt weggebracht zu werden.

Die extrem isolierte Lage mitten auf dem Atlantik (Südafrika liegt etwa 1800 km östlich, Südamerika 3300 km westlich), der nur seltene Besuch eines Kreuzfahrtschiffes und die überaus mühevolle Erreichbarkeit der Insel - auch jetzt noch, nach Eröffnung des Flughafens, wird die Insel nur einmal wöchentlich von Johannesburg aus angeflogen, wenn das Wetter es denn zulässt - bewirken, dass auf St. Helena die Zeitläufte einem anderen inneren Rhythmus folgen. Dies ist das eigentliche Erlebnis der Insel: Es herrscht dort eine absolute Entschleunigung, wie ich sie an keinem anderen Ort der Welt – Grönland inbegriffen – bisher erlebt habe. Zwei kleine Bespiele: Am Tag unserer Ankunft lasen wir auf dem Postamt die Bekanntmachung: „Weihnachtskarten, die am 24.12. in England eintreffen sollen, müssen spätestens am 08.11. (!) eingeworfen werden.“ Ein Inselbewohner erzählte mir, dass im Gouverneurshaus am Hafen ein Buch ausläge, in das man Bestellungen von Dingen eintragen kann, die nicht zum täglichen Bedarf gehören und auf der Insel normalerweise nicht verfügbar sind. Braucht man z.B. ein Ersatzteil für seinen Computer, so trägt man diesen Wunsch in das erwähnte Buch ein - und ein Vierteljahr später wird der gewünschte Gegenstand aus England mit dem Schiff geliefert. Wobei ich vermute, dass sich das Leben in den vergangenen Jahren dort ganz behutsam und geruhsam beschleunigt hat, immerhin gibt es seit einiger Zeit via Satellit auch Internet. Bemerkenswert auch, dass St. Helena der sicherste Ort der Welt ist. Es gibt zwar Internet, aber keine Kriminalität, wohl aber einen Polizisten und eine Gefängniszelle. Beides wird lediglich benötigt, wenn Betrunkene ausgenüchtert werden müssen. Diese unglaubliche innere Ruhe und Entspanntheit prägen das Wesen der „Saints“, und die Menschen dort wirken tatsächlich sehr viel mehr in sich selbst ruhend als wir getriebenen und rastlosen Europäer. Napoleon dürfte diese Entschleunigung nicht als Glück empfunden haben …

Die wirklich bemerkenswerten Sehenswürdigkeiten auf St. Helena sind zum einen die Napoleon-Bonaparte-Gedenkstätten und zum anderen die spektakulären Naturschönheiten, die sich einem auf einer Rundfahrt im Kleinbus (die engen, steilen und kurvigen Straßen lassen kein größeres Gefährt zu) erschließen. Mit einem solchen Kleinbus wurden wir auf etwa 500 Höhenmeter hinaufgeschüttelt, das heute leere Grab Napoleons passierend und schließlich Longwood House erreichend, ein für imperiale Verhältnisse kleines und bescheidenes Gebäude, das das Sterbezimmer Napoleons und zahlreiche Devotionalien enthält, die an den berühmtesten Gast der Insel erinnern.

Dass Napoleons Klagen über Ratten, Termiten und vor allem extreme Feuchtigkeit der Insel nicht ganz unberechtigt waren, kann der heutige Besucher noch an dem leicht muffigen Geruch des Gebäudes und den Stockflecken auf den zahlreichen Bildern und Stichen nachvollziehen. Allerdings verfügt Longwood House über eine spektakuläre Lage auf dem Höhenplateau und bietet sogar den Ausblick auf den Atlantik. Man hätte es wahrlich schlimmer treffen können, aber wer von der Sehnsucht nach Weltherrschaft getrieben war, musste sich hier verständlich in die Hölle versetzt fühlen.

Nur wenige Kilometer von Longwood House entfernt liegt das entzückende georgianische Gouverneursschlösschen aus dem 18. Jh., wo Napoleons Kerkermeister Sir Hudson Lowe residierte, und das neben der englischen Gouverneurin noch von der 185 Jahre alten Schildkröte Jonathan bewohnt wird, die sich sogar zu bewegen geruhte, als wir sie besuchten. Sie dürfte also elf Jahre nach dem Ableben des Kaisers geboren worden sein, und somit war sie acht Jahre alt, als die Gebeine des Korsen nach Frankreich überführt wurden.

St. Helena ist britisch, politisch und dem Herzen nach, und somit anglikanisch. Allerdings gibt es, wie wir zufällig bemerkten, auch eine kleine katholische Kirche. Als wir sie betraten, klangen uns deutsche Grußworte entgegen. Der ansässige Priester bat uns in sein Wohnzimmer (das direkt neben dem Kirchraum liegt) und erzählte uns, dass er in Münster studiert habe, wobei er ein beinahe makelloses Deutsch gelernt hat. Seine Gemeinde auf St. Helena umfasst 43 Mitglieder. Zu seinem Dekanat gehören allerdings auch die 1297 km entfernte Insel Ascencion und das 2442 km entfernte Tristan da Cunha, die erste Insel mit neun Gemeindemitgliedern, die andere mit dreien … Jede seiner Gemeinden kann er etwa alle Vierteljahre besuchen, da die drei Inseln der Britischen Überseegebiete verkehrsmäßig durchaus nicht miteinander verbunden, sondern jeweils nur über Kapstadt erreichbar sind.

Bevor wir die Insel wieder verließen, besichtigten wir selbstverständlich ausführlich den Hauptort mit dem viktorianischen Hotel „The Consulate“, der berühmten 699 Stufen aufsteigenden Jabob’s Ladder, dem anrührenden Heimatmuseum und dem entzückenden Gouverneursgarten mit üppig-tropischer Blumenpracht. Auch eine Wanderung durch tropischen Urwald über Holzstege, Leitern und Treppen zu einem „Heart-Shaped-Waterfall“ stand auf unserem Programm, so dass wir St. Helena unter den vielfältigsten Aspekten erleben durften.

Das eigentliche und unvergessliche Ereignis aber ist die Insel selbst, in ihrer Zeit- und Gegenwartsentrücktheit, in ihrer geradezu buddhistischen und unimperialen Ruhe, ein Albtraum für ruhelose Imperatoren, aber ein Ort, der die Sehnsucht weckt zurückzukehren. 

 

 

Stefan Heucke, geb. 1959, ist Komponist. 2017 fand zum Reformationsjubiläum die Uraufführung seiner Deutschen Messe nach einer Textfassung von Norbert Lammert statt.

 

 

 

Tags: Neuzeit, Politik
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