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Nikolaus, die Universität und der Hering: Drei Zutaten zur Kinderliebe

Der heilige Nikolaus ist in seinen bald 1700 Jahren Wirkungsgeschichte schon allerhand gewesen – keineswegs nur jemand, der Süßigkeiten in die Stiefel füllt oder dröhnend fragt, ob die Kinder auch artig waren.

Bischof Nikolaus aus dem kleinasiatischen Myra ist ein Multitalent: Retter vor Justizirrtümern (und aus völlig verdienter Kerkerhaft), Helfer der Seefahrt, Wohltäter der von Zwangsprostitution Bedrohten… aber auch der Freiwilligen in der Sexindustrie.

Religionen verändern sich mit der Kultur, in der sie leben, und antworten auf die Bedürfnisse verschiedener Zeiten. Für den Kinderfreund unter den christlichen Heiligen ist das trotzdem eine ziemlich spannungsreiche ›Produktpalette‹. Und dass Nikolaus mit der Zeit zum großen Beschützer der Kinder wurde, hängt obendrein ausgerechnet mit Salzheringen zusammen.

Eine der vielen Nikolauslegenden erzählt, wie drei junge Leute, unterwegs zum Studium nach Athen, in der Bischofsstadt Myra Station machen – doch der Gastwirt, bei dem sie unterkommen, ermordet sie, um an ihre Reisekasse zu kommen, und versteckt die zerstückelten Leichen in einem Fass, geruchssicher in Salz gepackt. Hier interveniert Nikolaus, macht die drei wieder lebendig und überführt den Schurken.

Die Geschichte ist mit Sicherheit relativ spät entstanden: Im 4. Jahrhundert, in dem Nikolaus anzusiedeln ist, waren Holzfässer im östlichen Mittelmeerraum eine Seltenheit: Zwar wurden in großem Stil Fische eingesalzen, dafür gab es aber spezielle Amphoren aus Ton. Der Handel mit Pökelfisch in Fässern (Salzfleisch war deutlich seltener) ist typisch für Nord- und Westeuropa im Hoch- und Spätmittelalter. Genau in diese Zeit und Gegend gehört auch das Motiv des Scholaren – des wandernden Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, der auf dem Weg zu einer Kathedralschule oder einer Universität ist… öfter auch mit jahrelangen Umwegen. Höchstwahrscheinlich sollte die Legende verständlich machen, wieso Nikolaus im westlichen Teil Europas damals zum speziellen Schutzpatron der Schüler und Studenten – nach und nach dann aller Kinder – aufstieg. Ein Stück Technik- und Wirtschaftsgeschichte ist in ihr ebenfalls konserviert: Kaum ein Handelsgut legte im Mittelalter so weite Strecken in solchen Massen zurück wie das Heringsfass.

Noch im 15. Jahrhundert gab es, über das katholische Kirchenjahr verteilt, 166 Fastentage. Neben der Fastenzeit vor Ostern bildete den größten Block darunter ausgerechnet der Advent, Samstage und Sonntage ausgenommen. Fast unvorstellbar in unserer Epoche der Glühweinstände und schokoladenprallen Kalender: Außer dem Fleischkonsum waren auch Eier und natürlich Alkohol verboten; Gebäckfreunde konnten sich gegen ein Bußgeld immerhin einen »Butterbrief« zum Verzehr von Milchprodukten kaufen. In dieser Situation war Fisch lebenswichtig. Und so reisten bezahlbare Seefische über Tausende von Kilometern, buchstäblich tonnenweise und natürlich in konserviertem Zustand. Heringszölle, die auf den großen Handelswegen erhoben wurden, erbrachten Riesengelder. Die besten Fischgründe für Kabeljau – der gesalzen oder als getrockneter Stockfisch in den Handel kam – waren Gegenstand bewaffneter Konflikte wie heute die Vorkommen seltener Erze. Für die Salzbergwerke im Binnenland und die Salinen an geeigneten Meeresküsten galt Ähnliches… um die Bergleute kümmerte sich übrigens Nikolaus’ Beinahe-Nachbarin im Kalender, die heilige Barbara.

So ein realistischer Zug in einer mit Nostalgie fast überladenen Figur? Das ist gar kein Widerspruch. Der Begriff Nostalgie selber ist ebenso das Kind bestimmter Epochen wie die wechselnden Trennlinien zwischen ›richtigem‹ Glauben und ›Volksfrömmigkeit‹. Und so, wie der alltägliche Anblick eines Heringsfasses seine Spuren in der Geschichte eines Heiligen hinterlassen hat, fügt die Gegenwart ihre Debatten um den christlichen Nikolaus gegen den religionslosen Weihnachtsmann, um autoritäre Schreckensbilder, gruselige Begleitfiguren, Werbeinteressen oder den netten Geschenke-Opa hinzu. Bekanntlich kommt als Nikolaus übrigens häufig ein Student. Im Salzfass landet er dabei zum Glück praktisch nie…

 

 

Jörg Fündling ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Institut der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Historia-Augusta-Forschung, die Politische und Kulturgeschichte des Prinzipats und die Literarische Rezeption der Antike. Er hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher für eine breitere Leserschaft veröffentlicht. Fündling wurde 2010 für sein Werk ›Marc Aurel‹ mit dem Prix Bordin der französischen Académie des Inscriptions et Belles-Lettres ausgezeichnet.

 

 

 

 

 

Drei Töchter wollen versorgt sein – aber was, wenn sie ohne Mitgift niemand heiraten will? Dem verzweifelten Vater fiel nur noch ein, sie an ein Bordell zu verkaufen. Doch dreimal warf ihm eine helfende Hand einen Goldklumpen ins Haus. So rettete der heilige Nikolaus die Familie und kam zu den drei goldenen Kugeln, die bis heute sein Attribut sind. Ob Prostituierte, Seeleute, Metzger, Pfandleiher, Juristen, Kinder oder Alte – sie alle richten ihre Bitten an ein und dasselbe Ohr.

Nikolaus, der Helfer mit den vielen Gesichtern, hat im Lauf der letzten gut 1700 Jahre mehr Wandlungen durchgemacht als jeder andere Heilige – und das rot-weiße Einheitskostüm seiner nur selten frommen Nachfolger, die alljährlich am 6. Dezember ihren Auftritt haben, markiert noch lange nicht das Ende. Jörg Fündlings Buch zeichnet den verschlungenen Weg vom Bischof einer spätantiken Durchschnittsstadt zu einer Schlüsselfigur der Glaubens- und Festpraxis nach.

 

 

 

 

 

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    Der hl. Nikolaus hat eine Spur hinterlassen, deren Lesung und Deutung nicht einfach ist. Eine ebenso informative wie unterhaltsame Monographie hat auch Adam C. English beigesteuert: The Saint Who Would Be Santa Claus. The True Life and Trials of Nicholas of Myra. Baylor University Press, Weco/Texas, 2012.

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