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Populus, Popularen, Populismus

Es geht ein Gespenst um, das Gespenst des Populismus, könnte man frei nach Karl Marx im anbrechenden Jahr 2018 formulieren. 2017 war fraglos ein annus horribilis für die liberale Demokratie und ihre etablierten Vertreter: Am 20. Januar trat in Washington ein US-Präsident sein Amt an, der den eigenen Wahlkampf als Feldzug gegen die politische Elite etikettiert hatte. Und auf dem Alten Kontinent verbuchten allenthalben Parteien und Bewegungen teils erdrutschartige Wahlerfolge, die sich der Vertretung des sprichwörtlichen „kleinen Mannes“ und seiner Interessen verschrieben haben: von den Niederlanden (Partij voor de Vrijheid) über Frankreich (Front National) und Norwegen (Fortschrittspartei) bis nach Deutschland (AfD), Österreich (FPÖ) und Tschechien (Freiheit und Direkte Demokratie). Von ebenfalls die Volksmassen mobilisierenden los-von-Brüssel-, los-von-London- oder los-von-Madrid-Bewegungen ganz zu schweigen.

Doch was genau ist das: Populismus?
Vor geraumer Zeit schon warnte Ralf Dahrendorf, der Populismus-Vorwurf könne selbst populistisch sein, „ein demagogischer Ersatz für Argumente“. Dahrendorf bezog den Begriff nicht auf spezifische Inhalte von Politik, sondern auf Methoden des Machterwerbs- bzw. Machterhalts. Populismus beruhe „auf dem bewussten Versuch der Vereinfachung von Problemen“.

Populismus kommt von populus. Der populus Romanus  war die Gesamtheit der römischen Bürger, die sich in unterschiedlichen Gliederungen zur Volksversammlung auf dem Forum traf. Dort wurden Magistrate gewählt und Gesetze beschlossen. Politische Debatten indes fanden nicht auf dem Forum statt, sondern hinter den verschlossenen Türen des Senates – ganz anders als etwa in Athen, wo die Agora ein Ort hitziger Diskussion war. Dass die römische Führungsschicht, die Nobilität, den populus aus der politischen Entscheidungsfindung heraushalten wollte, hatte seinen guten Grund: Die Politisierung der Volksversammlung würde das Ende des Grundkonsenses bedeuten, der die oligarchische Elite an der Macht hielt.

Tatsächlich ließ Tiberius Gracchus, dessen Karriere zu scheitern drohte, den Geist aus der Flasche, als er 133 v. Chr. seine Kandidatur um den Volkstribunat mit einer politischen Agenda verband: einer Agrargesetzgebung, die verarmten römischen Bürgern eigenen Grund und Boden verhieß. Nach Gracchus kamen andere: allesamt Vertreter der Elite, die ein populäres Programm als Instrument der Massenmobilisierung zu nutzen verstanden. Männer wie Gaius Gracchus, Marius, Cinna, Clodius und nicht zuletzt Caesar inszenierten sich als Volksfreunde und surften auf der Welle populärer Begeisterung – sehr zum Missfallen der Nobilität, die, wo es nur ging, den „Männern des Volkes“, den populares, das Handwerk zu legen suchte.

 

 

Die Methoden, mit denen das Machtkartell sein politisches Monopol verteidigte, erinnern frappierend an den Umgang, den das demokratische Establishment heutzutage mit Populisten pflegt. Für Cicero, den produktivsten aller römischen Autoren und Frontmann der traditionsbewussten Aristokratien, waren die Popularen politische Glücksritter, die gewissenlos finanzielle Segnungen auf die breite Volksmasse regnen ließen, um sich Mehrheiten in der Volksversammlung zu verschaffen. Den politischen Gegner denunziert er mit rustikalen Schimpfwörtern: seditiosus („Rädelsführer“), furiosus („Wüterich“), inutilis („Taugenichts“). Seinen Intimfeind, den Demagogen Clodius, beschimpft der Starredner als audax („Vabanquespieler“) und latro („gemeinen Straßenräuber“). Die Botschaft ist unmissverständlich: Wer den vermeintlichen Volkswillen für die eigene Sache instrumentalisiert, ist schon charakterlich für Führungsaufgaben ungeeignet.

 

 

Am Ende hingen Ciceros Kopf und Hände über der Rednertribüne auf dem Forum, von der er so oft die Zuhörer in seinen Bann gezogen hatte. Sein Versuch, das Konsenskartell der Nobilität zusammenzuhalten und die Popularen auszugrenzen, war auf ganzer Linie gescheitert, die Gegner hatten triumphiert. Die Strategie, auf Denunziation statt Argumente zu setzen, war fatal auf ihre Urheber zurückgefallen und hatte denen, die virtuos die demagogische Karte zu spielen wussten, den politischen Raum kampflos preisgegeben. Die Nobilität, die als Kollektiv jahrhundertelang die Fäden in der Hand gehalten hatte, war tot. Ihre Stelle nahmen fortan die römischen Kaiser ein. Eine moderne politische Elite, die diesen Namen auch verdient, sollte sich den Untergang der römischen Nobilität ein warnendes Beispiel sein lassen. Sie sollte, statt sich „überdehnt und abgekoppelt“ (Wilhelm Hennis) im großkoalitionären Burgfrieden an ihr Machtmonopol zu klammern, den „populistischen Schmerzensschrei“ (John P. McCormick) hören. Sie muss, anstatt das moralische Hochplateau für sich zu reklamieren und das Unbehagen im Wahlvolk zu pathologisieren, Antworten finden und Richtungen vorgeben. Soll die liberale Demokratie eine Chance haben, dann muss ihre Avantgarde besser sein als die römische Nobilität.

 

 

Michael Sommer lehrte in Liverpool und ist seit 2012 Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Imperium Romanum, der östliche Mittelmeerraum sowie die Phönizier. Von ihm sind zahlreiche Bücher erschienen, zuletzt „Palmyra. Biographie einer untergegangenen Stadt“ (2017).

 

 

Tags: Antike, Politik
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