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Reichspogromnacht und Erinnerung – Gunda Trepp im wbg-Interview

Vor 80 Jahren, am 9. November 1938, brannten in ganz Deutschland die Synagogen, jüdische Mitbürger wurden überfallen, jüdische Geschäfte zerstört und geplündert. Auch in Oldenburg, wo der gerade 23-jährige Leo Trepp als Landesrabbiner wirkte, wurde die Synagoge niedergebrannt. Er und die anderen jüdischen Männer wurden am nächsten Tag unter Verspottungen durch die Stadt getrieben und dann im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert. Leo Trepp konnte sich in die USA retten. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er den Kontakt zu Deutschland, seinem verlorenen Vaterland, wieder auf, setzte sich für die Verständigung zwischen Völkern und Religionen ein und brachte gerade der jüngeren Generation jüdisches Leben und Kultur näher.

Mit seiner Witwe, Gunda Trepp, führen wir ein Gespräch darüber, was die Erinnerung an die Reichspogromnacht heute noch bedeutet und wie sie lebendig gehalten werden kann.

 

Der 9. November war ja nicht der erste Fall von Gewalt gegen jüdische Mitbürger. Bereits vor der Machtergreifung wurden jüdische Geschäfte überfallen, Juden verprügelt und Walther Rathenau antisemitisch beschimpft und schließlich ermordet. Inwiefern hatte die Reichspogromnacht dennoch eine neue „Qualität“?

Gunda Trepp: Weil es das erste von Regierungsseite gesteuerte Pogrom ist. Das hatte Signalwirkung: Von nun an waren die Juden vogelfrei. Das Perfide daran ist, dass Goebbels anlässlich eines Treffens der nationalsozialistischen Führerschaft nicht direkt zu dem Verbrechen aufrief, aber sagte, falls es zu Übergriffen komme, solle man von staatlicher Seite nicht eingreifen. Es ist ja klar, dass die versammelten Männer die Aufforderung verstanden. Die SA-Führer gaben gleich nach der Sitzung landesweit die entsprechenden Befehle an ihre Einheiten. Besonderen Wert legten sie dabei darauf zu betonen, dass nichtjüdisches Eigentum nicht angegriffen, nichtjüdische Läden nicht zerstört und Synagogen nur angezündet werden dürften, wenn umstehende nichtjüdische Gebäude dabei nicht beschädigt würden. Die nationalsozialistische Regierung legte also die Regeln für den Verlauf eines Ereignisses fest, das nach Goebbels Worten nicht stattfinden solle, und das, falls es denn stattfinde, als spontaner Wille und Zorn des Volkes dargestellt werden sollte. Natürlich wusste jeder, was die Wirklichkeit war. Es fand ja in aller Öffentlichkeit statt. Und wenn es auch dem Volkszorn nicht entsprungen sein mochte, standen die meisten Nichtbetroffenen nach Zeugenaussagen doch entweder daneben und schauten dem mörderischen Treiben interessiert zu oder, in vielen Fällen, beteiligten sich aktiv. Man verstand, dass dies der Auftakt war, die Juden endgültig loszuwerden, auf welche Weise auch immer. Und man hatte nichts dagegen. Ja, das ist eine neue Qualität. Letztlich ist es der Auftakt zum Völkermord.

Ihr Mann und auch Sie selbst haben an vielen Gedenkveranstaltungen teilgenommen. Konnten Sie in den vielen Jahren des Gedenkens eine Entwicklung feststellen?

Gunda Trepp: Es hat sich auf verschiedene Weise entwickelt. Schon in früheren Jahren sind Organisatoren und Redner auf aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen eingegangen, die in die falsche Richtung gingen und der Korrektur bedurften. Das wird natürlich zunehmen, je mehr wir uns von dem eigentlichen Ereignis, dem Zivilisationsbruch, entfernen. Und das ist unumgänglich, denn schließlich gedenken wir der Ermordeten und Verfolgten auch, um daraus Lehren für unser jetziges und künftiges Verhalten zu ziehen.

Sie meinen also, es sei wünschenswert, dass sich die Form der Erinnerung verändert?

Gunda Trepp: Ich glaube, dass es notwendig ist. Nicht nur, weil das unmittelbare Entsetzen, die unmittelbare Betroffenheit, in den kommenden Generationen abnehmen wird. Diesen Grund hätte man schon vor Jahren gehabt, als die Rufe nach einem Schlussstrich zum ersten Mal kamen. Man kann den Menschen nicht nur immer erzählen, was sie hören wollen. Manchmal müssen sie auch hören, was sie nicht hören wollen, aber doch wissen sollten. Doch bald wird es keine Überlebenden mehr geben, die aus unmittelbarer Nähe zum Verbrechen erzählen und damit immer wieder eigene Nähe der Zuhörer und damit auch Betroffenheit herstellen können. Hinzu kommt der bereits erwähnte Zeitablauf, neue Generationen werden anders auf die die Schoah blicken, als wir es tun. Wahrscheinlich wird die Ermordung der europäischen Juden durch Deutsche für sie etwas Abstraktes werden, ein dunkler Teil der deutschen Geschichte, zu dem sie keinen Bezug haben. Wie stellen wir diesen Bezug her? Und wie machen wir es, dass die Schoah auch für die Nachkommen von Migranten zu einem Teil ihrer Geschichte wird? Wir kommen nicht darum herum, uns neue Formen der Erinnerung zu überlegen.

Seit einiger Zeit arbeiten Sie auch mit Schülern, um sie mit der jüdischen Religion in Kontakt zu bringen, jüdisches Leben zu vermitteln und so natürlich auch dem Antisemitismus vorzubeugen. Die Schülerinnen und Schüler sind ja bereits sehr weit weg von der Schoah und haben in der eigenen Familie niemanden mehr, der die Zeit selbst erlebt hätte und erzählen könnte. Wie erleben Sie diese Kinder? Welches Wissen ist da – und welches Interesse?

 

 

 

Gunda Trepp: Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Aber tatsächlich versuche ich, in Kooperation mit anderen Institutionen, in Schulen hineinzugehen und den Kindern und Jugendlichen Wissen über das Judentum zu vermitteln. Wer sind die Juden eigentlich? Was ist ihre Religion? Was ihre Ethik? Werte? Kultur? Denken? Ich halte es für essentiell, dass junge Menschen die Juden nicht nur als Opfer der Schoah sehen. Juden haben seit Jahrhunderten in Deutschland und Europa gelebt. Ihre Religion hat die anderen zwei Weltreligionen geformt, und die Menschheit hat ihrer Ethik zahlreiche soziale und gesellschaftliche Entwicklungen zu verdanken. Angefangen bei den zehn Geboten, die Gesetzgebung geprägt und Verhalten normiert haben, bis hin zum Gedanken des Schabbats, des freien Tages auch für Arbeiter. Bisher haben wir ein Pilotprojekt gemacht, mit einer elften Klasse, und die Schüler wussten nichts, waren aber hochinteressiert und motiviert. Das macht Mut. Man muss allerdings sagen, dass solche Projekte mit Lehrern stehen und fallen. Fortbildungen für sie sind unerlässlich, besonders wenn der Anteil muslimischer Schüler zunimmt, die anders sozialisiert sind und deren Bild von Juden oft durch einen nicht hinterfragten Antisemitismus und den Nahostkonflikt geprägt ist. Lehrer müssen also nicht nur über das Judentum lernen, sondern auch über die Schoah, und sie müssen wissen, wie Israel entstanden, wie die Beziehung der Juden zu diesem Land ist.

Beschimpfungen und Angriffe auf Juden in Deutschland, nicht zuletzt der Überfall auf das jüdische Lokal „Schalom“ in Chemnitz: Wie erleben Sie das Verhältnis zwischen Juden und Deutschen im Moment?

Gunda Trepp: Auch, wenn das alltägliche Miteinander zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen meist gut ist, kommt es manchmal zu Situationen, in denen man sich als Jude oder Jüdin zurückgestoßen fühlt. Vielleicht ist manchen gar nicht bewusst, wie verletzend es für Juden ist, wenn immer wieder essentielle Werte ihrer Religion in Frage gestellt werden. Neulich hat mir ein nichtjüdischer Freund in einer langen Ausführung erklärt, warum es albern und vollkommen rückständig sei, dass ich meinen Haushalt koscher führe. Meine Haltung, dass selbstauferlegte, äußere Beschränkungen zu innerer Freiheit führen, wurde völlig ignoriert. Antisemitisch wird es, wenn Beschneidungen oder das Schächten, das koschere Schlachten, als barbarisch und menschenverachtend bezeichnet werden, wie es immer wieder auch aus der gehobenen Bildungsschicht geäußert wird. Genauso wie biblische Beschreibungen im sogenannten Alten Testament als brutal und vergangenheitsbezogen dargestellt werden, ohne dass die Kritiker beachten, dass die Juden selbst diese Schrift seit Jahrtausenden interpretieren, und zwar menschenfreundlich und mit einem sozialen Anspruch. Solche Haltungen tragen dazu bei, die Juden als ‚die Anderen’ zu sehen, die irgendwie nicht hineinpassen in diese Gesellschaft. Hinzu kommt die nun auch offen geäußerte Meinung, dass die Schoah ‚überbewertet’ werde, dass nun mal Schluss sein müsse. Je öfter so etwas öffentlich geäußert wird, sogar von Politikern einer Partei, die im Bundestag vertreten ist, und je größer der Verbreitungsgrad durch das Internet ist, umso mehr sinkt die Hemmschwelle. Und wenn der Mob mit dieser Haltung durch die Straßen zieht, wird es für Juden brandgefährlich. Genauso bedenklich ist die Entwicklung des muslimischen Antisemitismus, dem viel mehr entgegengesetzt werden muss, vor allem an den Schulen. Dass Juden geraten wird, sich in bestimmten Gegenden nicht mehr als Juden zu erkennen zu geben, sollte nicht nur ihnen Anlass zur Sorge sein. Genauso wie sich die Bürger fragen sollten, warum viele ausgerechnet an Israel, das Land, in dem viele Schoah-Überlebende ihre Heimat gefunden haben, warum viele also ausgerechnet an dieses Land einen anderen Maßstab anlegen als an alle anderen Länder, wenn es um die Bewertung der politischen Vorgänge geht. Doch das alles ist nicht so neu. Neu ist, dass die Medien in manchen Fällen nun mal genauer hinsehen.

 

 

Gunda Trepp hat nach Jurastudium und Ausbildung an der Henri-Nannen-Journalistenschule als Anwältin und als Journalistin für Zeitungen wie den Spiegel, die FAZ und die Berliner Zeitung gearbeitet. Sie lebt heute als Autorin in San Francisco und Berlin.

 

 

 

 

 

 

Leo Trepp wächst in einer orthodoxen Familie auf, in der Theater und klassische Literatur ebenso zum Alltag gehören wie Torastudium und Synagogenbesuche. Nach Philosophiepromotion und Rabbinerausbildung amtiert er als letzter Landesrabbiner in Oldenburg, unter den kritischen Blicken der Nationalsozialisten. Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager entkommt er in die USA. Doch schon bald beginnt er sein „unermüdliches Versöhnungswerk“, wie es Karl Kardinal Lehmann nannte: Immer wieder kehrt er nach Deutschland zurück, um den Menschen das Judentum näher zu bringen und Vorurteile abzubauen. Er lehrt und berät, steht im engagierten Dialog mit Kirchenvertretern und Muslimen und hilft beim Aufbau neuer jüdischer Gemeinden.
Seine Autobiographie blieb unvollendet - und so trägt seine Frau, die Autorin Gunda Trepp, die Erinnerungen zusammen, ergänzt, kommentiert und erzählt mit Liebe und Wärme von diesem tief religiösen und doch so un-orthodoxen deutsch-jüdischen Leben.

 

 

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  • Das kluge Interwiew ist wichtig für unsere Gegenwart - wir müssen aus der Vergangenheit lernen

    Es sieht momentan so aus, als würden jüngere Generationen die schlimmsten Phasen unserer Geschichte vergessen. Reaktinäre Kräfte versuchen, die Vergangenheit der eigenen Ideologie anzupassen - ein Manöver, dass schon einmal funktioniert hat. Es ist derzeit in gewissen Kreisen - etwa beim Kyffhäusertreffen der AfD- üblich, etwa den Holocaust zu leugnen. Das Leugnen wird auch einfacher, weil die letzten Überlebenden bald verstorben sein werden. Und gerade deshalb brauchen wir Bücher über Menschen wie Leo Trepp. Denn wenn diese vergessen werden, wird die Geschichte vergessen. Nicht umsonst versuchen Historiker uns Einzelschicksale so nahe zu bringen - und uns so die schreckliche Wahrheit fühlbar zu machen. Aus dem Einzelfall zum Begreifen des Unbegreiflichen, weil die schiere Anonymität der Masse auch Empathie verhindert.
    Gerade jetzt müssen wir uns erinnern, so, wie es Charlotte Knobloch nach den Ereignissen von Chemnitz formulierte - und wie es Gunda Trepp im klugen Interview indirekt auch tut. Wenn Menschen heute sagen, dass es nicht zeitgemäß sei, koscher zu kochen, haben sie nicht verstanden, dass es schon abgrenzend ist, andere Lebensweisen aufgrund der eigenen Lebensweise zu bewerten.
    Gunda Trepps Buch ist - wie ihr kluges Interview hier - absolut lesbar. Mehr noch: Es sei dringend empfohlen, weil diese Biografie nicht nur die Geschichte erklären hilft - und das über die Biografie eines besonderen Menschen. Es ist auch eine Familiengeschichte, die voller Liebe erzählt wird. Sie sollte das Buch dringend auch an Billy Joel schicken. Der Nachfahre deutscher Juden versucht seit einigen Jahren die Geschichte seiner Familie zusammenzubringen. Und das wird immer schwerer - mit jedem Jahr.

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