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Stefan George heute

Im Dezember 2017 erschien in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ die Besprechung zweier aktueller Sammelbände zu Stefan Georges dichterischem Werk unter der Überschrift „Von ihm lernen heißt was lernen?“ Der etwas unbeholfene Titel verriet eine Hilflosigkeit gegenüber der selbst gestellten Frage. Gut möglich, dass diese Hilflosigkeit damit zu tun hat, dass Georges Werk und die von seinem Namen ausgelösten Vorstellungen eines elitären und von Geheimnissen umgebenen Zirkels als ein erratischer Block in unserer auf Transparenz, demokratische Gleichheit und allgemeine Zugänglichkeit ausgerichteten postmodernen Mediengesellschaft wirken.

Dennoch, meine ich, lässt sich die Frage beantworten, wenngleich die Antwort nicht jedem helfen mag. Am knappsten formuliert, würde sie lauten: Georges Werk hält den Glauben an die Präsenz des Göttlichen in der Welt wach. Und weitergehend möchte ich daran die These knüpfen, dass nur eine Kultur, in der ein Werk wie das Georges die Möglichkeit zur ästhetischen Erfahrung dieser Präsenz des Göttlichen bereithält, geistig lebendig bleiben kann. Wenn ich schrieb, dass diese Antwort nicht jedem helfen mag, so deswegen, weil sich dagegen sogleich der Einwand erheben lässt, dass man einen Glauben nicht erlernen könne, und auch wenn ich in meiner Antwort den Begriff ›Glauben‹ durch den der ›Überzeugung‹ ersetzen würde, machte das die Aussage weder glaubhafter noch überzeugender. Tatsächlich hängt die Wahrheit der Antwort an der Beglaubigung durch die eigene Erfahrung, genauer: durch die eigene ästhetische Erfahrung. Das Göttliche nämlich, so meine zweite These, tritt allein in Form der Schönheit in die Erscheinung. Seine Wahrnehmung besitzt daher notwendig den Charakter der Exzeptionalität. Um der ästhetischen Erfahrung des Göttlichen teilhaftig zu werden, bedarf es sowohl einer Disposition des Subjekts für seine Wahrnehmung als auch des glücklichen Zusammenspiels von kairos und genius loci für seine epiphane Verleiblichung.

Die Präsenz des Göttlichen in der Welt lässt sich folglich nicht demonstrieren oder gar herbeizitieren, sie ist das unerforschliche Geschenk eines ewigen Augenblicks, der gleichwohl von einer prägenden Erlebniskraft wie kein anderer ist. Das Göttliche ist kein verfügbarer Konsumartikel. Man kann es nicht aufsuchen, man kann sich nur für seinen in jedem Moment möglichen Empfang bereiten. Wer eines solchen Moments und einer solchen ästhetischen Erfahrung teilhaftig geworden ist, wird von der Existenz des Göttlichen im Gewande des Schönen überzeugt sein. Entscheidend ist dabei im Hinblick auf den Stellenwert von Georges Werk heute, dass diese Erfahrung nicht allein den Grundton seiner Dichtung ausmacht und in vielen Gedichtzeilen in sprachlicher Evidenz aufblitzt, sondern eingebettet ist in einen bewussten sozialen und kulturellen Lebensvollzug.

Wenn der Engel des ›Vorspiels‹ im Gedichtband Der Teppich des Lebens dem Dichter die Botschaft bringt: »Das schöne Leben sendet mich an dich«, steckt darin implizit auch die Aufforderung, die ganze Existenz ins Zeichen der Schönheit zu rücken. Damit ist jetzt nicht die Ausstattung des Wohnraums mit dem gerade angesagten Lifestyle-Design oder der Besuch einer Beauty-Farm gemeint. Es geht darum, insofern selbst ›schön‹ zu werden, als das Subjekt sich zu einer ästhetisch durchformten Persönlichkeit ausbildet. Diese Schönheit ist folglich zugleich ein ethisches (Selbst-)Erziehungsprojekt von strenger Observanz. Würde, Demut, Gemessenheit, Diskretion, Schamhaftigkeit, Empathie, Gelassenheit, Unbestechlichkeit, innere Ruhe und innere Glut, Urteilsvermögen, Verantwortungsbereitschaft wären einige Bausteine dieser ›schönen Persönlichkeit‹. Man könnte das Gesamtpaket vielleicht am ehesten mit dem Begriff der ›Grandezza‹ erfassen, deren Erscheinungsbild für den jungen George bei seiner Spanienreise selbst zu einer prägenden ästhetischen und kulturellen Erfahrung wurde.

Die Ethik, die sich daraus ergibt, steht in einem denkbar scharfen Gegensatz zu den heutigen Lebensentwürfen, die Selbstgestaltung durch den hedonistischen Begriff der Selbstverwirklichung ersetzt haben. Dabei wird dieser Selbstverwirklichung der Anspruch auf geradezu unhinterfragbare Geltung zugeschrieben. Als ein Resultat ist der Narzissmus zu einer dominanten (a)sozialen Praxis geworden. Wo ihm etwas verwehrt wird, reagiert der Narzisst mit Hysterie oder Aggression. Jede Form von Verantwortung für das eigene Schicksal ist an eine diffuse Vorstellung von ›gesellschaftlicher Verantwortung‹ vindiziert worden, die das Subjekt immer schon apriori exkulpiert und umgekehrt die Erwartungshaltung einer rundum-sorglos-Bespaßung nährt.

Ein Beispiel für eine andere, quasi ästhetische Ethik mag genügen. In ihrem interessanten Interview hat M. Nussbaum auf diesem Blog die Vergebung als eine Handlung kritisiert, die in die soziale Beziehung eine Hierarchie bringt, indem der Vergebende als der perfekte Mensch erscheint, der den Schuldigen durch seinen Vergebungsakt gewissermaßen erniedrigt. Einen nicht unähnlichen ethischen Gedanken findet man in Georges Gedichtband Der Stern des Bundes, wo es heißt: »Verzeihung heischen und verzeihn ist greuel.« George spricht hier den Gedanken aus, dass sowohl die Bitte um Verzeihung als auch deren Gewährung die Würde der Betroffenen schändet – jedenfalls sofern es sich um lässliche Verfehlungen im menschlichen Miteinander handelt.

Wo jede Ahnung der Präsenz des Göttlichen in der Welt verloren gegangen oder wo es im Sinne einer pervertierten Aufklärung sogar als ›Mystizismus‹ oder ›Irrationalismus‹ stigmatisiert ist, macht sich ein geistig anspruchsloser und nach Besitz gieriger Materialismus breit. Zugleich besteht die Tendenz, dass Ideologien und/oder deren prominente Träger die verwaiste Rolle okkupieren und sich selbst einen gottähnlichen Status zuschreiben. Allerdings wäre hier eher von Vergötzung zu sprechen. Alle Versuche, nach rein vernünftigen Maßstäben eine innerweltliche gesellschaftliche Utopie zu realisieren, führten nur zu Terror, Gewalt und Massenmord. Allein auf der Vernunft eine optimale menschliche Gesellschaft zu fundieren, kann nur in einer unmenschlichen Gesellschaft enden, weil ein konstitutives Element des Menschseins, das im Bedürfnis nach der Begegnung mit einem Göttlichen besteht, geleugnet oder auf perverse Weise instrumentalisiert wird. Wenn der Schlaf der Vernunft Ungeheuer im Traum erzeugt, so bringt ihre Herrschaft diese in der Realität an die Macht. Das Bewusstsein von der Existenz einer göttlichen Sphäre, derer das Subjekt unter der Bedingung einer ethischen Bereitung und einer ästhetischen Sensibilität in beglückenden Momenten teilhaftig werden kann, immunisiert gegen jede Hybris und Selbstapotheose.

Freilich ist dieses Bewusstsein nicht in allen oder doch wenigstens in sehr unterschiedlicher Ausformung virulent. Das gilt ebenso für die Fähigkeit zur ästhetischen Wahrnehmung der Welt. Über eine Sensibilität für ästhetische Phänomene verfügen nur wenige Menschen, und sie ist nur zu einem sehr geringen Grade erlernbar. Die Dichtung Georges, ihre Ethik und Ästhetik, operiert daher mit einem ausgeprägten Elite-Bewusstsein. Das ist ebenfalls ein Begriff, auf dem heute und schon seit langem ein Bann liegt. Es ist aber eine geistige Selbstamputation, wenn eine Gesellschaft den Gedanken der Elite pejorisiert und sich – in logischer Konsequenz – als Ideal eine mediokre Fassung verschreibt. Das ist das Ergebnis eines falsch verstandenen demokratischen Denkens. Georges Dichtung ist nicht wie die heutige Medienwelt auf unbegrenzte Teilbarkeit hin angelegt, sondern auf die Kooptation auserlesener Individuen in eine Art geistigen Orden. Dabei ist weder an eine Sekte noch an einen verschworenen Geheimbund zur Welteroberung zu denken. Er besteht ohne jedes Vereinsregister oder Initiationsritus aus Einzelnen, die in der Überzeugung verbunden sind, in Georges Werk einen geistig-ästhetischen Raum lebendig halten zu wollen, dessen utopischer Gehalt unabgegolten ist und eine gesteigerte ›schöne‹ Existenz denkbar und lebbar erscheinen lässt. Sich dieser Bewahrung zu weihen, ist sicher kein massenkompatibles Projekt und dürfte es auch niemals werden. Es ist eine Exklusivität, die niemanden ausschließt, allerdings nur die Fortgeschrittensten in der ethischen und ästhetischen Selbstgestaltung einlässt. Die dafür geltende Regel lautet: »Hier schliesst das tor: schickt unbereite fort.«

 

Prof. Dr. Jürgen Egyptien lehrt Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der RWTH Aachen. 1987 Promotion an der TU Berlin, 1995 Habilitation an der RWTH Aachen. Jürgen Egyptien war von 2000-2006 stellvertretender Vorsitzender der Stefan-George-Gesellschaft. Er ist Mitherausgeber des 13-bändigen ›Killy Literaturlexikons‹ und Herausgeber des ›Stefan George-Werkkommentars‹. 

 

 

 

Der Name Stefan George (1868-1933) steht für den Beginn der modernen Dichtung ebenso wie für den ambitionierten Versuch, die deutsche Kultur aus dem Geist der Antike zu erneuern. Ästhetizismus, Kulturkritik und Charisma sind zentrale Aspekte, die diese Biographie entfaltet. Dabei wird auch Georges Lebensweg detailliert nachgezeichnet. Die Begegnung mit den französischen Symbolisten, die Beziehung zu Hofmannstahl, die Zusammenarbeit mit dem Jugendstilkünstler Melchior Lechter und die Etablierung des George-Kreises markieren wesentliche Stationen. Die Auswertung bisher nicht bekannter Quellen schärft den Blick für Georges Persönlichkeit. Der Dichterprophet zeigt sich als europäisch denkender, gut vernetzter Intellektueller. Seine Haltung zu Judentum und Nationalsozialismus wird klar profiliert. Um die Kommentierung ausgewählter Gedichte ergänzt, lässt die Biographie ein vorzügliches Gesamtbild des Menschen in seiner Zeit entstehen.

 

 

 

 

 

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