… to make the world a better place …

Fragen an Glen Weyl, laut WIRED’s einer der 25 einflussreichsten Denker über unsere technologische Zukunft[1]

D.Z.: Dear Glen, Du bist Senior Principal Researcher bei Microsoft, einer Firma, die – zumindest in Deutschland - als Synonym für ‘Kapitalismus‘ steht. Gleichzeitig insistierst Du auf einer radikalen Stärkung Kollektiver Entscheidungen in den Märkten der Zukunft. Bist Du ein verkappter Kommunist, ein Kommunist im Schafspelz?

Glen Weyl: Ich scheine meine sozialistischen Tendenzen nicht sehr gut verbergen zu können, wenn man sie direkt durchschaut! Ich denke, der Traum vom Sozialismus, der Traum, dass eine Gemeinschaft den Wert, den sie gemeinsam geschaffen hat, auch gemeinsam besitzen und demokratisch kontrollieren soll, ist ein Traum, den selbst konservative Führer wie Konrad Adenauer sehr geschätzt haben. Das Problem ist, dass wir in der Vergangenheit nicht über die Technologie verfügten, um in einer komplexen Gesellschaft wie der unseren eine groß angelegte, flexible und anpassungsfähige Demokratie zu ermöglichen. Allein bei der Durchführung einer einfachen Wahl stellen sich alle möglichen Probleme ein, ganz zu schweigen von der Frage, in welcher Größenordnung jeder Bürger an der Produktion oder am Konsum eines bestimmten Gewerbes beteiligt sein soll. Doch neue Fortschritte in der Informations- und Wirtschaftstheorie haben gezeigt, wie wir eine flexible Demokratie im großen Maßstab endlich funktionieren lassen können, ohne in die Falle einer degenerierten Planwirtschaft zu verfallen, gesteuert von einer diktatorischen Clique wie seinerzeit im Sowjetsystem: Durch den Einsatz modernster computergestützter Markttechnologie. Das ist es, worum es bei Radical Markets geht. Vielleicht bin ich also ein Kommunist - in technolibertärem Silicon-Valley-Gewand.

D.Z.: Der Stanford-Historiker Walter Scheidel konstatiert, dass seit den 80er-Jahren des 20. Jahrhunderts der Finanzkapitalismus seinen ungebremsten Siegeszug angetreten und eine gewaltige „entegalisierende Kraft“ entfaltet habe. Für das 21. Jahrhundert prognostiziert er eine Ära „stabiler Ungleichheit“. Siehst Du dies genauso?

Glen Weyl: Wenn ich mir die Welt anschaue, die Klimakrise, den Aufstieg des Ultranationalismus in den Vereinigten Staaten, auch in Großbritannien, Italien und Israel (einige der mächtigsten Länder der Welt), dann sehe ich nicht viel Stabilität … Andererseits ist in letzter Zeit die Ungleichheit zwischen diesen Ländern und Teilen der Zweiten und Dritten Welt mit dem Aufstieg Chinas, Indiens und sogar Teilen Afrikas deutlich zurückgegangen. Ich sehe unsere Epoche als eine äußerst dynamische Umbruchzeit, als einen jener Wendepunkte, an denen sich der Geschichtsverlauf grundlegend ändert: In wenigen Jahren kann alles grundlegend anders sein - in die eine oder die andere Richtung. Welchen Weg die Dinge gehen, das hängt allein von unseren kollektiven Entscheidungen ab.

D.Z.: Du hast, zusammen mit Professor Eric Posner von der University of Chicago Law school, ein sehr interessantes Buch geschrieben: “Wir sind der Markt!” (“Radical markets”: http://radicalmarkets.com/reviews): Was sind Deine drei Thesen und Vorschläge, um die Zukunft gerechter, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen?

Glen Weyl: Erstens, durch die Abschaffung des Privateigentums und dessen Ersetzung durch eine Mischung aus kontinuierlicher Versteigerung und Vermögenssteuer können wir den freien Markt tatsächlich ungemein dynamischer gestalten, da wir dadurch einen Großteil der Ungleichheit beseitigen.

Zweitens können wir die öffentlichen Entscheidungen, die wir treffen, zusammen mit der Effizienz der Märkte, die den privaten Austausch organisieren, steuern, und gleichzeitig Minderheiten durch eine innovative Form der Abstimmung schützen. Jeder Bürger hätte ein Stimmguthaben, das er für den Einfluss auf verschiedene Themen und Kandidaten verwenden könnte. Die Kosten pro Stimme würden aber umso höher ausfallen, je mehr Stimmen man zu einem Thema abgeben würde.

Und schließlich sollten wir uns die Daten ansehen, die jeder von uns generiert, und die die digitale Wirtschaft machtvoll antreiben: Sie sind unser Arbeitskapital, und wir sollten eine Art Datengewerkschaften organisieren, um unsere Privatsphäre, unsere geistige Gesundheit wie unsere wirtschaftlichen Rechte in dieser neuen Welt zu schützen.

D.Z.: Wenn Du einen Wunsch frei hättest an die deutsche Politik, an die deutsche Regierung: Was würdest Du Dir wünschen?

Glen Weyl: Erhebt eine auf Auktion basierende, selbst veranschlagte Steuer auf große Privatvermögen, die über 1 Million Euro hinausgehen!

D.Z.: Das musst Du mir erklären: Eine auf einer Auktion basierende Steuer? Wie genau soll das gehen?

Glen Weyl: Die Idee ist, dass es einen hohen Steuersatz auf große Vermögen geben würde (bspw. 7%). Der Vermögenswert, auf den diese Steuer angewendet wird, würde vom Eigentümer bestimmt, allerdings unter der Maßgabe, dass er bereit sein muss, seine Vermögenswerte an jeden Mitbürger zu verkaufen, der bereit ist, sie zu dem von ihm angegebenen Preis zu zahlen. Ein nicht börsennotierter Vermögenswert würde einen Preis von Null haben und somit könnte theoretisch jeder ihn dem derzeitigen Eigentümer wegnehmen, wenn er entdeckt, dass er nicht börsennotiert ist. Besitzer großer Vermögen könnten ihr Vermögen nach eigenem Ermessen zusammenpacken, und es gäbe eine großzügige steuerliche Befreiung der Eigentumswerte (vielleicht bis zu mehreren Millionen Euro), die jeder Bürger deklarieren könnte. Nur Vermögen jenseits dieser Grenze würde der Steuer unterliegen. Das Schöne an einer solchen Steuer ist, dass sie den größten Reichtum zu Gemeingut und gleichzeitig den Markt dynamischer macht, indem sie den Einfluss, den die Reichen auf ihr Vermögen - sei es Eigentum oder Unternehmen - haben, bricht, wodurch es weit effizienter für das Gemeinwohl eingesetzt werden kann.

D.Z.: Ich danke Dir für dieses Gespräch!

 

 

E. Glen Weyl, geb. 1985, studierte in Princton, lehrte an der Yale University und ist hauptberuflich Senior Principal Researcher bei Microsoft. Er gründete die RadicalxChange Foundation, wurde von WIRED’s zu den 25 Menschen nominiert, die die technologische Entwicklung der nächsten 25 Jahre maßgeblich bestimmen werden und von Bloomberg Businessweek’s zu den 50 einflussreichsten Menschen für 2018. Er lebt mit seiner Frau und Tochter in Boston, hat seit einem Jahr neben der amerikanischen die deutsche Staatsbürgerschaft und berät auch deutsche Politiker in Fragen der digitalen Zukunft.

 

 

 

 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Programmmanager im wbg-Lektorat Geschichte. Dort ist er zuständig für die Programme wbg Theiss, wbg Edition, wbg Academic und wbg Zabern.

 

 

 

 

 

 

 

 

Soziale Ungleichheit und ökonomische Stagnation auf den freien Märkten sind die zentralen Probleme unserer Zeit. Die Lösung: den Markt endlich zügeln, oder? Die Querdenker Posner und Weyl stellen dieses Denken - und so ziemlich alles konventionelle Denken über Wirtschaft - buchstäblich auf den Kopf. Das Buch offenbart mutige neue Wege, Märkte zum Wohle aller zu organisieren und die Gesellschaft gerechter zu machen. Die Autoren glauben zum Beispiel, dass von Migration jeder einzelne Bürger eines Landes profitieren kann. Oder: dass wir alle für unsere Posts und Daten von den großen Datenkonzernen, die damit Milliarden verdienen, bezahlt werden sollten. Ein Buch, das Märkte nicht verdammt, sondern radikale wie produktive neue Wege aufzeigt.

 

 

 

 

 

 

 

Ungleichheit wird immer mehr zu einem Problem – weltweit! Führende Wirtschaftswissenschaftler fordern Reformen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Wie aber lässt sich soziale Gerechtigkeit erreichen? Der renommierte Stanford-Historiker und Altertumswissenschaftler Walter Scheidel untersucht die Ursachen für soziale Gegensätze über drei Jahrtausende und kommt zu dem eindeutigen Schluss: Eine friedliche Senkung der Ungleichheit gab es in der Geschichte bisher nicht! Einzig Kriege und Katastrophen führten zu einem sozialen Ausgleich. Walter Scheidel fordert damit natürlich nicht den Krieg als neues Mittel der Einkommenspolitik – aber er mahnt ein ernsthaftes Angehen der Probleme an und provoziert diejenigen, die hohe Erwartungen in neue Einkommens- und Bildungsprogramme nähren.

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.