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›Über Tage‹ – ein Gespräch mit unserem Kollegen bei der wbg Andreas Lehmann

Andreas Lehmann, geboren in Marburg, hat Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz studiert, war zwei Mal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literaturwerkstatt Berlin, gewann ein Werkstattstipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung und nahm an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloqiums Berlin sowie der Romanwerkstatt im Brechtforum Berlin teil. Er ist nicht nur ein hochgeschätzter Kollege hier in der wbg, sondern seit Kurzem auch frischgebackener Romanautor.
In diesem Interview reden wir mit ihm über sein Debüt „Über Tage“ und was es heißt, ein schreibender Mensch zu sein.

 

Lieber Andreas, kannst du uns in ein paar Worten erzählen, worum es in deinem Debütroman „Über Tage“ geht?

Na klar: Es geht um Joscha Farnbach, Papiereinkäufer in einer mittelständischen Druckerei, der den Auftrag erhält, einem schwierigen, unzuverlässigen Lieferanten ins Gewissen zu reden. Das liegt ihm erstens nicht, er will eher seine Ruhe haben, außerdem zwingt es ihn, nach Augsburg zu reisen, wo er als Jugendlicher kurz gelebt hat. In dieser Zeit sind seine Eltern gestorben, das ist die große Verwundung seines Lebens, und damit will er auf gar keinen Fall konfrontiert werden. Er hat sich sein Leben mittlerweile in einer Art Zufriedenheitsbetäubung eingerichtet, aus der er nun droht, aufgeschreckt zu werden. Das macht ihm Angst, große Angst sogar, aber im Laufe der Zeit, als er sich nicht mehr wegducken kann, hat es auch andere Konsequenzen, positivere Folgen, mit denen er nicht gerechnet hat. Das ist die Handlung, ganz grob erzählt. Und das Thema, würde ich sagen, ist die Ambivalenz aus Furcht und Vitalisierung, die die Begegnung mit der eigenen Vergangenheit, den eigenen Wunden hat. Wie aus dem Aufgeschrecktwerden fast so eine Art Erweckung werden kann.

Wie lange hast du an dem Buch gearbeitet?

Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Angefangen habe ich im Herbst 2011, das weiß ich ganz genau, aber dann gab es, weil ich immer in Vollzeit gearbeitet habe, Phasen, in denen nicht viel passiert ist, und solche, in denen ich sehr viel schreiben, sehr produktiv sein konnte. Und in den Werkstätten, die ich besucht habe – vor allem im Literaturforum im Brechthaus in Berlin – ist auch noch mal einiges passiert. Also: insgesamt schon ein paar Jahre, aber meistens in der Form kürzerer, sehr intensiver Arbeitsphasen.

Der Protagonist Farnbach ist ein „zeitgenössischer Jedermann, der aus seinem Lebenshalbschlaf aufgeschreckt wird und vor den Dämonen seiner Vergangenheit flieht.“ Wieviel Andreas Lehmann steckt im Jedermann Farnbach?

Nun ja, in einem Jedermann steckt wahrscheinlich etwas von jedermann, nicht wahr …? Und sicher bin ich auf die eine oder andere Weise in meiner Figur enthalten, sonst hätte ich sie nicht so entwickeln können – oder auch gar nicht so entwickeln wollen. Es ist schon so, dass das Schreiben mir erlaubt, von Dingen, die mich betreffen, vielleicht auch mich bedrängen oder behelligen, so zu sprechen, wie ich es als Privatmensch nicht könnte. Aber im Detail die Persönlichkeit meiner Figur mit meiner eigenen zu vergleichen, sozusagen wie mit einem Bilderkennungsprogramm eine Art psychometrischen Profilabgleich zu machen, das liegt mir fern. Wenn ich beim Schreiben das Biographische, das Empirische nicht irgendwie transformieren würde, bräuchte ich wohl nicht zu schreiben, jedenfalls keinen Roman.

Das Buch steckt voller Symbolik, vom Bild des Rehs bis zur „Goldfisch-Episode“. Wie beeinflusst die Symbolik deinen Schreibprozess? Welchen Stellenwert räumst du ihr ein?

Der Roman hat für mich tatsächlich mit einem toten Tier begonnen, das ich gesehen habe – skurriler Weise ein totes Kaninchen, das in einem großen offenen Briefkasten auf dem Mainzer Unicampus lag. Das war der Nukleus meiner Geschichte, ein kleiner konkreter Kern, wenn man so will, der dann zu etwas ganz anderem wurde, nämlich dem Goldfisch im Briefkasten. Wenn so ein Bild genug Kraft hat, kann im Text daraus ein Symbol werden. Das ist schon wichtig für mich, für mein Schreiben, funktioniert aber nur, wenn neben der symbolischen Ebene auch die konkrete, sinnliche bleibt. Wenn über einer Szene dauernd das Wort »Bedeutung« in Großbuchstaben aufleuchtet, dann ist erzählerisch etwas schiefgelaufen. Doch die Lebenswelt, über die ich schreibe, ist eine mir selbst und wohl auch vielen anderen vertraute; in diesen Alltagswelten Situationen, Konstellationen, Bilder zu finden, die das Potenzial haben, auch symbolische Kraft zu entfalten, ist etwas, das mich sehr reizt und interessiert.

Ist das Schreiben, auch, aber nicht nur von „Über Tage“, für dich eher ein Mittel für persönliche Verarbeitung oder geht es dir um eine Botschaft an ein Publikum?

Wahrscheinlich beides – und beides auch wieder nicht. Für die Verarbeitung persönlicher Probleme gibt es wohl effektivere Methoden als das (literarische) Schreiben. Zumal das Schreiben und der Versuch, das Geschriebene öffentlich zu machen, wieder ganz neue Schwierigkeiten mit sich bringt, da bleibt unter dem Strich kein großer therapeutischer Gewinn stehen, fürchte ich. Und von einer Botschaft rede ich auch nicht gerne, das klingt so, als hätte ich ein Programm unter die Leute zu bringen oder würde mir die Mühe machen, einen klugen Merksatz auf 180 Seiten auszudehnen. Was dann wieder gar nicht so arg klug wäre. Der Schreibimpuls ist eher etwas Triebhaftes, ganz Vorbegriffliches, und er kümmert sich noch gar nicht um ein Warum oder eine objektivierende Erklärung. Das kommt immer erst hinterher. Auch wenn es nach großen Worten klingt: Literatur ist für mich eine Art intensiver und extensiver Lebensvermehrung. Wenn ich lese oder schreibe, bin ich mehr auf der Welt, als wenn ich es nicht tue.

„Über Tage“ ist die Geschichte einer Sinnsuche. Warum denkst du ist die Suche nach Sinn gerade heute wieder so ein wichtiges Thema?

Sinnsuche ist ebenfalls ein großes, auch schon ein interpretierendes Wort, aber man kann das ruhig so nennen. Ob das jedoch jemals unwichtig war, bezweifle ich. Was es natürlich nicht mehr gibt, ist ein autoritär vorgegebener, für alle verbindlicher Sinn. Religiöse, weltanschauliche, vielleicht auch philosophische Großerzählungen, die jedem Einzelleben seine feste Form und Richtung geben, haben ihre Glaubhaftigkeit, ihre Integrität verloren. Jeder muss sich sein eigenes Leben so erzählen, dass es lebbar, lebenswert, meinetwegen sinnvoll erscheint. Und dafür bietet die Literatur durchaus brauchbare Muster, Vorbilder und Methoden. Und in Zeiten, in denen dieses Unterfangen prekär geworden, die Diskrepanz zwischen individueller Glücksverheißung und globaler Problemlast so gewaltig ist, wird es eben nicht nur schwieriger, sondern auch wieder wichtiger.

„Über Tage“ ist dein erster veröffentlichter Roman, aber ist es auch dein erster geschriebener Roman? Hast du bereits längere Erzählungen geschrieben, die keinen Verleger fanden oder ganz bewusst in der Schublade gelandet sind?

„Über Tage“ ist tatsächlich mein erster Roman. Aber Erzählungen habe ich schon viele geschrieben, grob gesagt zwischen einer und 60 Seiten Länge. Etliche davon sind auch erschienen, in Zeitschriften z.B., aber eben noch nicht gesammelt in einem Buch; das wäre ein großer Wunsch von mir.

Hast du Schreibrituale, die für dich unerlässlich sind? Routinen, die dir helfen?

Nichts, glaube ich, dass das Neurotische streift: Es muss kein bestimmtes Licht herrschen, keine spezielle Musik laufen, es muss nicht ein ganz bestimmter japanischer Tee vor mir stehen, der mich aus der Fassung bringt, wenn er zwei Grad zu heiß ist oder so. Aber ich gehe zum Schreiben gerne irgendwo hin, so wie man eben zur Arbeit geht. Ich lebe ja in Leipzig, und ich kann dort in der Unibibliothek, der Albertina, sehr gut arbeiten. Da bin ich ungestört, aber immer unter Menschen. Es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre, ohne dass die Stille mich angreift. Und ich fange gerne früh am Morgen an und habe den Tag noch vor mir.

„Über Tage“ ist zwar dein erster Roman, aber nicht dein erstes Buch: Du hast bereits Lyrik veröffentlicht. Warum nun der Sprung in das Erzählende?

Das war gar kein Sprung, ich würde eher sagen, dass die Gedichte eine Art Ausflug waren. Ein sehr schöner allerdings. Und wie eben schon gesagt, es sind auch Erzählungen immer wieder entstanden und auch erschienen, nur eben bislang nicht als Buch.

Vom Schreiben leben: Ist das für dich Wunsch, Ziel oder gar nicht erstrebenswert?

Mit der Publikation des Romans ist eine Professionalität erreicht, die mir auf jeden Fall wichtig ist. Ich will nicht umsonst arbeiten, und vor allem will ich mit meinen Texten nicht im Sinne einer schrulligen Liebhaberei im Hobbykeller verkümmern. Aber mit meinem derzeitigen Modell – Teilzeitarbeit bei der wbg, die ich sehr mag und die mir Zeit und Freiraum für das Schreiben lässt – bin ich extrem zufrieden.

Was wäre wenn: Egal, ob tot oder lebendig, du könntest eine Lehrstunde bei einem Schriftsteller deiner Wahl in Anspruch nehmen — wen würdest du wählen und warum?

Das ist natürlich arg hypothetisch, aber wahrscheinlich würde ich mich in dem Fall für Čechov entscheiden, den ich sehr liebe. Aber Lehrstunde ist wohl das falsche Wort, und ich vermute, auch er hätte darauf überhaupt keine Lust. Schwierig wäre außerdem, dass ich dann für eine Stunde Gespräch Russisch lernen müsste. Ich fürchte, es wird dabei bleiben, dass ich seine Bücher lese – in deutscher Übersetzung.

Bei uns in der wbg warst du unter anderem Lektor für Hörbücher und bist heute als Key-User bei uns tätig. Wie viele deiner „wbg-Erfahrungen“ sind in deine Arbeit und in die Geschichte eingeflossen?

Konkrete Einzelerfahrungen sind es weniger. Eher ein paar Aspekte dieser Lebenswelt – das mittelständische Unternehmen, das Angestelltenmilieu, um es allgemein zu sagen. Und natürlich gibt es ein paar äußerliche Kleinigkeiten, Kulissenbausteine. Ob es die Kantine ist oder das Raucherzimmer, das längst nicht mehr existiert, da helfen echte Vorbilder, um es plastisch zu machen.

Und: Dienten einige Kollegen aus der wbg als Vorbild für Figuren in Roman?

Nein, auch hier: Konkrete Personen habe ich nicht angezapft. Aber natürlich ist man bei der Ausgestaltung von Figuren immer auf die Kenntnisse echter Menschen angewiesen, ist ja klar. Doch um erkennbare Portraits realer Personen geht es mir nie; das würde ich nicht interessant und irgendwie auch nicht statthaft finden.

 

 

Andreas Lehmann, geboren in Marburg, hat Buchwissenschaft, Amerikanistik und Komparatistik in Mainz studiert, arbeitet in einem Sach- und Fachbuchverlag und lebt in Leipzig. Er war zwei Mal Teilnehmer des Open Mike-Wettbewerbs der Literatur werkstatt Berlin, und er hat Werkstattstipendien der Jürgen-Ponto-Stiftung, der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin und der Romanwerkstatt im Brechtforum Berlin erhalten.

 

 

Ein Roman über einen zeitgenössischen Jedermann, der aus seinem Lebenshalbschlaf aufgeschreckt wird – erzählt in so unaufgeregter wie präziser Sprache, unter deren Oberfläche Poesie und Schrecken lauern.
Als Joscha Farnbach, Angestellter einer Druckerei, den Auftrag erhält, einem säumigen Lieferanten ins Gewissen zu reden, gerät sein ruhig dahinfließendes Leben aus dem Tritt. Seine Flucht vor den Dämonen der Vergangenheit gerät zu einer Suche nach neuer Selbstsicherheit: Er muss sich der Tatsache stellen, dass Verluste zum Leben gehören, um zu begreifen, was er besitzt.

 

 

 

 

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  • liebe Kollegen

    Super, wie sie ihren Kollegen unterstützen...auch wenn das Buch nicht ganz mein Fall ist :-)

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