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Unbekannte Mitbewohner

»Falls du glaubst, dass du zu klein bist, um etwas zu bewirken, dann versuche mal zu schlafen, wenn eine Mücke im Raum ist.« Dieses Zitat stammt vom Dalai Lama, sein Titel bedeutet ›Lehrer, dessen Weisheit so groß ist wie der Ozean‹. Sein Ausspruch bringt es auf den Punkt. Die kleine Fliege bewirkt, dass wir genervt die Stirn runzeln, mit den Augen rollen, nervös um uns schlagen, sie wahlweise mit der flachen Hand, der Fliegenklatsche oder – die friedlichere Variante – einem Gefäß zwecks Lebendfang verfolgen, um sie wahlweise in den Fliegenhimmel oder den (sichtbaren) Himmel voller Fliegen zu befördern. In solchen Momenten wird uns klar, dass wir nicht allein sind, auch wenn es in unseren Wohnungen und Häusern zunächst danach aussehen mag. Überall um uns herum wuseln, huschen und flattern große und kleine Tiere des Alltags, denen wir an und um uns selbst, in unseren Wohnungen, aber auch in Gärten, Parks und auf Straßen begegnen. 

Unsere Reaktionen sind dabei, je nach Erscheinungsbild und Auftreten des Wesens sowie seiner Distanz zu uns höchst unterschiedlich – leidenschaftliche Tierkundler, professionelle Zoologen sowie Schädlingsbekämpfer einmal ausgenommen. So lösen einige dieser tierischen Begegnungen im Alltag nicht unbedingt Entzücken aus. Je näher uns ein Tier kommt und in unsere Lebensbereiche eindringt, desto eher begegnen wir ihm mit Widerwillen. Sei es, weil es summend unseren Kopf umkreist oder sich gar auf ihm häuslich einrichten möchte, sei es, weil es unsere Zimmerdecken mit filigranen Netzen überzieht, uns unsere Vorräte wegfuttert oder an unserer Kleidung knabbert. Zu den positiv besetzten Zusammentreffen zählen hingegen flüchtige Sichtungen einer Meise, die, niedlich den Kopf wiegend, vor unserem Küchenfenster sitzt. Oder aber ein vorbeieilender Marienkäfer ebenso wie ein Meer von Glühwürmchen in einer lauen Sommernacht. Schon ein einziger Tag kann im Rückblick zu Begegnungen mit einer wahren Tiermenagerie mutieren, weil wir immer wieder auf verräterische Spuren unserer Zimmergenossen, Untermieter und Nachbarn treffen. Wenn wir z. B. nach einer Nacht in Gesellschaft einer Stechmücke mit schmerzenden Stichen völlig übernächtigt ins Bad taumeln, kann es sein, dass uns dort ein weiterer tierischer Gast über den Weg huscht: auf den ersten Blick vielleicht widerlich, auf den zweiten klitzeklein, silbrig glänzend und erstaunlich geformt: ein Silberfischchen, auch Zuckergast genannt. Hat das für die tägliche Kompostentsorgung zuständige Familienmitglied während einer sommerlichen Hitzewelle seinen Dienst lässig vertagt, kann der morgendliche unbedarfte Gang in die Küche in einer den Raum verdunkelnden Wolke von Fruchtfliegen enden. Und eine in der Küche umherkurvende Getreidemotte lässt uns vom Kaffee aufblicken, die Alarmglocken läuten und bewirkt eine frühmorgendliche intensive Inventur aller Müsli- und Mehlvorräte. 

Kratzt sich das verschlafene Kind beim Frühstück verhalten am Kopf, geraten manche Eltern – völlig zurecht – in Panik, zücken Taschenlampe und Lupe und beginnen eine intensive und seitens des Kindes wenig erwünschte Inspektion des kindlichen Kopfes. Die gleiche elterliche Unruhe stellt sich ein, wenn aus Kita oder Schule die schriftliche Mitteilung kommt, es seien Kopfläuse bei einem Kind entdeckt worden und man solle bitte die Köpfe der eigenen Kinder gründlich absuchen und schriftlich bestätigen, dass der eigene Haushalt läusefrei sei oder aber – im schlimmsten Fall – bestätigen, dass ein entdeckter Befall sachgerecht behandelt worden sei. Es fällt verständlicherweise nicht leicht, beim Anblick von winzigen, am Haar festgeklebten Eiern oder sich flink durchs Haar hangelnden Läusen entspannt zu bleiben, zumal in Familien mit mehreren Kindern: Hier müssen neben dem eigenen Kopf, der am Vortag während der Gutenachtgeschichte noch neben dem der unentdeckt verlausten Tochter lag, prophylaktisch auch alle weiteren Kinderköpfe mitbehandelt werden – eine zeitintensive Prozedur. Nur Biologen mit Mikroskopierkursen zu Parasiten können sich in einem solchen Fall zumindest ein wenig über Nachschub in puncto Anschauungsmaterial freuen, aber trotzdem kämmen sie verdrießlich gefühlt Stunde um Stunde abgetötete Läuse und Eier aus den Haaren der Kinderschar (sowie den eigenen) heraus. 

Wir stellen beim täglichen Blumengießen fest, dass auch unsere pflanzlichen Mitbewohner von Läusen, wenn auch ganz anderer Art, befallen sind und rücken sie ein wenig von den Nachbarpflanzen weg, schlagen damit jedoch eine ganze Assel-Armada in die Flucht, die sich im feuchten Souterrain des Pflanztopfes angesiedelt hatte. Auf dem Weg zur Arbeit begegnen wir Krähen an Straßen und auf Bahnhofsdächern. Und wer am Nachmittag eine Runde joggen geht oder mit Freunden oder Kindern auf einer Decke im Gras döst, kann unfreiwillig zur Tankstelle für Zecken oder Versorgungsstation für Grasmilben werden. Am Abend kann man dann nur inständig hoffen, dass alle Fliegen und Stechmücken außerhalb des Schlafzimmers übernachten. 

Wer sich als Biologe zu erkennen gibt, dem werden sofort viele und vor allem sehr vielfältige Fragen gestellt. Ganz oft geht es dabei um Alltagstiere, die die meisten Menschen zumindest namentlich kennen. Was kann ich tun, damit die Wespen nicht zur nächsten Grillparty einfliegen? Was kann ich tun, damit die Nachbarskatze nicht die frisch ausgeflogenen Blaumeisenkinder verspeist? Wie werde ich den Siebenschläfer auf meinem Dachboden wieder los? Und immer wieder kommt die Frage auf, wozu ein Tier denn überhaupt gut und nützlich sei. Dem liegt die verbreitete Vorstellung zugrunde, dass alles in der Natur einen tieferen Sinn und einen Nutzen haben müsse. Für Menschen ist es beruhigend, die Dinge und hier im Speziellen die Alltagstiere einordnen zu können, so wie in vielen Fernseh-Dokumentationen in sich schlüssige und erstaunliche Beziehungen zwischen bestimmten Tierarten aufgezeigt und so die drängenden Warum- und Wozu-Fragen beantwortet werden. 

Nicht jeder Biologe hat zu jedem Alltagstier sofort eine einleuchtende Erklärung parat (wie etwa die: Spinnen futtern jährlich mehr Insekten – auch Plagegeister – als Menschen Fleisch essen. Oder: Einige Vogelarten haben Wespen zum Fressen gern. Oder: Wespen können bestimmte Pflanzen bestäuben.) aber manchmal ist das auch gar nicht oder aber noch nicht möglich. Zwar sind aus menschlicher Perspektive viele Tiere auf den ersten Blick weder sinnvoll noch nützlich – allen voran, die, die es vermeintlich auf uns abgesehen haben, uns unser Blut abzapfen oder unsere Ernten bedrohen. Jedoch stehen sie alle in einem natürlichen Beziehungsgefüge (so wie wir Menschen ursprünglich auch), das sich uns in seiner ganzen Komplexität oft nicht oder noch nicht erschließt. Ihre speziellen Eigenschaften haben sich im Zuge eines langen Entwicklungsprozesses im ständigen Dialog mit ihrer belebten und unbelebten Umwelt herausgebildet und sind keineswegs statisch – sie verändern sich weiter, wie z. B. unschwer daran zu erkennen ist, dass bestimmte Stechmückenarten Immunität gegenüber Insektiziden entwickeln und an ihre Nachkommen weitergeben. Nur weil Vertreter einer Tierart dem Menschen schaden, sind sie aus Sicht einer anderen Tierart z. B. als schmackhafte Beute oder als Nahrungslieferant (z. B. die Blattlaus als Weidevieh der Ameise) durchaus willkommen. Aus Sicht von Krankheitserregern sind sie gern gesehene Überträger und Garanten für ihr eigenes Fortbestehen – auch wenn uns das verständlicherweise äußerst schwer fällt. 

Neben einem Perspektivenwechsel ist es vielleicht hin und wieder möglich, auch den ärgsten Plagegeistern mit etwas mehr Langmut zu begegnen, sie – wie in vielen Anleitungen zur Achtsamkeit empfohlen – wahrzunehmen und nicht sofort zu bewerten, sondern sie zunächst einmal – mit einem individuell unterschiedlichem Sicherheitsabstand – anzusehen, zu belauschen und vielleicht auch sachte zu berühren, z. B. zeitweilig entspannt die Zitterspinnenkolonie an der Garagendecke ertragen, Vielleicht können wir versuchen, einmal unvoreingenommen auf ihr Leben und Lieben zu schauen, zu staunen und uns hie und da ein wenig zu wundern.

 

Ruthild Kropp studierte Germanistik, Romanistik und klassische Archäologie in Münster, Grenoble und Mainz sowie Biologie in Frankfurt am Main. Sie promovierte über das Pferd in der deutschen Literatur. Heute arbeitet sie als freie Lektorin, Autorin und Übersetzerin sowie als Naturpädagogin und Archäobotanikerin in Frankfurt am Main.

 

 

 

Carina Heberer ist promovierte Biologin. Sie arbeitet in den Bereichen Forschung und Umweltpädagogik der Ökologischen Forschungsstation Schlüchtern e. V. sowie als Museumspädagogin am Senckenberg Naturmuseum Frankfurt am Main. Daneben ist sie als freie Autorin, Naturpädagogin und Referentin für populärwissenschaftliche Themen tätig.

 

 

 

 

Täglich begegnen wir Tieren, deren Namen wir kennen, über die wir jedoch nichts oder kaum etwas wissen. Und das, obwohl sie in unser allernächsten Umgebung leben. Unterhaltend und kenntnisreich stellen uns die Autorinnen scheinbar bekannte Tiere vor, die mit uns oder um uns herum leben und eben unsere ›unbekannten Mitbewohner‹ sind. Nach der Lektüre werden Sie Kakerlaken, Mäuse und Co. mit ganz anderen Augen sehen!

 

 

 

 

 

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  • Alles eine Frage der Perspektive

    Eigentlich schade, dass wir Menschen so oft Tiere als Ungeziefer bezeichnen, nur weil sie uns nicht in den Kram passen (oder wir zu wenig über sie wissen...)
    Alles eine frage der Perspektive...

  • schwieriger Perspektivwechsel

    Es ist immer leich gesagt, dass man die Perspektive einfach wechselt und Spinnen, Mäuse und co im eigenen Haus weniger unangenehm findet. Für mich bleiben sie Plagegeister!

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