Urbild einer universellen Zivilisation

Alexandre Grandazzis Buch URBS zeigt das antike Rom als Modell eines Gemeinwesens, dessen Zukunft aus gemeinsamen Erinnerungen erwächst.

Wie oft ist die Geschichte Roms von der Gründung der Stadt auf den sieben Hügeln bis zum Untergang in den Verwerfungen der Völkerwanderungen schon erzählt worden! Sowohl der mythische Anfang im achten vorchristlichen Jahrhundert als auch das Ende des spätantiken Rom bieten seit jeher Anlass zu Spekulationen und Theorien, welche Teil der Selbstreflexion von Geschichtsschreibung schlechthin geworden sind: „adeo maxima quaeque ambigua sunt” („Große Angelegenheiten sind zumeist und jede für sich rätselhaft“), schrieb Tacitus in seinen Annales (III 19,2), und darin ist ihm zweifellos recht zu geben: Je bedeutender der Gegenstand der Geschichtsschreibung – und daran besteht mit Blick auf Rom kein Zweifel –, desto unsicherer und angreifbarer sind die mit ihm verbundenen Hypothesen und Theorien! In URBS. Roms Weg zur Weltmetropole entwickelt nun der Pariser Latinist und Archäologe Alexandre Grandazzi eine bestechende Hypothese zu den Gründen des Aufstiegs und der Weltgeltung dieser anfangs kümmerlichen Siedlung oberhalb der Tibersümpfe.

Allerdings ist dieses Buch alles andere als theoretisch, wenn man darunter die Begründung einer abstrakten These versteht; nimmt man indes den Begriff der Theorie wörtlich – nämlich als Anschauung –, dann erwartet den Leser in URBS eine vielschichtige, anregende, ja faszinierende Betrachtung Roms in bester französischer Tradition. Als Numa Fustel de Coulanges 1864 sein schon bald zum Klassiker gewordenes Buch La Cité antique (dt.: Der antike Staat. Kult, Recht und Institutionen Griechenlands und Roms, 1988) vorlegte, stellte er es unter folgendes Motto: „Um die Institutionen der Alten zu verstehen, muß man ihre frühesten Glaubensvorstellungen untersuchen.“ In URBS ist dieser ständige Austausch zwischen Ritus und Mythos, zwischen Politik und Religion das Leitmotiv der Erzählung. Dabei wird deutlich, dass sich die unvergleichliche Dynamik des römischen Gemeinwesens, das zunächst seine nahen und fernen Konkurrenten in die Knie zwang, um schließlich sämtliche Anrainer des Mittelmeeres sowie Mitteleuropa zu beherrschen, auf seiner produktiven Auseinandersetzung mit der griechischen Kultur und Götterwelt basiert: Horazʼ berühmter Satz aus der Epistula ad Augustum „Das besiegte Griechenland bezwang die wilden Sieger, indem es die Künste in das bäuerliche Latium brachte”, wird von Alexandre Grandazzi gleichsam „gegen den Strich gebürstet“. Er zeigt, dass sich das römische Selbst- und Geschichtsverständnis gerade nicht in die fatalistisch-pessimistische Tradition der griechischen Historiographie eines Herodot („Was bleibt, ist der Wandel.” Historien 1, 207,2) stellte. Eher schon verhielten sich die Römer so, wie Thukydides – freilich sarkastisch – die Athener schildert, nämlich als Menschen, deren Natur es sei, „über alle zu herrschen, die nachgeben, sich aber abzusichern gegen alle, die angreifen”. (Peloponnesischer Krieg 4, 61, 5). Den Römern, auch das zeigt Grandazzi, war die Geschichte und gerade jene, die Thukydides erzählt, eine Lehrmeisterin. Ihr ganzes Sinnen und Trachten sollte das vermeiden, woran das Griechenland der attischen Demokratie gegen Ende des fünften Jahrhunderts v. Chr. zugrunde ging: den Bürgerkrieg.

Zu dieser Vermeidungsstrategie gehörte, wie Grandazzi überzeugend und variantenreich zeigt, die Emanzipation vom göttlichen Schicksal durch Handel mit den Göttern. Darüber hinaus wussten jedoch die Römer nur zu gut, dass derjenige herrscht, der die Macht über das kollektive Gedächtnis hat und dadurch den Fliehkräften der Gesellschaft Einhalt gebietet. So glich das öffentliche Leben der Urbs einer permanenten Arbeit am Mythos, die darin bestand, Roms Bestimmung und Sendung in jedem Triumph, aber auch in jedem noch so kleinen – auch zunächst niederschmetternden – Detail der Vergangenheit aufblitzen zu lassen. Römische Geschichte, wie sie im Aeneas-Mythos bei Vergil, dem Gründungsmythos Roms, erzählt wird, ist immer ein vaticinium ex eventu: Die doppelte Gründung durch den Trojaner Aeneas und die sich selbst bzw. der Wölfin überlassenen Zwillinge, an denen der Sieg der Zivilisation über die Natur offenkundig wurde, war ein Vorzeichen, aus dem nur Großes entstehen konnte.

Lässt sich nicht in Liviusʼ Chronologie, die das Zeitverständnis der römisch geprägten Welt durch den imaginären Gründungsakt des Romulus definierte – also ab urbe condita, seit Menschengedenken – das Prinzip der Nation erkennen, das Ernest Renan 1882 in seiner berühmten Sorbonne-Rede beschrieb? „Eine Nation“, sagte Renan, „ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.”

Rom als vormoderne Nation? Ja, aber nur durch eine geniale Vermittlungsstrategie – und diese ist das eigentliche Thema in Alexandre Grandazzis URBS. Wie ein roter Faden durchzieht seine Geschichte der Ewigen Stadt die im Prolog formulierte Leitfrage: Wie kann an einem Ort, der im ersten Augenschein wie das Grab einer vergangenen Zivilisation aussieht, der unter Trümmern und Ruinen verborgene Reichtum sichtbar gemacht werden, der bis in die Gegenwart, ja in die Zukunft strahlt. Die Antwort liegt in der Vergegenwärtigung einer Stadtarchitektur, der es von Beginn an und durch eine immer ausgeklügeltere Bildsprache darauf ankam, durch die Monumente und die mit ihnen assoziierten Ereignisse und Personen das reiche Erbe an Erinnerungen als gemeinsamen Besitz sichtbar zu machen, ja zu inszenieren. Alexandre Grandazzi zeigt und interpretiert die urbane Semiologie der Urbs, durch welche Patrizier und Plebejer zu allen Zeiten versöhnt wurden; es war dieses von Grandazzi gedeutete Verständnis von Stadtarchitektur und öffentlichem Raum, das Rom seinen großen Rivalen – ob Syrakus oder Athen, Pergamon oder Alexandria – nachmachte und wodurch Rom sie schließlich überflügelte und unnachahmlich wurde.

Es ist bezeichnend, dass Alexandre Grandazzi sein Buch auf dem Höhepunkt der aurea latinitas, nämlich im Prinzipat des Augustus, enden lässt; dies bedeutet nicht, dass er die Augen vor dem Ende dieser Hochkultur verschließt. Vielmehr erteilt er kulturpessimistischen Abstiegs- und Dekadenztheorien eine Absage, wie sie etwa Oswald Spengler in seinem Untergang des Abendlandes formulierte. Nicht die Parabel von Aufstieg und Fall ist das Muster von Grandazzis URBS, sondern der Kreis; aber auch nicht der Kreis im Sinne der Kulturkreislehre eines Giambattista Vico, sondern der Kreis als orbis terrarum, für den Rom das Urbild und Modell darstellte – und immer noch darstellt. Das ist die Botschaft zwischen den Zeilen dieser über 700 Seiten: Rom ist gar nicht untergegangen, denn es lebt in den Metropolen dieser Welt, wo Erinnerungen eben nicht nostalgisch ins Museum verbannt oder nationalistisch-exklusiv beschworen werden, sondern als Vademecum der nur universell und niemals partikular zu denkenden Zukunft fungieren.

Prof. Dr. Clemens Klünemann

Die Geschichte der Stadt Rom ist die Geschichte der Eroberung des Mittelmeerraumes und der Errichtung eines Weltreiches. Rom steht im Zentrum dieser ersten Globalisierung der Geschichte. Jahrhundert für Jahrhundert, Sieg für Sieg, schrieben die Römer den Fortschritt ihrer Eroberungen im Raum ihrer Stadt ein, die so zu einem steinernen Denkmal wurde, in dem die Römer ihre Geschichte lesen und eine kollektive Identität feiern konnten. Der Experte Alexandre Grandazzi zeichnet ein einmaliges Panorama der Frühzeit Roms von den Ursprüngen bis zum Tod von Augustus, der die Politik und das Antlitz der Stadt mit einem epochalen Bauprogramm für die kommenden Jahrhunderte grundlegend veränderte. In einem Rundumschlag aller wichtigen Themen, von der Umwelt und Topografie, über die ethnische Zusammensetzung und materielle Kultur, bis zur Entwicklung der Weltsprache Latein und zur politischen Geschichte des Reiches, beantwortet er die Frage nach dem durchschlagenden Erfolg Roms.

 

 

Alexandre Grandazzi (* 1957) ist ein bekannter französischer Althistoriker und Archäologe. Er lehrt als Professor an der Sorbonne und ist Spezialist für Roms Stadtgeschichte. Zur Frühgeschichte der Ewigen Stadt hat er bereits drei Bücher publiziert.

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