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Waage und Wandel – wie das Wiegen die Bronzezeit prägt

Innovationen haben nicht nur einen starken Einfluss auf unser heutiges Leben, sie formten und beeinflussten bereits den Alltag der Menschen in der Antike. Die Waage und das Wiegen gehören definitiv zu solchen Innovationen.
Beispielsweise war es möglich den Wert von Gegenständen durch Vergleich mit einer bestimmten, gewogenen Menge eines Edelmetalls auszudrücken. Auf diese Weise beeinflusst das Wiegen den Warenaustausch bis heute.

 

Auf der Suche nach dem Ursprung des Wiegens

Dort, wo man den Ursprung des Wiegens vielleicht am ehesten vermuten würde, in den frühen urbanen Gesellschaften, die sich im 4. Jt. v. Chr. im Zweistromland herausbilden und wo spätestens seit der Mitte dieses Jahrtausends die Messung von Längen, Flächen und Volumina zu Zwecken der Verwaltung gang und gäbe ist, schweigen die Quellen. Im Zweistromland wird Wiegen erst nach der Wende zum 3. Jt. v. Chr. in der frühdynastischen Epoche greifbar, zunächst vereinzelt, um uns dann gegen Mitte des 3. Jts. v. Chr. in aller Deutlichkeit entgegen zu treten. Auch im ägäischen Raum, Anatolien, der Levante sowie am Persischen Golf und in der Industal-Region lässt sich Wiegen für das 4. Jt. v. Chr. nicht nachweisen. So führt die Suche nach dem Ursprung des Wiegens nach Ägypten.

Von dort stammen nicht nur das älteste Gewicht und die wohl älteste erhaltene Waage, sondern auch die ältesten Darstellungen mit Wiegeszenen. Auf den frühesten Gewichten ist die Gewichtseinheit oft nicht genannt und das numerische Verhältnis zur Einheit nur selten angegeben. Fehlen diese Angaben, lässt sich aber nur schwer entscheiden, ob ein Objekt ehemals als Wägegewicht gedient hat. Abweichungen von bis zu zehn Prozent zwischen Wägegewichten, die nominell dasselbe Gewicht repräsentieren sollten, sind in der Frühphase des Wiegens keine Seltenheit. Die Beurteilung eines Gegenstands nach seinem Gewicht kann daher bei der Einschätzung, ob es sich einst um ein Wägegewicht handelte, nicht allein den Ausschlag geben. Dies gilt umso mehr als wir die Einheiten, die den frühesten Gewichten zugrunde gelegen haben, erst dann deutlich erkennen, wenn das Gewichtssystem bereits ein hohes Maß an Standardisierung erreicht hat, also erst einige Zeit, nachdem man begonnen hat zu wiegen. Weitere Kriterien müssen hinzugezogen werden.

 

So wurden, um Gewichtsverlust durch Absplitterung oder Abrieb vorzubeugen, Wägegewichte in der Regel aus dauerhaften und widerstandsfähigen Materialien gefertigt. Oft zeichnen sie sich auch durch besondere Formen und sorgfältig bearbeitete Oberflächen aus. Einerseits diente dies sicherlich dazu, Wägegewichte überhaupt als solche kenntlich zu machen. Andererseits wurde der betrügerischen Manipulation entgegengewirkt, da es nicht leicht möglich war, das Gewicht eines solchen Objekts zu ändern, ohne dabei seine charakteristische Form und Oberflächenbeschaffenheit zu stören. Legt man diese Kriterien zugrunde, so muss nach heutigem Kenntnisstand ein im Staatlichen Museum Ägyptischer Kunst in München aufbewahrter Quarzitblock, auf dem der Name König Narmers eingeschrieben ist, als das älteste, sicher datierbare Objekt gelten, das mit einiger Gewissheit als Gewicht angesprochen werden kann. Über die Herkunft des Stücks ist nichts bekannt. Die Schreibweise des Namens allerdings ist zeitgenössisch. Man kann also davon ausgehen, dass das Objekt noch während der Herrschaft Narmers hergestellt wurde und auf die Zeit um 3000 v. Chr. anzusetzen ist.

Ein kurzer Balken aus rötlich braunem Kalkstein im Petrie Museum in London wird in der Literatur gemeinhin als die älteste erhaltene Waage angeführt. Der kleine Balken wurde von dem Ägyptologen Flinders Petrie (1853–1942) angekauft. Petries Aufzeichnungen geben Anlass zur Vermutung, dass die Waage aus Oberägypten stammt, möglicherweise aus der Region zwischen Abydos und Nagada. Es könnte sich also durchaus um eine Grabbeigabe aus einem frühdynastischen Grab handeln aus einer Zeit, bevor die Hauptfriedhöfe der Eliten nach Memphis verlegt wurden.

Auch die älteste bekannte, sicher datierbare Abbildung einer Waage stammt aus Ägypten. Im Grab von Hesyre, eines hohen Beamten der 3. Dynastie (ca. 2650 v. Chr.), sind einige Kisten abgebildet, die Werkzeuge und Instrumente enthalten. Zwei dieser Kisten bergen jeweils zwei Waagen zusammen mit den zugehörigen Gewichtssätzen. Die dargestellten Waagebalken sind der Form nach mit dem Balken im Petrie Museum identisch, und es ist somit überhaupt erst diese Abbildung, die uns versichert, dass es sich bei dem Objekt im Petrie Museum um den erhaltenen Teil einer Waage handelt.

Aus der Zeit des Alten Reichs (ca. 2700 – ca. 2200 v. Chr.) sind noch etwa zehn weitere Abbildungen bekannt, die Waagen zeigen. Im Gegensatz zur Darstellung im Grab Hesyres zeigen diese jedoch Waagen im Gebrauch. Viele dieser Wiegeszenen sind in einem handwerklichen Kontext angesiedelt, oftmals mit Bezug zur Be- und Verarbeitung von Metallen. Auffällig ist das Fehlen fest mit der Waage verbundener Waagschalen. An ihre Stelle treten Körbe, die mit Haken an Seilen befestigt sind. Einige der Waagen weisen bereits eine besondere Anzeigevorrichtung auf. Um die Gleichgewichtslage besser kontrollieren und somit genauer wiegen zu können, wurde an diesen Waagen ein Senklot angebracht. Insgesamt führen uns diese Darstellungen eine ausgereifte Technik vor Augen, die bereits in viele Lebensbereiche Eingang gefunden hat.

Hinweise auf das Vorhandensein von Waagen und Gewichten um 3000 v. Chr., das Fehlen entsprechender Belege in anderen Kulturen dieser Zeit sowie der Entwicklungsfortschritt, der sich für die kommenden Jahrhunderte in aller Vorsicht aus den Quellen herauslesen lässt, deuten auf einen Ursprung des Wiegens um 3000 v. Chr. in Ägypten hin. Sollte sich diese Annahme als richtig erweisen, fiele in Ägypten der Beginn des Wiegens mit dem des Schreibens und der Messung anderer Größen zusammen.

 

Wiegen erobert die Welt

Wo auch immer das Wiegen seinen Ausgang nahm: Es bleibt festzuhalten, dass diese Innovation im 3. Jt. v. Chr. einen unvergleichlichen Siegeszug antritt und schnell zu einer Schlüsseltechnologie avanciert. Innerhalb weniger hundert Jahre breitet sich das Wiegen in fast alle bedeutenden Kulturräume dieser Zeit aus und ist spätestens um 2500 v. Chr. von der Ägäis bis in die Industal-Region nachweisbar. Lediglich Zentraleuropa wird zunächst noch nicht erfasst. Ein klares Ausbreitungsmuster lässt sich dabei, zumindest auf Grundlage des aktuellen Kenntnisstandes, noch nicht ausmachen.

Tatsächlich wurde den frühesten Waagen in der Forschung bisher nur wenig Beachtung geschenkt, und so ist nicht auszuschließen, dass in Magazinen einiger Museen Teile sehr früher Waagen aufbewahrt werden, die bisher noch nicht als solche erkannt wurden. Hinzu kommt, dass Waagebalken zumindest anfangs fast ausschließlich aus organischem Material gefertigt wurden: Je leichter ihr Waagebalken, umso empfindlicher ist eine Waage, wobei der Balken gleichzeitig in der Lage sein muss, die beim Wiegen auftretende Last zu tragen, ohne sich dabei allzu stark durchzubiegen oder gar zu brechen. Holz oder Knochen eignen sich daher besonders, können aber nur dort im archäologischen Befund auftauchen, wo Bedingungen herrschen, unter denen sich organisches Material über einen entsprechend langen Zeitraum erhalten kann.

Ein deutlicheres Bild der Verbreitung von Waagen präsentiert sich uns erst ab dem Moment, als vermehrt bronzene Waagschalen zum Einsatz kommen. Diese werden in der Regel in Paaren gefunden und weisen Löcher zur Befestigung auf, wodurch sie zumeist zweifelsfrei als Waagschalen zu identifizieren sind. Neben Waagen liefern Wägegewichte einen Beleg dafür, dass Wiegen eine Gesellschaft erreicht hat. Wägegewichte wurden aus den schon erwähnten Gründen zumeist aus besonders haltbaren Materialien gefertigt, die bisweilen sogar eigens zu diesem Zweck importiert wurden. Im Gegensatz zu den Waagen bringen die Gewichte also beste Voraussetzungen mit, archäologisch überliefert zu werden. So fehlt es auch nicht an Objekten, die früh zu datieren sind und für die eine Funktion als Wägegewicht angenommen werden könnte oder sogar wurde. Allerdings ist es aus den schon angeführten Gründen in der Regel nicht möglich, eine solche Annahme zu sichern. Eine Ausnahme stellen hier die Gewichtssteine der Harappa-Kultur dar.

 

 

 

 

 

Diese große und technisch hoch entwickelte Zivilisation kommt zwischen 2600 und 1900 v. Chr. in der Industal-Region zur vollen Blüte. Lediglich ein bronzener Waagebalken sowie zwei Sätze Waagschalen sind bisher bekannt. Allerdings wurden in den zahlreichen Städten dieser Kultur eine Vielzahl würfelförmiger Objekte gefunden, die aus Kieselgestein, Achat oder Granit gefertigt wurden und in denen sich mit großer Genauigkeit ein auf einer Einheit von etwa 13,7 g beruhendes Gewichtssystem widerspiegelt. Dieses Gewichtssystem ist über einen immens großen geographischen Raum verbreitet, weist nur äußerst geringe regionale Variation auf und bleibt über einen bemerkenswert langen Zeitraum hinweg stabil. Dieser hohe Grad an Standardisierung erlaubt es uns auch, entsprechende Objekte aus der frühen Phase dieser Kultur (ca. 2800–2600 v. Chr.) sicher als Wägegewichte zu identifizieren. Somit zeigt sich, dass in der Indus-Kultur schon vor der Mitte des 3. Jts. v. Chr. gewogen wurde.

In Mesopotamien steigen ab der Mitte des 3. Jt. V. Chr. Die Belege für Wiegen rasant an. Dies verweist jedoch nicht die ersten Anfänge des Wiegens in diesem Kulturraum. Tatsächlich wurden erst unlängst auf sumerischen Rollsiegeln unter Szenen aus der Textilverarbeitung, die schon aus der ersten Hälfte des 3. Jts. v. Chr. stammen, auch Wiegeszenen identifiziert.

Im Laufe nur weniger Jahrhunderte ist aus einer Welt ohne Waage eine Welt geworden, aus der Wiegen nicht mehr wegzudenken und die durch das Wiegen zutiefst geprägt ist. Wiegen hat in verschiedenste Bereiche des Lebens Eingang gefunden und hergebrachte Arten, Dinge zu tun, revolutioniert. Insbesondere war es möglich geworden, den Wert von Gegenständen durch Vergleich mit dem einer bestimmten, gewogenen Menge eines Edelmetalls auszudrücken. Allem voran ist es diese neue Form, Wert zum Ausdruck zu bringen, die durch Wiegen ermöglicht wurde und mit der der Warenaustausch und die Vernetzung der bronzezeitlichen Welt eine neue Dimension annahmen, die die gravierendsten Veränderungen nach sich zog.

 

 

Jochen Büttner studierte Physik und Philosophie an der Universität Konstanz und der Freien Universität Berlin. In 2009 beendete er seine Doktorarbeit mit dem Titel “Galileo’s Challenges: The Origin and Early Conceptual Development of Galileo’s Theory of Naturally Accelerated Motion on Inclined Planes“. Seit 2012 leitet er die junior research group Between knowledge and innovation: The unequal armed balance im Excellence Cluster Topoi. Seine Forschung beschäftigt sich mit Innovationen in der Alten Welt, und geht dabei vor allem der Frage nach, welche Rolle Wissen in diesen Prozessen spielte und wie im Gegenzug Innovation die Formierung von theoretischen Ansätzen von Wissen beeinflusste

 

 

 

 

Innovationen haben nicht nur einen starken Einfluss auf unser heutiges Leben, sie formten und beeinflussten bereits den Alltag der Menschen in der Antike. Ein interdisziplinäres Expertenteam des Exzellenzclusters Topoi stellt nun erstmals fächerübergreifend und basierend auf neuesten Forschungsergebnissen die bedeutendsten Innovationen der Menschheitsgeschichte vor: von spezialisierter Viehzucht, über die Entwicklung effizienter Bautechniken bis hin zu Zeit- und Wassermanagement. Spannend und leicht nachvollziehbar zeigen die Autorinnen und Autoren, unter welchen gesellschaftlichen, politischen und natürlichen Rahmenbedingungen bedeutende Innovationen auftreten konnten und wie sie die Geschichte der Menschheit seit der Antike nachhaltig beeinflussten. Eine faszinierende Einführung in ein äußerst aktuelles Phänomen.
Graßhoff, Gerd / Meyer, Michael (Hrsg.)

 

 

 

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  • Innovationen

    Ich finde es immer sehr spannend die Geschichte hinter innovativen Objekten nachzuvollziehen. Die Waage und das Wiegen gehören für uns selbstverständlich zum Alltag dazu, während ihre Erfindung und Entstehung eigentlich etwas so besonderes waren.
    Ich finde es außerdem schön zur Abwechslung mal keinen politischen Beitrag hier zu lesen. Hier spielt aber auch wieder das richtige Verhältnis (bzw. das Abwiegen) der Beitragsthemen eine Rolle.

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