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»Wie eine Süßigkeit nach der Bitterkeit«. Über Agrimensoren, Illustratoren und Grenzen

Grenzen und Grenzfragen sind aktueller denn je: In den USA zementiert ein Präsident buchstäblich die Grenzanlagen, in Europa nehmen Staaten Grenzkontrollen wieder auf oder sichern ihr Territorium mit Grenzzäunen. Im Kleinen kann es – und durchaus erbittert – um Neuaufteilungen und Zuweisungen von Grenzen bei Landkreisen gehen, durch eine oft unbeliebte Kreisgebietsreform. Paradoxerweise trennen Grenzen – und bringen genauso zusammen: Das Interesse an ihnen betrifft Staaten, Städte und Bürger gleichermaßen. Wie aber werden sie gezogen? Wie bewahrt man die Kenntnis von ihnen? Wie einigt man sich über ihren Verlauf? Gibt es für ihre Festlegung eine allgemein gültige Methode, und wenn ja: Seit wann?

 

Schon im 1. Jahrhundert nach Christus war man sich darüber im Klaren, daß dem Ziehen von Grenzlinien innerhalb der Vermessungskunde besonderes Gewicht zukommen müsse: »Unter allen Ausführungen von Vermessungen soll die Festlegung der Grenzlinien die wichtigste sein.« So beginnt der erste Satz des nun erstmals in deutscher Übersetzung (und mit komplett neu ediertem lateinischen Text) bei der wbg erscheinenden ›Feldmesserbuchs‹ eines sonst unbekannten Hyginus aus dem 1. Jh. n. Chr. Der Text gehört zu einer Sammlung von Feldmesser- oder Agrimensorenschriften, die zusammen mit der ins Lateinische übersetzten ›Geometrie‹ Euklids (3. Jh. v. Chr.) die einzige mathematische Quelle bildete, die das Mittelalter bis zum Beginn der arabischen Tradition im 12. Jh. besaß. Auch im Feldmesserbuch und sonst bei den Agrimensoren begegnet dem Leser Geometrie: Da gerade Linien und rechte Winkel sich am einfachsten berechnen lassen, maß man bei Koloniegründungen, also auf freiem Feld, von einem Achsenkreuz aus, das sich in Ost-West-Richtung (decimanus) und in Nord-Süd-Richtung (kardo) erstreckte. Von diesen Hauptlinien aus zog man parallele Grenzlinien (limites), die als Nachbarschaftswege oder als öffentliche Straßen mit bestimmter, gesetzlich festgelegter Breite dienten. Dadurch ergaben sich quadratische Parzellen, Zenturien genannt, die den Siedlern einer Kolonie zugewiesen wurden. So war in der Kolonie für die angesiedelten römischen Bürger eine gleichmäßige Zuteilung sichergestellt. Doch wie wurde die Nord-Süd-Linie ermittelt? Hyginus lehrt eine sozusagen astronomisch legitimierte Methode: Nicht der während eines Jahreslaufs wechselnde Auf- bzw. Untergangspunkt der Sonne, sondern der wahre Mittagspunkt legt die Nord-Süd-Linie fest. Die dazu rechtwinklig stehende Ost-West-Richtung ist leicht zu konstruieren. Andere Geländefragen konnten von dieser Grundlage aus geklärt werden: Parallelenkonstruktionen zu einer nicht zugänglichen Geraden mithilfe von Strahlensätzen, Breiten- ebenso wie Höhenbestimmungen oder, bei anderen Schriftstellern, Fragen der Flußbreitenmessung, Aufgaben also, wie sie auch heute noch in jeder Mathematikklausur vorkommen können. 

Auch rechtliche Probleme werden, explizit oder implizit, berührt. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, daß durch die Vermessung die Grundlage für die Nutzung des Bodens geschaffen wurde. So wurde in den Kolonien zum Beispiel Eigentum zugewiesen oder auf Provinzialland Nutzungsrechte, die das dauerhaft bestehende Eigentum des römischen Staates überlagerten. Mit diesen Zuordnungen war die wichtige Frage der Steuerpflichtigkeit des Landes verbunden. Ein römischer Feldmesser war staatlich angestellt oder von Privatleuten hinzugezogen, um bei Grundstücksgeschäften die fachwissenschaftliche Grundlage bereitzustellen. In juristischen Quellen ist bezeugt, daß die Agrimensoren hafteten, wenn die Vermessung unsachgemäß und damit für eine der beteiligten Parteien zum Nachteil ausgeführt worden war. Neben den eben schon angesprochenen Festlegungen für Wegbreiten war auch die Erreichbarkeit von Parzellen sicherzustellen. Dies konnte durch öffentliche Wege geschehen, wie sie im Schachbrettmuster des Limitationssystems als Basis-Infrastruktur vorgegeben waren. Dieses System konnte aber auch durch privatrechtlich zwischen Grundstücksnachbarn bestellte Rechte (Grunddienstbarkeiten, Servituten) ergänzt werden, die unabhängig von einem möglichen Eigentümerwechsel (z.B. bei Tod oder Veräußerung) eine rechtliche Beziehung zwischen zwei Grundstücken dauerhaft gestalteten. Neben diesen privatrechtlichen Bedürfnissen, die auch heute noch im landwirtschaftlichen Bereich eine wichtige Rolle spielen, waren ebenso Belange von öffentlichen Straßen (via publica) zu klären, die gemeinschaftliche Nutzung von Weideflächen durch zwei Anrainer oder durch potentiell alle Einwohner der Gemeinde.

 

Interessant sind schließlich auch die Texte selbst: Die Handschriften, die sie überliefern, sind nicht nur ein Konglomerat aus Quellen zum römischen Recht, Anleitungen zur Fortifikation und eben den Feldmesserschriften; sie alle waren früh kommentierungsbedürftig für Leute, denen das alles ›obskur‹ vorkam: obscuritas beschreibt die Situation im 6. Jh., in der die Leser mit dem früheren Latein schlichtweg genauso überfordert waren wie wir angesichts mittelhochdeutscher Texte. In den Texten finden sich etliche Glossen, Randnotizen und Textfragmente, die nicht zum eigentlichen Text gehören, durch das nachträgliche Abschreiben aber hineingerieten. Ein glücklicher Zufall ist es dann, wenn Manuskripte gefunden werden, die einen verständlicheren (und damit besseren) Text bieten, also auf einer besseren Überlieferung beruhen.

 

 

Ein besonderes Highlight der Handschriften sind aber wohl die vielen Illustrationen. Diese Abbildungen sind keine rein ästhetischen Elemente, die das Auge des Betrachters erfreuen sollten, sondern sie gehören zu den Texten dazu, die manchmal direkt auf sie Bezug nehmen. Die Traktate über Vermessungen, Koloniegründungen und anderes sind Fachbücher angewandter Naturwissenschaft gewesen. Wie ihre modernen Verwandten wirken auch sie über das Zusammenspiel von Text und Bild. So erstrecken sich kardo und decimanus durch bewaldete Gebirgsketten hindurch, beginnen neben und in den Kolonien, kleinen, mit Türmen und Zinnen gezeichneten Stadtminiaturen, an denen Flüsse entlangfließen, die am Meer liegen oder an deren Grenze die Via Appia verläuft. Immer wieder finden sich auch schematische Zeichnungen von Sonnenauf- und -untergang oder der richtigen Versteinung vermessener Areale.

 

Mit dieser Informationsfülle bieten die Agrimensoren einen faszinierenden Einblick in eine Literaturgattung, die sogar innerhalb der Wissenschaft zu den eher weniger beachteten Blumen am Weg gehört. Und auch wenn man kein rhetorisch durchformuliertes Latein erwarten darf, begegnen dem Leser Vergil- und Lukanzitate und rezipieren die Texte die griechische Fachliteratur. »Wie bitter die Wurzeln der Wissenschaft zu Anfang sind, wissen diejenigen genau, die die Wissenschaften kennen.« So ein antiker Agrimensorenkommentar, der auch heute noch Gültigkeit beanspruchen kann. Doch nach dieser Grundschule würden die artes liberales, so der Text weiter, »wie eine Süßigkeit nach der Bitterkeit« herbeigesehnt.

 


Jens-Olaf Lindermann ist klassischer Philologe mit dem Schwerpunkt Latinistik. Nach der Promotion war er von 2008-2017 im Exzellenzcluster Topoi mit der Neuedition, Kommentierung und Übersetzung der römischen Agrimensoren, der Texte zur Feldvermessung beschäftigt. Neben der Textkritik, Überlieferungsgeschichte und der Edition lateinischer Texte sind seine Forschungsschwerpunkte die lateinische Fachprosa, ihrer Rezeption in der neulateinischen Literatur und der Wissenschaftsgeschichte.

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