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Wir forschen für den Sieg: Rom, Karthago und die „Rassenkunde“

„Rom und Karthago – das sind geschichtliche Namen, die zu festen Begriffen geworden sind, zu Formeln für abgründigen Völkerhaß und Vernichtungskrieg.“ Als Joseph Vogt (1895–1986), der Tübinger Althistoriker und Ordinarius, diese Worte zu Papier brachte, ging der Vernichtungskrieg, den das nationalsozialistische Deutschland entfesselt hatte, in sein fünftes Jahr.

Der Satz steht am Anfang der nur wenige Seiten langen Einleitung zu ›Rom und Karthago. Ein Gemeinschaftswerk‹, einem Sammelband, der neun Beiträge aus der Feder zwar überwiegend noch jüngerer, damals aber bereits renommierter und etablierter Altertumswissenschaftler enthielt und 1943 im Leipziger Verlag Koehler & Amelang erschien. Am 13. Mai 1943 kapitulierten die deutschen und italienischen Streitkräfte vor den Alliierten am Kap Bon, unweit des antiken Karthago.

Den Arbeitsauftrag an seine Kollegen formulierte Vogt wie folgt: Sie sollten erforschen, ob »dieser folgenschwere Konflikt« – die Punischen Kriege – »durch das Blutserbe der Völker bestimmt gewesen« sei, »durch die Tatsache also, daß dem wesentlich nordisch geprägten Rom die Welt Karthagos gegenüberstand, deren Fremdheit sich aus der rassischen Struktur des Puniertums ergibt«. Um den für Kriegszeiten relativ opulenten Band zustandezubringen, trafen sich die beteiligten Wissenschaftler mehrfach zu Arbeitssitzungen, über die wir mangels Dokumenten kaum etwas wissen.

Offen zutage liegt aber die Finanzierung des Projekts: Das Geld kam von der nach ihrem Initiator „Aktion Ritterbusch“ genannten Arbeitsgemeinschaft »Kriegseinsatz der Geisteswissenschaft«, die wiederum generös aus dem Haushalt des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung mit Mitteln versorgt wurde. Der namengebende Jurist Paul Ritterbusch war einer der profiliertesten nationalsozialistischen Wissenschaftsfunktionäre und seit 1937 Rektor der »Grenzlanduniversität des nordischen Raumes« Kiel.
Man könnte meinen, Wissenschaftler seien zu dieser besonderen Art des »Kriegseinsatzes« durch das Regime gezwungen oder zumindest angehalten worden. Doch war das Gegenteil der Fall: Der Anstoß, geisteswissenschaftliche Forschung in den Dienst des Nationalsozialismus zu stellen, ging en gros und en détail ausschließlich von den Disziplinen und ihren Vertretern selbst aus. Sie lieferten sich einen regelrechten Überbietungswettbewerb darum, Forschungsergebnisse zu liefern, die sich von den Machthabern ausschlachten ließen.
So auch die Altertumswissenschaftler im Fall ›Rom und Karthago‹. Manch einer, wie der Wiener Althistoriker Fritz Schachermeyr (1895–1987) oder der Heidelberger Archäologe Reinhard Herbig (1898–1961), griff die »rassenkundlichen« Paradigmen der Nationalsozialisten nur allzu begierig auf und fand prompt, wonach er suchte. »Noch Vertreter des Semitentumes, aber schon eigentlich des charakterlosen, levantinischen Randsemitentumes der syrischen Küsten« seien die Karthager gewesen, urteilt etwa Schachermeyr. Und Herbig sekundiert, der von den karthagischen Gesichtsmasken aus Terrakotta vermittelte Eindruck sei »der eines dahinterstehenden äußerst schlauen, ja gerissenen, bisweilen hinter bonhommer Biederkeit sich versteckenden Händlertums.«

Freilich ist zu differenzieren: Während die meisten opportunistisch im Strom mitschwammen, wahrten die Althistoriker Matthias Gelzer (1886–1974) und Alfred Heuß (1909–1995) sehr wohl ihre wissenschaftliche Integrität, indem sie die »Rassenkunde« als heuristisches Prisma zwar auf die Probe stellten, dann aber auf dem Wege der Empirie entschieden verwarfen. Selbst vor 1945 kaum rezipiert, hinterließ ›Rom und Karthago‹ in der fachwissenschaftlichen Debatte keinerlei Spuren. Das Gemeinschaftswerk wurde von der Altertumswissenschaft und den meisten Beteiligten dem Vergessen anheim gegeben. Dennoch setzten sich die Karrieren der meisten Autoren nach 1945 mehr oder weniger bruchlos fort. Nur wenige verloren auf Dauer ihre Lehrstühle, fielen aber ebenfalls relativ weich. Einige, wie vor allem Heuß und Gelzer, prägten die deutschsprachige Altertums- und Geschichtswissenschaft auf Jahrzehnte.

Heute ist ›Rom und Karthago‹ vor allem eins: ein Memento, dass wissenschaftliche Paradigmen ihr Verfallsdatum immer schon in sich tragen. Sie sind Kinder des Zeitgeistes, der nicht durch Millionen von Opfern kontaminiert sein muss wie jener des Jahres 1943, um doch vergänglich zu sein. Und gerade Operieren mit Denkfiguren, die sich bemüht auf der Höhe des Heute bewegen, wird morgen schal und abgestanden wirken.

 

Michael Sommer lehrte in Liverpool und ist seit 2012 Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind das Imperium Romanum, der östliche Mittelmeerraum sowie die Phönizier.

 

 

 


1943 - auf dem nordafrikanischen Kriegsschauplatz hatten gerade die letzten deutschen und italienischen Verbände die Waffen vor den Alliierten gestreckt - erschien „Rom und Karthago. Ein Gemeinschaftswerk“, herausgegeben von dem Tübinger Althistoriker Joseph Vogt. Der Band verstand sich als Beitrag zum „Kriegseinsatz der deutschen Geisteswissenschaft“ im Rahmen der NS-„Aktion Ritterbusch“. Etliche der insgesamt neun Autoren gehörten später zur Crème de la Crème der deutschsprachigen Altertumswissenschaft. 75 Jahre nach Erscheinen rekonstruiert der vorliegende Band, was die Verfasser damals bewog, bei diesem Projekt mitzumachen, das sich ausdrücklich einem „rassenkundlichen“ Blick auf die Antike verschrieben hatte. Wie gingen Autoren, die wie Fritz Schachermeyr und Reinhard Herbig dem Nationalsozialismus nahestanden, aber auch andere, wie Alfred Heuß und Matthias Gelzer, mit dem von Vogt verordneten analytischen Prisma um? Und vor allem: Welche Wirkung entfalteten die versammelten Aufsätze, auch über das Epochenjahr 1945 hinaus?

 

 

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