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Wortspielereien – alles ist möglich. Neues Kapitel zu Manfred Preschers ›Es geht voran‹

Es geht voran – Kapitel 25
Wortspielereien – alles ist möglich
Helge Schneider und Funny van Dannen

»Dann kam die Zeit da hat mich Jesus inspiriert/Franz von Assisi hat mich zu Lyrik inspiriert/Ich floh vor dem Alltag in die Welt der Religion/Ich fühlte Gott in mir, doch es war Schilddrüsenunterfunktion«

Aus: »Schilddrüsenunterfunktion« von Funny van Dannen

 

 

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten wissen wir, dass die USA das Land der begrenzten Unmöglichkeiten sind. Ein banales Wortspiel? Vielleicht, aber auf jeden Fall ein Wortspiel, denn ein solches ist „eine rhetorische Figur, die hauptsächlich auf der Mehrdeutigkeit, Verdrehung, Umdrehung“ basiert, wie Wikipedia weiß. Geistreich müssen sie nicht unbedingt sein, es genügt oft, einzelne Buchstaben auszutauschen. Ersetzt man zum Beispiel das „a“ in Hamburg durch ein „o“ wird aus dem Duft der großen, hanseatischen Welt der Geruch „saarländische Provinz“. Einem Busfahrer des 1. FC Nürnberg passierte real ein solcher Buchstabentausch, er verwechselte Ahlen im Münsterland mit dem schwäbischen Aalen – die Folgen waren fatal. Aus solchen Situationen lernt man erstens fürs Leben und zweitens, dass die deutsche Sprache das Reich der unbegrenzten Möglichkeiten ist. Wenn man von solch bedauerlichen Missgeschicken wie dem geschilderten absieht, bleiben beispielsweise noch die vielzitierten Verhörer, die zumeist englische Sentenzen in deutsche Umdichtung verwandeln: »All the leaves are brown« aus »California Dreamin‘« von The Mamas & The Papas wird zu »Anneliese Braun«, und bei Rihannas Hit »Love On The Brain« wird aus dem Lustbekenntnis »It fucks me so good« ein schon beim Zuhören unappetitliches »Er furzt nicht so gut«. Natürlich entstehen diese Verhörer durch einen Mix aus mangelhaften Englischkenntnissen der Empfänger und unzureichend deutlicher Aussprache der Sender. Und ebenso natürlich kann man – Geschick und Gespür für Sprache vorausgesetzt – Wortspiele erzeugen, die den Sinn spielend zum Absurden und Komischen hin ändern. Aber eben auch ernsthafte Bilder – oder gar Scherz, Satire und gesellschaftlich relevante Aussagen gleichzeitig miteinander kombinieren. Großmeister in diesem Metier waren Robert Gernhardt oder Bernd Eilert. Ihre Spielereien funktionierten in Verbindung mit Fotos und Zeichnungen, aber auch durch das perfekte Bühnentiming eines Otto Waalkes.

Die Bilder, die durch Wortspiele oder neue, ungewöhnliche Zuordnungen im Kopf entstehen, erweitern das Potential von Semantik und Grammatik: Nehmen wir nur mal »unsere gefiederten Freunde«, um mit Heinz Sielmann zu sprechen: Auf der einen Seite ist Heinz Erhardts in fast schon liebevollem Tonfall an eine Büroangestellte gerichtetes »Sie großer, weißer Vogel, Sie«, auf der anderen Seite Ludwig Hirsch, der mit »Komm großer schwarzer Vogel« den Tod näher an uns heranbringt, als es die drei Buchstaben »T-O-D« je vermochten. Man kann tatsächlich mit Ausnahme von Zitronen alles mit Worten ausdrücken – und das auf vielfältige Art und Weise. Natürlich nur, wenn man kann. Denn Sprache muss man können. Sie ist eben auch ein Instrument. Dies belegt – gleichzeitig auf den Spuren von Heinz Erhardt und Miles Davis wandelnd – der Mühlheimer Helge Schneider. Schneider beherrscht geschätzt 1000 Instrumente, zu denen eben auch die deutsche Sprache – und nach eigener, im Interview mit dem Autor getätigten Aussage, auch »Nordmende und Grundig gehören«. Man kann diese Aussage des Künstlers auch so deuten, dass er durchaus gern in die Ära von Heinz Erhardt eintaucht. Der Privatmann Schneider sammelt tatsächlich Platten, Möbel und Gerätschaften aus der Zeit des Gelsenkirchener Barocks. Interviews mit ihm und Liveauftritte von ihm sind gespickt mit verbalen Assoziationsketten. Und diese funktionieren, weil er um das Prinzip von Sprache weiß – was bedeutet, dass auch in jedem vermeintlich falsch gesetzten Wort und in jeder Pause eine Chance steckt. In seinen Songs setzt Schneider gezielt schräge Assoziationsmomente ein. So heißt es beispielsweise am Schluss von »Sommer Sonne Kaktus«, das eigentlich mit Urlaubsklischees spielt »Sommer Sonne Kaktus, ach wie wär‘ das schön/Doch leider hier in Duisburg, muss ich ins Hallenbad geh’n“ – nur um dann noch überraschender mit »Was das denn? Ne Laus? Scheiße, ich hab Läuse …« zu enden.

 

Auch Franz-Josef Hagmanns-Dajka, der sich Funny van Dannen nennt und als Sohn einer Holländerin auch geographisch im Grenzgebiet aufwuchs, ist ein Wortspieler. Wenn es eine Bundesliga für Sprache gäbe, van Dannen würde dort um den Meistertitel kämpfen. Irgendwo zwischen Bänkelsänger im Stile von Reinhard Mey, virtuosen Wort-um-die-eigene-Achse-dreher à la Robert Gernhardt ist das Gründungsmitglied der sagenumwobenen Lassie Singers seit 15 Alben schon Kult. Dass er von den Toten Hosen gefördert wird, dass seit einigen Jahren die Platten auf deren Label JKP erscheinen und die Düsseldorfer Band van Dannens Songs »Schön sein«, »Bayern«, »Walkampf« oder »Frauen dieser Welt« adaptierte, zeigt, dass die Texte des Liedermachers bei Campino und seinen Kollegen sehr geschätzt werden. Warum das so ist? Weil Funny van Dannen den Sprachwitz mit Chuzpe erweitert. Praktisch alles ist möglich, Titel wie »Katzenpissepistole«, »Kopftuchmädchen (Nonne werden)«, »Lesbische schwarze Behinderte« oder die vermeintlich dadaistischen Headlines »Lonely Stuhlbein« und »Pflanzendisco«. Auch, Zeilen wie diese in einem echten und als solchem funktionierenden Liebeslied:

»Angenommen ich wär‘ die Gesellschaft und du wärst irgendein Stern/Dann wären wir zwei nicht zusammen, dann hätten wir uns nicht gern/Dann lägen Welten zwischen uns, dann wären wir jetzt nicht verliebt/Dann säh ich dein Licht, doch ich wüsste nicht, ob es dich überhaupt noch gibt/Ich hätte so viele Meinungen, Konflikte und etliche Schichten/Und die Medien müssten ununterbrochen über mich berichten … Und du würdest immer nur funkeln, funkeln das wär‘s auch schon/Millionen Jahre strahlen, ganz schön monoton«

– Funny van Dannen bringt nicht nur im Song »Angenommen ich wär‘ die Gesellschaft« zusammen, was eigentlich nicht zusammengehören kann. Sprache macht es, wie in »Billige Räusche«, möglich, sogar den Leibhaftigen mit einem Popstar zu kombinieren, ohne moderne Musik auf miefig-althergebrachte Weise als Werk des Satans zu verteufeln:

»Ein Engel übergibt dem Teufel einen großen Plan/Der setzt die Brille auf und schaut ihn eine Ewigkeit an/Und dann zischt er, nachdem er das Gesicht verzog/Das ist kein Plan, das ist ein Poster von Kylie Minogue.«

Die Sprache ist nun mal »Funny« – und sie lässt sich hervorragend »Maß-Schneidern«. Und das ist, gerade hinsichtlich der schrecklichen Dinge, die Worte eben auch anrichten können, gut so.

 

 » Spotify-Playlist zum Buch

 

Manfred Prescher wurde 1961 direkt auf der Stadtgrenze von Nürnberg und Fürth geboren, mit dem Schreiben begann er kurz darauf. Er arbeitet für diverse Medien und leitet eine PR-Agentur. Seine Leidenschaft für Musik pflegt er auch als Radiomoderator und als Buchautor.

 

 

 

 

 

Deutsche Texte und Popmusik - das ging lange nicht zusammen. Zu sehr war die Sprache durch die jüngste Geschichte vorbelastet und zu sehr schielte man über den großen Teich oder zumindest über den Kanal und versuchte, die angloamerikanischen Stars auch in der Sprache zu imitieren. Doch das hat sich gewaltig geändert und schon seit einiger Zeit mischen deutschsprachige Künstler die hiesigen Charts auf - deutscher Hip-Hop steigt in der Regel auf Platz 1 ein, Schlagerkünstler aber auch moderne Liedermacher sind extrem erfolgreich. Von Hannes Wader und den politischen Liedermachern der 1960er Jahre über Udo Lindenberg und die Neue Deutsche Welle, bis hin zu Sido und Tim Bendzko spürt Manfred Prescher der Geschichte der deutschsprachigen Popmusik nach. Spannend und unterhaltend zeigt er, wie es gelang, eine neue Sprache und eine neue Leichtigkeit zu erschaffen, was die Erfolge der letzten Jahre erst ermöglichte.

 

 

 

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  • Sprachkultur in Liedform

    Toller Auszug aus dem Buch, welches viel mehr bietet als der Titel vielleicht verrät.

  • VorgePrescht

    Wieso soll Deutsch im Lied nicht gehen?
    Manfred Prescher erklärt genial, wieso doch. 8acfd

  • Komisch, geistreich und kluge Querverbindungen

    Ich hab sehr gelacht - und das auf hohem Niveau. Dieses zusätzliche Kapitel zu diesem Buch (das ich leider noch nicht kenne) macht Lust auf mehr. Der Autor hat einen sehr runden Stil, man muss immer wieder schmunzeln, obwohl Fakten und Wissen transportiert werden. Sehr schön, weiter so.

  • WOW... gefällt mir

    So weit ich es beurteilen kann: Daumen hoch

  • Hätte sehr gut ins Buch gepasst

    Ich habe schon das Buch gelesen und war begeistert. Denn es wird die Geschichte der deutschsprachigen Musik sehr verständlich erzählt. Mir macht "Wissensvermittlung" auf diese Art Spaß, und ich habe mir auch die Spotify-Playlist angehört. Da würde ich mir mehr Musik zu den einzelnen Kapitel wünschen, denn man stößt auf viele interessante Künstler und Lieder. Das zusätzliche Kapitel wäre es auf jeden Fall wert gewesen, ins Buch aufgenommen zu werden. Es erklärt anschaulich, warum Helge Schneider wichtig ist und in welchem Kontext er steht. Ich mag Helge nicht, aber seine Bedeutung wird doch auch für mich offenkundig.

  • Muss für Musikfans

    An Manfred Prescher komme ich nicht vorbei, wenn ich etwas über Geschichte und Hintergründe von mir verehrten Songs und Lieder wissen möchte. Hat er doch, zusammen mit Günther Fischer, schon einige erfolgreiche Bücher über bahnbrechende Musikstücke geschrieben, nennt eine der wohl beachtlichsten Sammlung an Alben aller Genres sein eigen, kennt aus seiner Tätigkeit als Musikredakteur und Radiomoderator viele Künstler persönlich, ja lebt seit frühester regelrecht für die Musik - und das liest man aus jeder Zeile seiner sorgsam recherchierten Kapitel heraus. Als Fan deutscher Popmusik erfahre ich mit diesem Buch viel Neues, Wissenswertes und Bewegendes - von einem Autor, der die Musik spürbar genauso liebt wie ich selbst.

  • Interessante Kombination

    Wie schön das Buch, ist auch dieser Text gut geschrieben. Sehr profund zeigt der Autor Zusammenhänge auf. Man erfährt viel über Künstler und den jeweiligen Zeitgeist. Für mich hätte es etwas mehr Austria sein dürfen, aber das Kapitel über Österreich ist ordentlich recherchiert. Und die EAV mit Otto und Insterburg & Co. zu verbinden, ist ungewöhnlich, aber gut. Genauso, wie er es jetzt mit Schneider und dem mir bis dato unbekannten van Dannen macht. Das ist besonders, weil besonders gut. Dass ich als Wiener noch das Wiener Heimorgelorchester kennenlernen durfte - Hut ab!

  • Tolles Bonuskapitel

    Ich liebe Wortspiele und diese schlaue Art, mit Sprache Reaktionen zu provozieren und gleichermaßen die tollsten Fantasien anzuregen..
    Tolle Wortakrobaten von einem der mit Worten wirklich umgehen kann

  • Kluge Querverbindung

    Der Autor verbindet eine kluge Sicht suf die Dinge mit Charme und Recherche .
    Ich erfahre hier viel über die hohe Kunst , komische Texte zu schreiben .
    Das ist weniger profan, als ich bislang dachte .
    Wenn das Buch genauso ist, werde ich es auch lesen.

  • Stellungnahme zur Autorenkomoetenz4c4aa

    Was haben Helge Schneider und Manfred Prescher gemeinsam?
    Beide vergeuden ihr Talent, indem sie ihr Können nur einem überschaubaren Hörer-/Leserkreis zugänglich machen. Helge eckt bei mir an, weil er seine unglaubliche Virtuosität in lächerlicher Attitüde präsentiert und Manfred Prescher weil sein virtuoser Umgang mit der deutschen Sprache in einem fachlichen Blog bzw. Sachbuch nicht den ihm gebührenden Rahmen findet. Davon einmal abgesehen ist den lobenden Worten meiner Vorredner nichts hinzuzufügen! Ich aber freue mich auf die Veröffentlichung seines ersten Romanes!!!

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