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›Zerrissene Leben‹: Gerhart Baum spricht über seine Erfahrungen als Nachkriegskind

In der Weimarer Republik geboren, den Zweiten Weltkrieg überlebt und die Wiedervereinigung miterlebt – In unserem neusten Blogbeitrag beschreibt der Politiker, Rechtsanwalt und Autor Gerhart Baum, wie seine frühen Erfahrungen als Nachkriegskind seinen politischen Werdegang geprägt haben.

 

Gerhart Baum:

Ich bin noch ein Kriegskind. Mit 12 Jahren habe ich die Zerstörung Dresdens überlebt, Flucht nach Bayern, Bombenangriffe noch in München. Ich spürte die Spannung zwischen einem liberalen Elternhaus und der Indoktrination durch die Nazis, der wir Jungen ausgesetzt waren.

Erleichterung war die Befreiung, die ich in Bayern erlebte. Erleichterung war auch die Besatzungsmacht USA. Die Lebensverhältnisse nach dem Krieg waren schwierig. Meine Mutter war Kriegerwitwe und musste sich eine Existenz aufbauen.

Ich war also auch Nachkriegskind. Von den frühen Erfahrungen geprägt, engagierte ich mich schon als Student in der Politik, das heißt in der liberalen Partei. Sie war nicht zukunftsorientiert, von Nazinetzwerken teilweise durchsetzt. Wir wollten das ändern. Wir wollten eine Reformpolitik in allen Politikbereichen, die Ablösung von der Adenauer-Ära, ein entspanntes Verhältnis zu unseren osteuropäischen Nachbarn und vor allem auch die Aufarbeitung der Nazibarbarei. Diesen Kampf führten wir unter anderem auf den Parteitagen der FDP. Wir wollten das Land verändern, aber zuerst mussten wir die FDP verändern. Die Aufbruchsstimmung in der Gesellschaft half uns dabei und die Unterstützung unabhängiger liberaler Geister wie die Professoren Dahrendorf und Maihofer und der liberalen öffentlichen Meinung. Ein Kulminationspunkt dieser Entwicklung war der Parteitag in Hannover 1968. Ich erinnere mich genau an die gespannte Stimmung zwischen denen, die im alten Fahrwasser beharren wollten und der wachsenden Gruppe der Zukunftsorientierten. Wir wollten in einer Koalition mit der SPD den Kalten Krieg beenden, das heißt eine Neue Ost-und Deutschlandpolitik durchsetzen. Der Schlüssel dazu war der Verzicht auf jegliche Form des Revanchismus. Der Schlüssel war die Anerkennung der Westgrenze Polens, der Oder-Neisse-Grenze.

Ich war damals der Vorsitzende der Deutschen Jungdemokraten, der Jugendorganisation der FDP und stellte auf dem Parteitag zu später Nachtstunde den Antrag: "Die Oder-Neisse-Grenze wird als Westgrenze Polens anerkannt." Dieses Thema loste tumultartige Reaktionen aus. Ein Beschluss wurde mit einem Formelkompromiss vertagt. Aber es gab kein "Zurück" mehr. Dieser Weg war in der FDP schon seit Längerem vorbereitet worden., u. a. durch den neuen Bundesvorsitzenden Walter Scheel. Gemeinsam mit Willi Brandt wurde er ab 1969 in der sozialliberalen Koalition realisiert. Er führte zur Beendigung des Kalten Krieges. Beide deutsche Staaten wurden in die Vereinten Nationen aufgenommen. Bei allen Unterschieden normalisierten sich die Beziehungen zu Sowjetrussland und seinen osteuropäischen Verbündeten. Es war der Weg zur Wiedervereinigung und zur Befreiung Osteuropas von der Sowjetdiktatur.

Die öffentliche Meinung in der Bundesrepublik war lange Zeit tief gespalten, etwa so wie heute in der Flüchtlingspolitik. Wir mussten der Befürchtung entgegentreten, dass wir Deutschland dem Kommunismus ausliefern würden. Es gab hasserfüllte Auseinandersetzungen in der Bevölkerung und im Bundestag. Die Opposition trat mit der Parole an "Freiheit statt Sozialismus". Heute müsste man aus liberaler Sicht sagen "Freiheit statt Sicherheitswahn". Aber das ist ein anderes Thema, das die Demokratie bis heute herausfordert. Allzu oft wird das Grundgesetz beschädigt oder verwässert, wie durch den unsäglichen Asylkompromiss von 1993.

 

Gerhart Baum ist ein deutscher Politiker, Rechtsanwalt und Autor. Nach der Bombardierung Dresdens 1945 floh er mit seiner Mutter nach München, 1950 zogen sie nach Köln um, wo er nach dem Abitur sein Jurastudium absolvierte. Seit 1954 ist er Mitglied der FDP.

 

 

 

 

Konrad H. Jarausch, Jg. 1941, ist Lurcy Professor of European Civilization an der University of North Carolina in Chapel Hill. Gastprofessuren und Forschungsaufenthalte führten ihn wiederholt nach Deutschland (Saarbrücken, Göttingen, Leipzig, Potsdam und FU Berlin). Von 1998 bis 2006 leitete er zusammen mit Christoph Kleßmann bzw. Martin Sabrow das Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF) in Potsdam. Rund 50 Bücher zur deutschen und europäischen Geschichte hat er publiziert, zuletzt: Aus der Asche. Eine neue Geschichte Europas im 20. Jahrhundert.

 

Konrad Jarausch schreibt eine neue deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts: im Spiegel der Lebensgeschichten von über 80 Zeitzeugen. Geboren während der Weimarer Republik, hat diese Generation den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg erlebt, aber auch die Nachkriegszeit – in BRD oder DDR – und die Wiedervereinigung. Es sind sehr verschiedene Lebensläufe, gebrochene Biografien: von glühenden Nazis bis zu jüdischen Holocaust-Opfern, von politischen Wendehälsen bis zu unpolitischen Zeitgenossen. Wie haben diese »ganz normalen Deutschen« das 20. Jahrhundert erlebt, erlitten und verarbeitet?

 

 

 

 

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Tags: Politik
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  • Schade!

    Der Bericht von Gerhart Baum ist zu Beginn noch sehr persönlich aber danach ist das alles für mich wieder viel zu politisch. Ich hätte gerne noch mehr über den Mensch Gerhart Baum gelesen und nicht über den Politiker. Schade!

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