Bundestagswahl 2017: Liebes Deutschland!

Liebes Deutschland,

die Vorstellung, im europäischen Projekt die führende Rolle zu spielen, behagt Dir nicht, dies weiß ich wohl. Deine ganze Erfahrung – nicht nur aus dem vorigen Jahrhundert, sondern aus so vielen vorangegangenen Epochen – sagt Dir, dass Deine Lage in der Mitte Europas nicht Segen war, sondern Fluch. Dennoch weißt Du, dass Du der größte und mächtigste Staat der Europäischen Union bist, und Du musst erkennen, dass in zunehmendem Maße alle Wege nach Berlin führen.

Du hoffst, diese Dir auferlegte Bürde der Führung mit einem Frankreich zu teilen, das neue politische Lebenskraft ausstrahlt. Du bist tief enttäuscht darüber, dass Großbritannien seine Rolle aus der Hand gegeben hat. Du fragst Dich besorgt, ob es Italien gelingt, durch Reformen ein verlässlicher Partner zu werden. Du bist nicht begeistert von Deiner Aufgabe als Zahlmeister der Eurozone; zugleich aber weißt Du, dass Deine Disziplin bei kleineren und schwächeren Mitgliedern auf Ablehnung stoßen kann und stößt. All dies verunsichert Dich: Es ruft Erinnerungen an vergangen geglaubte Dämonen herauf. Denn Du hast schwer zu tragen an Deiner Geschichte.

Und auch die Zukunft scheint nicht rosig: Gewitterwolken ziehen am Horizont herauf. Europa geht vielen Herausforderungen entgegen. Das wirtschaftliche Gravitationszentrum der Welt hat sich nach Asien verlagert. Europa ist nicht mehr die Verwerfungslinie des Kalten Kriegs und deshalb für die Vereinigten Staaten nicht mehr von höchster strategischer Bedeutung. Das europäische Umfeld ist krisen- und kriegsgeschüttelt, und die dadurch verursachten Flüchtlingsströme sind der Nährboden für populistische Politik. Das alles trägt zur Identitätskrise bei, die Europa erfasst hat – was heißt es heute, in einem zunehmend vernetzten 21. Jahrhundert, europäisch zu sein? Was bietet Europa der Welt?

Bei der Suche nach Antworten auf diese Frage führt kein Weg an Deutschland vorbei. Denn es ist das Land, das – gemäß geografischer, wirtschaftlicher und geschichtlicher Logik – die europäische Reaktion auf diese vielen miteinander verbundenen Herausforderungen in Gang setzen und voranbringen muss. Liebes Deutschland, Du weißt ganz bestimmt, dass das europäische Projekt – auch wenn Du noch so sehr zögerst – Dein Geschick und Deine Bestimmung ist. Mehr als je zuvor braucht Europa Dich: Du musst die Position auf der Kommandobrücke einnehmen.

Und auch die Welt kann es brauchen. Denn zu Europas Identität gehört die lange Geschichte seiner Entwicklung zu einem friedfertigen Bündnis seiner Völker. Diese Geschichte ist erhaben und tragisch zugleich, und von so tiefer wie dauerhafter Bedeutung für die condition humaine unserer Zeit. Wir Europäer haben über viele Generationen zahlreiche und schmerzliche Sünden begangen, aus denen jedoch etwas erwachsen ist, dessen Bedeutung für die Welt des 21. Jahrhunderts nicht überschätzt werden kann: ein Europa, das sich einsetzt für Rationalität, Demokratie, Rechte und Pflichten des Individuums, Gesetzesherrschaft, wirtschaftliche Effektivität und Fairness, soziales Mitgefühl und Sorge um unseren Planeten. Und in diesem Drama europäischer Selbstfindung und Selbstentdeckung hat kein Land eine größere Rolle gespielt als Deutschland.

Wird Deine Führungsrolle in diesem zukünftigen Europa besondere Verantwortung und erhebliches Risiko mit sich bringen? Ja, das wird sie. Wird die Evolution Europas Dich verändern? Zweifellos. Doch wisse, bei all Deiner German angst vor der Zukunft, dass kein Land – keine Kultur – ein Bewusstsein seiner Identität hat, das geeigneter ist, dieses „Haus Europa“ zu bauen und zu bewohnen als das Deine. Kein Mitgliedsstaat der Europäischen Union ist der Vision dessen, was Europa der Welt zu bieten hat, so nahe.

Somit wünsche ich Dir, liebes Deutschland, alles Gute, wenn Du diese Last für Europa auf Deine Schultern lädst.

Stephen Green, August 2017               

 

                                                                         

Stephen K. Green studierte in Oxford sowie am MIT in Boston. Der Ökonom war Verwaltungsratsvorsitzender der größten Privatbank der Welt, Handelsminister unter David Cameron und im Vorstand des British Museum. Heute ist Lord Green Mitglied des Britischen House of Lords und Aufsichtsratsvorsitzender des Natural History Museum in London. Er ist als Berater der Politik und als Buchautor tätig.

 

 

 

 

 

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