Die amerikanische Prinzessin – Das unglaubliche Leben der Allene Tew

Auszug aus dem Kapitel „Das Glitzerparadies“

So grün und frisch die Welt gewesen war, in der Allene aufgewachsen war, so grau und dumpf war die, in der sie als junge Mrs. Hostetter landete. Während der industriellen Revolution war Pittsburgh dank seiner strategischen Lage am Allegheny, dem Monongahela und dem Ohio sowie der großen Steinkohlevorräte im Boden zu einer der reichsten Städte Nordamerikas angewachsen. Die Stadt zählte in den Jahren sogar mehr Millionäre als New York. Aber sie war auch einer der schmutzigsten Orte des Kontinents.

 

Das sogenannte Golden Triangle, das flache Gelände zwischen den drei Flüssen, auf dem Pittsburgh seine Existenz als Stadt einst begonnen hatte, war de facto ein gigantisches, stark verschmutztes Industriegebiet. Zwischen den Tag und Nacht brennenden Hochöfen, den Glas- und Lederfabriken und den Lagerplätzen für Petroleum, Gas und Öl lagen die Elendsviertel und Mietskasernen. Hier hausten all diejenigen, die auf der falschen Seite des amerikanischen Traums in Umständen gelandet waren, die einer der Einwohner als „Hölle mit abgenommenem Deckel“ bezeichnen sollte.

Selbstverständlich ließen sich die „Robber Barons“, wie die Industriellen und Fabrikbesitzer wegen ihrer rücksichtslosen Praktiken genannt wurden, ihre Nasen von dem ausgebeuteten und rechtlosen Arbeiterproletariat nicht beleidigen und ihre Aussicht nicht verderben. Sie bauten ihre mansions in den noch immer schönen Städtchen und Dörfern in den um die Stadt herum gelegenen Hügeln wie Allegheny City auf der Nordseite des gleichnamigen Flusses. Vor allem seit dem Bürgerkrieg hatte dieser ehemalige Bauernflecken sich zu einem wahren Millionärsmekka entwickelt, komplett mit schönen Stadtparks, Musikpavillons und einem eigenen Tiergarten. Hier an der damals gerade fertiggestellten und für reiche Einwohner angelegten Western Avenue hatte auch Tods Vater 1868 ein Landhaus gebaut. Obwohl das Haus selbst mit seinen vielen Holzvertäfelungen und bleiverglasten Fenstern inzwischen etwas altmodisch anmutete, galt es immer noch als eines der attraktivsten des Viertels, wenn auch vielleicht nur deshalb, weil es im Gegensatz zu den Nachbarhäusern auf einer doppelten Parzelle stand. Tod war dort geboren und aufgewachsen, und vielleicht hatte sein Vater es ihm deshalb als persönlichen Besitz vermacht. Bis zu dem Moment, als seine junge Braut ihren Einzug in Allegheny hielt, hatte Tod sein Elternhaus mit seiner Mutter und seinem elf Jahre älteren Bruder David „Herbert“ Junior geteilt. Seine einzige Schwester wohnte mit Mann und Kindern auf der gegenüberliegenden Seite der Western Avenue, wo ihr Vater mit vorausschauendem Blick ein paar zusätzliche Parzellen gekauft hatte. Letzteres kam nun sehr gelegen, denn die Mutter spürte keine Neigung, das Haus, in dem sie 30 Jahre lang das Zepter geschwungen hatte, mit der ihr so sehr gegen ihren Willen aufgezwungenen Schwiegertochter zu teilen. Sie packte ihre Siebensachen und zog in ein Haus neben dem ihrer Tochter. Auch der seriöse und verantwortungsvolle Herbert, der seit dem Tod des Vaters die Geschäftsführung des Familienbetriebs wahrnahm, wartete Allenes Ankunft nicht ab. Er zog mit seiner Frau zu seinen Schwiegereltern in die Millionaires’ Row, ein noch reicheres Viertel östlich von Pittsburgh. Später sollte er die Heirat seines kleinen Bruders als abschreckendes Beispiel für die Erziehung seiner eigenen Kinder gebrauchen:

„Ein großer Teil der Probleme in der Welt ist die Folge von zu frühen oder eigensinnig durchgesetzten Romanzen. Daher muss ein Junge immer mit anderen Jungen zusammen sein und von Mädchen ferngehalten werden und vice versa, sodass love’s disturbing element nicht in ihr Leben dringen kann.“

Theodore Rickey Hostetter

 

Und so begann love’s disturbing element in Gestalt der sichtbar schwangeren Allene ihr neues Leben in Pittsburgh. Sie und Tod teilten das große Haus in der Western Avenue 171 mit dem achtköpfigen Personal, dessen größerer Teil schon jahrelang bei Rosetta in Dienst stand. Amerikanische Bedienstete sind bekanntermaßen deutlich unverschämter als ihre Kollegen in Europa und die Tatsache, dass Allenes neue Bedienstete zweifellos über alle Details der Heirat ihres jungen masters informiert waren, ferner die Tatsache, dass ihre blutjunge neue Herrin bestimmt nicht aus den besten Kreisen stammte, wird Allenes Aufgabe an der Spitze des Haushalts nicht gerade erleichtert haben.

Hostetter House

Allenes Empfang in ihrer Schwiegerfamilie mochte eisig sein und die Atmosphäre in dem dunklen Steinklotz an der Western Avenue nicht viel herzlicher, aber warm wurde es in den nun folgenden Monaten trotzdem. Die Sommer im Süden Pennsylvanias waren berüchtigt wegen der drückenden, oft wochenlang anhaltenden Hitze, und je höher die Temperaturen kletterten, desto häufiger wehten Gestank und Rauch von dem hellhole, das Downtown Pittsburgh hieß, in die Richtung des grünen Städtchens in den Hügeln.

Häuser und Gärten wurden mit einer dünnen Rußschicht bedeckt, die, egal wie eifrig die Bediensteten auch schrubbten und wuschen, offenbar nie völlig weggeputzt werden konnte. Daher machten reiche Alleghenyer sich mit schöner Regelmäßigkeit Ende Juni zu ihrem jährlichen Exodus zu kühleren und frischeren Orten auf. Die Hostetters zogen gewohnheitsmäßig in ihr Ferienhaus in Narragansett Pier, einem kleinen Badeort in der Rhode Island Bucht. Shore Acres, das noch von Tods Vater gebaut worden war, lag am Ocean Drive und hatte eine weite Aussicht über den Atlantischen Ozean und kühle Meeresluft im Überfluss. Das Haus hatte 16 Zimmer. Raum für Tod und seine jetzt hochschwangere Frau war jedoch nicht vorhanden, denn Narragansett Pier lag direkt bei Newport, der festen Sommerkolonie der New York Society, wo Mrs. Astor in ihrem Sommerhaus Beechwood ihren weithin berühmten „Summer Ball“ abzuhalten pflegte. Eine Einladung dazu war das Höchste der Gefühle, weil damit automatisch der Zutritt zu den allerhöchsten Gesellschaftsschichten des Landes gegeben war. Der gute Ruf musste in Newport und Umgebung gerade besonders hochgehalten werden. Und Tod musste doch wohl begreifen, dass seine Familie es sich nach diesem für sie doch so peinlichen Frühjahr nicht erlauben konnte, auch nur den Anschein zu erwecken, seine Frau wirklich als eine der Ihren zu akzeptieren. (…)

Karte

 

Offensichtlich hatte Allene eines behalten aus ihrer Pionierherkunft, und das war die Überzeugung: Wenn es keinen Weg gibt, muss es doch zumindest einen Umweg geben. Und sonst musste ein Weg gebahnt werden. “If one has the will and persistence, one CAN do things”, schrieb sie später – wenn du den Willen und das Durchsetzungsvermögen hast, dann KANNST du etwas tun. Diese Mentalität hatte sie gezeigt, als sie in ihrer Schwiegerfamilie nicht willkommen gewesen war und daraufhin im Sommer selbst Ferien organisiert hatte. Die zeigte sie jetzt wieder, als ihre Tochter Greta, die am 27. September 1891 geboren wurde, genauso hartnäckig ignoriert wurde wie sie selbst. In seiner offiziellen Eigenschaft als Vizepräsident des Hostetter-Konzerns wurde Tod in jenem Herbst als Mitglied des tonangebenden Herrenclubs von Pittsburgh akzeptiert. Aber seine Frau und seine Tochter fanden nicht einmal eine Erwähnung in der Adressliste des „Pittsburgh and Allegheny Blue Book“, in dem seine Mutter seit Jahren als Verkörperung aller viktorianischen weiblichen Tugenden prangte. („In ihrem Geschmack ist Mrs. Hostetter ausgesprochen häuslich, sie ist bekannt für ihren tadellosen Haushalt, sie ist die beste Ehefrau, die ein Mann haben kann, und als Mutter ist sie einfach hinreißend.“) Das bedeutete eine völlige soziale Isolierung für Allene. Sie wurde nirgends eingeladen, sie konnte ihre Visitenkarte nirgends hinterlassen und es kam auch niemand zu ihr zu Besuch. Es war, als existierten Greta und sie einfach nicht.

Wieder war ein Umweg nötig, und wieder fand Allene ihn. Und zwar in den „Daughters of the American Revolution“, einem der exklusiven Frauenclubs, die in jenen Jahren wie Pilze aus dem Boden schossen und die in den meisten Fällen als Vehikel in eine höhere soziale Schicht dienten. Die DAR war 1890 mit der offiziellen Zielsetzung gegründet worden, die Erinnerung an die Vorfahren in Ehren zu halten und den Schulunterricht in abgelegenen Gebieten zu fördern. Die Mitgliedschaft war den Nachkommen derer vorbehalten, die im Unabhängigkeitskrieg gekämpft hatten.

Im Dezember 1892 meldete Allene sich bei der Pittsburgher Abteilung der DAR an. Mit großer Genauigkeit füllte sie das Anmeldeformular aus. Ihre Blutlinie ließ sich zurückverfolgen bis zu einem britischen Immigranten, der sich 1640, als Amerika noch eine britische Kolonie war, von Northamptonshire aus auf Rhode Island niedergelassen und mit einer Landwirtschaft begonnen hatte. Seiner während der Überfahrt geborenen Tochter hatte er den poetischen Namen Seaborn gegeben. Einige Generationen später soll ein Urenkel zu denen gehört haben, die ihre Waffen gegen das Mutterland erhoben: 1782 starb dieser Captain Henry Tew angeblich auf dem berüchtigten britischen Gefängnisschiff, der HM Jersey.

Eine spätere Prüfung ergab, dass der besagte Kapitän nie existiert hatte, und Allene sollte im Nachhinein aus dem Mitgliederverzeichnis gestrichen werden, aber damals führte die Prüfung der jungen Pittsburgher DAR-Abteilung nicht so weit zurück. Man brauchte energische und reiche Mitglieder und man bewilligte den Antrag. Damit hatte Allene den ersten Schritt auf dem Weg zur Respektabilität gemacht, die sie so unerbittlich verloren hatte, indem sie unverheiratet schwanger geworden und mit ihrem Liebhaber davongelaufen war.

Inzwischen dämmerte es Tods Mutter langsam, dass ihre neue Schwiegertochter mehr war als ein hübsches Gesicht und ein Zuviel an Ehrgeiz. Allene war tüchtig und fröhlich und genau der Anker, den ihr charmanter, aber noch immer unruhiger und im Prinzip völlig verantwortungsloser jüngster Sohn brauchte. Tod war und blieb nämlich heftig verliebt in seine Frau und sein Töchterchen und betätigte sich, jedenfalls in den Augen der Außenwelt, jetzt als mehr oder weniger ordentliches Mitglied in der Führung des Familienkonzerns.

Den Sommer 1892 verbrachten Allene und Tod wieder auf ihrem eigenen Jimtown, wo der Segelclub umgetauft wurde zum Conanicut Yacht Club und eine Heimat in einem von Tod finanzierten Clubhaus fand, komplett mit Anlegesteg und einem Kartenspielraum im ersten Stockwerk. In dem Herbst wurde Allene zum zweiten Mal schwanger. Kurz darauf sprang Tods Mutter über ihren Schatten und zog wieder ins alte Haus ein. Wie um der Außenwelt gegenüber zu betonen, dass Tods Frau jetzt wirklich zur Familie gehöre, meldeten sich Rosetta wie auch ihre Tochter bald ebenfalls als Mitglieder der „Daughters of the American Revolution“ an.

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