Eine mehr als rätselhafte Jungfrau …

Franken, ausgehendes 19. Jahrhundert.: Amelia und George Price, ein junges englisches Pärchen, verbringt seine Flitterwochen in Begleitung von Mr. Hutcheson, einem verwegenen Abenteurer aus Nebraska, im romantischen Deutschland. Heute steht Nürnberg auf dem Programm - eine pittoreske Perle des Mittelalters …

Doch erholsame Flitterwochen gönnt der Autor Bram Stoker (1847–1912) dem frisch gebackenen Ehepaar aus Wales in seiner Kurzgeschichte „The Squaw“ freilich nicht. In Nürnberg überschlagen sich die Ereignisse. Die Besichtigung der Kaiserburg und der dortigen Folterkammer-Ausstellung eskaliert in einem blutigen Fiasko. In dessen Zentrum: die „Eiserne Jungfrau“, eines der grauenvollsten je erdachten Folterwerkzeuge …

Wenige Rechtsaltertümer faszinieren die Menschen so wie diese lebensgroße hölzerne Frauenfigur. Innen mit vielen metallenen Dornen versehen, soll sie einst ihre grausige Wirkung beim Schließen der metallbeschlagenen Manteltüren entfaltet haben. Ende des 18. Jh. mehren sich Berichte über die Eiserne Jungfrau. Literatur und Zeitungen nehmen sich ihrer an. Museen zeigen erst kürzlich „wiederentdeckte“ Eiserne Jungfrauen in großen Ausstellungen. Eine Legende entsteht.

 

Doch waren Mittelalter und Frühe Neuzeit tatsächlich derart grausam? Ersannen unsere Vorfahren wirklich solch perfide Folter- und Hinrichtungsmaschinen? Lassen Sie uns einen Blick in die Geschichte werfen!

Wäre die Eiserne Jungfrau ein Folterinstrument gewesen, müssten schriftliche Beweise existieren. Seit dem Hochmittelalter spielte sich nämlich das ganze Strafverfahren zwischen Aktendeckeln ab. Was nicht in der Akte war, war nicht in der Welt (Quod non est in acta, non est in mundo). Das galt auch für die Folter – ein „Beweisgewinnungsverfahren“ mit dem Ziel des Geständnisses. So finden wir in Archiven auch noch viele bedrückend zu lesende Folterprotokolle. Allerdings bislang kein einziges über eine Tortur mit einer Eisernen Jungfrau!

War die Eiserne Jungfrau dann doch eher ein grausamer Hinrichtungsgegenstand? Das Strafrecht der Frühen Neuzeit verfügte bekanntlich über ein breites Arsenal schmerzhaftester Hinrichtungsarten. Allerdings müsste es auch dafür schriftliche Belege geben, etwa Todesurteile, oder zeitgenössische Abbildungen und Flugschriften – schließlich wurden seinerzeit besonders aufsehenerregende Vollstreckungen oft in Bildern und Flugschriften verewigt. Aber auch hier werden wir nicht fündig!

So lässt sich das Geheimnis der Eisernen Jungfrau wohl nur über das seit 1977 im Mittelalterlichen Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber präsentierte Original lüften. Woher kommt es ursprünglich? Wie alt ist es? Finden sich noch Gebrauchsspuren daran?

Die Geschichte der Eisernen Jungfrau von Nürnberg lässt sich bis in die Mitte des 19. Jh. nach Nürnberg zurückverfolgen. Dort tauchte sie erstmals auf: als Hauptexponat einer großen Folterausstellung. Ihre Vorgeschichte liegt jedoch im Dunkeln. Deshalb unterzog die Stiftung Mittelalterliches Kriminalmuseum das Exponat einer gründlichen Untersuchung.

Dabei offenbarte sich Erstaunliches! Der Mantel konnte auf das 15./16. Jh. datiert werden und diente vermutlich als Ehrenstrafinstrument (Schandmantel). Deutlich jünger sind jedoch die metallenen Dornen. Bei ihnen handelt es sich um abgesägte französische Tüllenbajonette aus den Befreiungskriegen (1813–1815). Sie wurden Mitte des 19. Jh. nachträglich in die Eiserne Jungfrau implementiert. Aber warum? Zu dieser Zeit war selbst in Bayern die Folter bereits abgeschafft. Auch wurden die Todesstrafen längst nicht mehr derart grauenvoll vollstreckt. So spricht alles gegen eine Eiserne Jungfrau (von Nürnberg) als Folter- oder Hinrichtungsgegenstand. Näher liegt, dass im 19. Jh. ein Schandmantel zu einer Eisernen Jungfrau umgestaltet wurde, um zahlungskräftige Ausstellungsbesucher anzulocken und die Sensationslust der Zeitgenossen zu befriedigen. Ein solch „entspannter“ Umgang mit der historischen Wahrheit war damals gar nicht so unüblich, wie auch viele Abbildungen aus Zeitschriften zeigen.

Ein kleiner Teilbereich der Präsenzausstellung des Kriminalmuseums widmet sich neben der tatsächlichen Geschichte der Eisernen Jungfrau auch deren früherer Vermarktung sowie der derzeitigen Medienpräsenz. Aber auch heute sind noch längst nicht alle Fragen um die Eiserne Jungfrau gelöst. Seit 1965 etwa fehlt jede Spur der Schwester der Eisernen Jungfrau von Nürnberg, der Feistritzer Jungfrau. Diese Fährte wiederaufzunehmen, dürfte einiges detektivischen Spürsinns bedürfen und vielleicht noch manche Überraschung bergen!

  

Dr. Markus Hirte, LL.M., geboren 1977, studierte Rechtswissenschaft mit Schwerpunkt Rechtsgeschichte, arbeitete als Rechtsanwalt bei CMS Hasche Sigle in Stuttgart, Berlin und London und ist seit 2013 Geschäftsführender Direktor des Mittelalterlichen Kriminalmuseums in Rothenburg ob der Tauber.

 

 

 

Mittelalterliches Kriminalmuseum Rothenburg
Öffnungszeiten täglich:
April bis Oktober: 10.00 bis 18.00 Uhr
November bis März: 13.00 bis 16.00 Uhr

www.kriminalmuseum.eu

 

 

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