Hannah von Bredow

Allen Welsh Dulles, Bruder des späteren US- Außenministers Foster Dulles, hat Hannah von Bredow in seinem Buch „Germany‘s underground - the German resistance“, den „einzigen männlichen Nachkommen Bismarcks“ genannt.

Hannah mochte diese positiv gedachte Charakterisierung nicht: sie war eine selbstbewusste Frau und fand es unangebracht, wenn man glaubte sie zu loben, indem man ihr „männlichen “ Geist oder Tugenden zusprach. Abgesehen davon empfand sie es als ungerecht, ihren drei Brüdern generell Schwachheit vorzuwerfen: ihr jüngster Bruder Albrecht (Eddy) war, wie sie, seit 1933 gegen Hitler gewesen, und Otto und Gottfried hatten sich, wenn auch spät, ihrer Ablehnung des Nationalsozialismus angeschlossen.

Am Buß- und Bettag des Jahres 1893, dem 22. November, kam Hannah als erstes Kind des Kaiserlich Wirklichen Geheimen Rates, Staatssekretär und Preußischen Staatsminister a.D., Generalmajor á la Suite der Armee Herbert Fürst von Bismarck und seiner Ehefrau Marguerite Gräfin Hoyos Freiin von Stichsenstein zur Welt. Die Geburt erfolgte im „Geburtszimmer “ des Schlosses Schönhausen an der Elbe, in dem schon ihr Großvater Otto Fürst von Bismarck das Licht dieser Welt erblickt hatte. Unter Ulbricht wurde das Schloss gesprengt. Nur ein Türmchen, der Küchenschornstein und eben dieses dazwischenliegende Zimmer überstanden den Abriss.

Die Freude der Eltern war getrübt: erstens hatten sie einen Sohn erwartet, zweitens war das kleine Mädchen auf dem rechten Auge blind. Ein hässlicher Star konnte zwar leicht entfernt werden, die Blindheit blieb jedoch. Nicht nur das, das sehende linke Auge war kurzsichtig: bis zu ihrem Lebensende hatte Hannah minus fünf Dioptrien. Zudem bedeckte ein blaurotes Muttermal ihre linke Hand, das über den Arm auf die linke Schulter reichte. Die ehrgeizigen Eltern versuchten das Muttermal entfernen zu lassen. Sie wurde Opfer von abenteuerlichen Quacksalbern: ein Arzt behauptete, durch die neu erfundenen Röntgenstrahlen das Mal entfernen zu können. Er verbrannte ihre Haut. Ein zweiter schälte die Haut des Kindes ab und behauptete, weiße Haut würde nachwachsen. Die Schmerzen waren unsäglich, und ihre Hand blieb lebenslang verbrannt und geschädigt.

Hannah versuchte durch Handschuhe und für sie geschnittene Kleider die blaue Hand und den blauen Arm zu verbergen, aber beim Schwimmen oder an heißen Tagen sahen die anderen Kinder das Muttermal und neckten sie.

Ansonsten war Hannah ein gesundes und starkes Kind und gewann die Herzen ihrer Eltern durch ihre Fröhlichkeit, ihre früh zu Tage tretende ungewöhnlich schnelle Auffassungsgabe und ihr beeindruckendes Gedächtnis. Die ersten vier Jahre ihres Lebens durfte mit ihr nicht Deutsch gesprochen werden, damit sie akzentfrei Französisch und Englisch lernte. Eine englische Nanny und eine französische Demoiselle sorgten dafür. Ihre Eltern sprachen mit ihr nur Englisch, was ihrer Mutter als Enkelin von Robert Whitehead, dem Erfinder des Whitehead-Torpedos, natürlich war.

Bis zum Tode des Altkanzlers lebte Herbert Bismarck mit seiner Familie in Schönhausen. Hannah war vier Jahre alt als sie mit ihren Eltern in Friedrichsruh den berühmten Großvater besuchte. Sie durfte ihm die Fabel Lafontaines vom Fuchs und vom Raben aufsagen. Er lobte ihr Französisch und ihren lebendigen Vortrag. Unvergesslich blieb ihr, dass der auf einer Chaiselongue liegende Großvater für sie einen wunderschönen Puppenherd unter seinem Bett hervorzog mit dem sie in seinem Zimmer spielen durfte. Das war ihre einzige Erinnerung an Otto Bismarck, der kurz darauf 1898 starb.

Herbert Bismarck, der nach seiner Entlassung als Staatssekretär des Auswärtigen weiterhin ein Reichstagsmandat hatte, war mit der Verwaltung seiner Güter Friedrichsruh (Fideikommiss Schwarzenbek), Schönhausen und Reinfeld nicht ausgelastet. Umso intensiver kümmerte er sich um die Erziehung seiner gelehrigen Tochter: mit sechs Jahren konnte sie alle deutschen Kaiser und Könige mit ihren Regierungsdaten aufsagen. Auf langen Ritten durfte sie ihn auf ihrem geliebten Pferd begleiten. Umso mehr litt sie unter dem frühen Tod des Vaters.

Obwohl Hannah damals erst zehn Jahre alt war, begann die Mutter, immer mehr Pflichten auf die Tochter zu übertragen. Mit dreizehn hatte sie in Vertretung ihrer Mutter den gesamten Haushalt in Friedrichsruh zu leiten - mit Köchin, Diener, Jungfern, Stubenmädchen, dem Kutscher, Gärtner und anderen. Hannah war ehrgeizig und leistungsfähig und übernahm alles gerne. Unterricht erhielt sie durch Privatlehrer. Sie setzte durch, dass sie Latein lernen durfte. Griechisch wurde ihr wegen ihres schwachen Auges verboten. Man befürchtete eine Überanstrengung. Ihre Mutter fand gymnasiale Bildung für Mädchen unangebracht. Umso schmerzlicher war Hannahs Niederlage, als sie darauf bestand, die Abiturprüfung ablegen zu wollen: Drei ernste Herren von der Hamburger Schulbehörde kamen nach Friedrichsruh, um sie zu prüfen. Sie mussten unverrichteter Dinge zurückkehren: Hannah hatte aus Prüfungsangst hohes Fieber entwickelt und konnte nicht aufstehen. Ihre Mutter begrüßte dies Versagen: „So wirst Du kein Blaustrumpf.“

Rückblickend empfand sie trotz allem ihre Jugendzeit bis zu ihrer Heirat 1915 als die glücklichste Zeit ihres Lebens. Durch die Überwindung ihrer körperlichen Behinderungen gewann sie eine erstaunliche Unabhängigkeit von dem Urteil anderer Menschen, die sie später befähigten, ihre Gedanken und Folgerungen zu vertreten, auch wenn sie der herrschenden Meinung widersprachen.

Ich lernte schon früh, dass meine Mutter anders dachte als andere. Als jüngstes ihrer acht Kinder hörte ich den Gesprächen am Esstisch zu und versuchte, mit dem Erlauschten in der Grundschule meine Lehrerin, Frau Schröter-Schwarz, zu beeindrucken. Gott sei Dank war es eine kleine Privatschule und Frau Schröter eine anständige Frau: sie machte meiner Mutter am nächsten Sonntag im Sommer 1939 einen Besuch und erzählte ihr, dass ihr altkluger Sohn sie vor der Klasse gefragt habe, ob sie auch Winston Churchill als größten Staatsmann der Gegenwart bewundere. Frau Schröter fürchtete, ihre Schule werde geschlossen und bat, meinen Redefluss einzudämmen. Nach dem Abendessen am selben Tage stellte meine Mutter mich im Esszimmer auf eine Truhe, um mir genau in die Augen sehen zu können.

Sehr ernst erzählte sie von dem Besuch meiner Lehrerin und sagte mir, ich dürfe nie mehr Fremden etwas erzählen, was ich zu Hause über Hitler, Politik oder die Nazis gehört hätte. Mein Plaudern bringe uns alle in Gefahr. Ich war beeindruckt und befolgte ihr Verbot.

Die Ablehnung des Nazismus war für meine Mutter Erziehungsprinzip. Mit meinen normal langen Haaren, langen grauen Flanellhosen und den doppelreihig geknöpften Mänteln mit Samtkragen von Harrods in London sah ich nicht aus wie die anderen deutschen Jungen, die Pimpfe im Jungvolk waren. Ich wurde durch ein freundliches Attest von Professor von Eicken von der Pflicht verschont, mich zum Jungvolk zu melden. Dafür musste ich zweimal in der Woche zu einem Fräulein Ulrich zur Physiotherapie, um meine angeblich bedrohliche Rückgratverkrümmung zu behandeln. Auch vom ziemlich militärischen Turnunterricht im Potsdamer Victoriagymnasium war ich dadurch befreit. Glücklicherweise war das Victoriagymnasium eher konservativ, so dass ich dort freundlich behandelt wurde. Aber der Schulweg war schwierig, denn es gab Straßenkinder, die mich wegen meines Aussehens anpöbelten. Ich musste oft Umwege gehen um sie zu vermeiden.

Alles dies war für meine Mutter kein Grund, mir die Haare kurz schneiden zu lassen oder mir extra kurze Hosen im 'Nazistil' zu kaufen. Ihre Ablehnung des Regimes war unerschütterlich - auch in Äußerlichkeiten.

Erst viel später konnte ich begreifen, welcher Kraft und welchen Gottvertrauens es bedurfte, als Witwe uns acht Kindern trotzdem bis Juni 1944 in Potsdam eine sehr glückliche Jugend zu schenken.

Leopold Bill von Bredow, Jahrgang 1933, ist ein Urenkel Otto von Bismarcks. Er wurde als Sohn des Majors Leopold Waldemar von Bredow (1875–1933) und dessen Frau Hannah Leopoldine Alice (1893–1971, geborene Gräfin von Bismarck-Schönhausen) in Potsdam geboren. Nach dem Abitur in Basel und einem Studium der Rechtswissenschaft an der Universität Basel und der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg trat er 1961 in den diplomatischen Dienst. Er war u.a. Generalkonsul in New York, Botschafter in Athen und Bukarest. Zwischenzeitlich war er stellvertretender Protokollchef der Bundesregierung und in den letzten Dienstjahren Protokollchef des Berliner Senats.

 

 

 

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