„Im Namen der Menschheit“ – Wilsons Traum vom ewigen Frieden

Er hörte auf, ein Staatsmann zu sein; er wurde ein Messias.
H.G. Wells über Woodrow Wilson, The Shape of Things to Come, 1933

Besonders edel speiste man im Saal „Ritz-Carlton“ des Luxusliners SM Vaterland. Die vergoldeten Nussbaumpanelen, die bemalte Kuppel und der angrenzende Palmengarten garantierten ein luxuriöses Ambiente, ebenso natürlich ©auch die Speisekarte mit ihrem reichhaltigen Angebot. Immerhin 17.500 Flaschen Wein und Champagner lagerten in den Regalen, selbstverständlich auch sämtliche Zutaten, die es für ein anspruchsvolles Dinner brauchte. Für die Qualität sorgten auch die eigens abgeworbenen Mitarbeiter des 1911 in New York eröffneten Restaurants. Auch das Ambiente ließ es an nichts fehlen: Hatte man das mehrgängige Menü hinter sich, lockten Rauchsalon, Leseraum, die Gesellschaftszimmer oder der Wintergarten. Bis zu 3700 Menschen waren Gäste dieser eigenen, selbstgenügsamen Welt. Die maß 276 Metern Länge und rund 30 Meter in der Breite. Rund 1200 Besatzungsmitglieder sorgten für das Wohl der fast 3700 Passagiere, die sich über die Stockwerke eines der modernsten Schiffes seiner Zeit verteilten.

Nun aber, Ende Juli 1917, war es in dieser schwimmenden Stadt erheblich weniger komfortabel. Im April 1917 – die USA hatten Deutschland gerade den Krieg erklärt – war das Schiff von den US-Behörden beschlagnahmt worden. Im Juli übergaben sie es der US-Marine, die es umgehend in ihre eigenen Dienste stellte. Zunächst gab sie ihm einen neuen Namen: Fortan hieß es USS Vaterland, bald darauf USS Leviathan. Auch sein Zweck war nun ein anderer: Es war keine Verkehrsmittel gut betuchter Passagiere mehr, sondern, nach entsprechendem Umbau, ein Truppentransporter mit maximalem Fassungsvermögen. Der Theater- und Ballraum verwandelte sich in ein Lazarett, die Sporthalle in eine Quarantänestation. Auf dem einst so anmutigen Oberdeck wurden mehrere Geschütze installiert. So gerüstet, nahm die Leviathan am 15. Dezember des Jahres ihre erste Fahrt Richtung Europa auf. An Bord hatte sie rund 7254 Soldaten und 2000 Matrosen.

 


Robuste Demokratie
Der Kriegseintritt der Amerikaner verband sich mit einem Namen, der die entscheidenden Momente vor und nach der Kriegserklärung prägte wie kein anderer: US-Präsident Woodrow Wilson. Wilson, 1856 in Virginia geboren, war 1913 in sein Amt gewählt worden und darin wenige Monate vor der Kriegserklärung im April 1917 ein weiteres Mal bestätigt worden. "He kept us out of war", "Er hat uns aus dem Krieg rausgehalten", lautete der Slogan, mit dem er die Wähler noch im Herbst 1916 von sich überzeugt hatte – um nun, nur wenige Monate später, von eben dieser Leistung abzurücken. Gewollt hatte er das nicht. Er sah aber auch, dass diese Entscheidung unvermeidlich war. Mit ihr, schrieb gut zehn Jahre später der damalige britische Finanz- und Wirtschaftsminister Winston Churchill, hatte er auf den Krieg auf eine Weise eingewirkt, wie womöglich kein anderer Politiker sonst. Wäre Wilson nicht gewesen, deutete Churchill weiter an, hätte die Politik der USA in jenen Monaten womöglich einen ganz anderen Weg einschlagen können. "Bei allem Respekt“, so Churchill, „scheint die Behauptung nicht übertrieben, dass der Schritt der Vereinigten Staaten mit ihren Auswirkungen auf die ganze Welt von der intellektuellen Arbeit dieses einen Mannes abhing, und zwar in einem solchen Maß, dass andere Faktoren keine Rolle spielten. Und er spielte für das Geschick der Nationen eine unvergleichlich direktere und persönlichere Rolle als jeder andere Mensch." Wilson selbst hatte ursprünglich anderes vor. Er sah sich in einer Tradition seiner Vorgänger – George Washington und James Monroe. Sie waren entschiedene Gegner militärischer Interventionen. 1793 hatte George Washington eine Erklärung mit dem schlichten Titel „A Proclamation“ erlassen, in der er angesichts der europäischen Revolutionskriege erklärte, es sei „Pflicht und Interesse“ der Vereinigten Staaten, sich neutral zu verhalten: „Sie sollten gegenüber den kriegführenden Mächten aufrichtig und mit gutem Willen ein freundliches und unparteiisches Verhalten aufnehmen und verfolgen.“ Einen neuen Akzent setzte Wilson Vorgänger Theodore Roosevelt. Er skizzierte in seinem Zusatz zur Monroe-Doktrin 1904 die Voraussetzung der Politik der Nicht-Einmischung. Zugleich umriss er die Konsequenzen, sollten diese Voraussetzungen nicht mehr gegeben sein – dann nämlich, wenn eine Nation die Normen verletze, die sich für modernes Regierungsverhalten inzwischen entwickelt hätten. "Ein solches Verhalten mag in Amerika wie anderswo schließlich die Intervention durch irgendeine zivilisierte Nation erfordern.“ Dann sähen die USA sich gezwungen, „internationale Polizeigewalt“ auszuüben.“
Wilson war sich dieser Vorgaben bewusst. Vor seiner Präsidentschaft hatte er erst ein einziges politisches Amt bekleidet, das des Gouverneurs von New Jersey. Die weitaus meiste Zeit seines Berufslebens aber hatte er als Hochschullehrer gearbeitet; ein Mann der Wissenschaft also, der seine Weltsicht aber fest auf christlichen Glauben gründete. Der Krieg sei eine Sache der Menschen, nicht Gottes, versicherte der tief von der presbyterianischen Kirche geprägte Präsident einmal.

Der Feind in der Tiefe
Schließlich drängte die Amerikaner vor allem eines zur Entscheidung: die deutschen U-Boote. Bereits 1910 war in Danzig eines der ersten deutschen Unterseebote, die SM U 9, vom Stapel gelaufen. Gut 57 Meter lang und sechs Meter breit, konnte es in 50 – 90 Sekunden auf bis 50 Meter in die Tiefe tauchen. Am 22. September 1914 vollbrachte die U 9 eine aus deutscher Sicht spektakuläre Leistung: Rund 50 Kilometer vor der holländischen Küste attackierte es nacheinander drei britische Panzerkreuzer. Rund 1000 Menschen starben, 800 wurden gerettet. Kurz darauf, am 15. Oktober, versenkte es vor Aberdeen einen weiteren britischen Kreuzer, die HMS Hawke. Bei diesem Angriff kamen 527 Menschen ums Leben. Angestachelt von diesen Erfolgen, legte die deutsche Marine im Februar 1915 einen Ring rund um Großbritannien. Fortan, erklärt die Heeresführung des Kaiserreichs, würden feindliche Handels- und Passagierschiffe ohne Vorwarnung angegriffen.

 

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Am 15. Mai 1915 dann versenkte ein weiteres deutsche U-Boot, die U 20, den britischen Passagierdampfer Lusitania vor der Südküste Irlands. 1198 Menschen starben, unter ihnen auch 128 Amerikaner. „Dieses Ereignis veränderte die Haltung der Vereinigten Staaten zum Krieg schlagartig“, schreibt der Wilson-Biograph John Milton Cooper Jr. „Es brachte den Schock der Erkenntnis. Verschwunden war das Gefühl, aus der Ferne eine Tragödie zu beobachten, die anderen Menschen widerfuhr. Verschwunden war die Vorstellung, klug mit dem Anstieg kleinerer Vorfälle umzugehen, den die Blockaden und gelegentlichen U-Boot-Attacken mit sich brachten“. Die Deutschen hingegen hielten sich für unverwundbar.
„Ich pfeife auf Amerika“, erklärte General Ludendorff in der ihm eigenen Überheblichkeit. „Was kann es uns tun? Herüber kommen sie nicht.“

 

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Ende Februar wurde in den USA eine weitere Nachricht bekannt: Mitte des Monats hatte Arthur Zimmermann, Staatssekretär des deutschen Auswärtigen Amts, über die deutsche Botschaft in Washington eine geheime und darum verschlüsselte Nachricht an den deutschen Gesandten in Mexiko verschickt. Diese war vom britischen Geheimdienst abgefangen und weitgehend entschlüsselt worden. Der Text war mehr als brisant: Zimmermann schlug ein Bündnis zwischen Deutschland und Mexiko für den Fall vor, dass die USA ihre Neutralität aufgeben sollten. Für diesen Fall, schlugen die Deutschen, würden sie die Mexikaner militärisch dabei unterstützen, ihre Mitte des 19. Jahrhunderts an die USA abgetretenen Gebiete zurückzuerobern. Für die USA war dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte: Am 6. April 1917 erklärten sie Deutschland den Krieg.

„Das Unrecht, gegen das wir jetzt auftreten, ist kein gewöhnliches Unrecht; es reicht bis an die Wurzeln des menschlichen Lebens."
Die USA als militärischen Verbündeten zu gewinnen, war für die Entente-Mächte seit 1916 zu einer immer dringlicheren Angelegenheit geworden. Im Laufe des Jahres hatten sie insbesondere in der Schlacht an der Somme horrende Verluste hinnehmen müssen. Aus Sicht einfacher Soldaten war die Schlacht an der Somme ein einziges Gemetzel. Das Schlachten ließ sich auch statistisch erfassen: Allein am 1. Juli 1916, als die große Offensive auf die deutschen Stellungen begann, verloren die Briten 19.000 Menschenleben. Das besser geschützte deutsche Heer musste an jenem Tag rund 8000 tote Soldaten verkraften. Insgesamt wurden in der Schlacht an der Somme – die sich im Laufe der Kämpfe mit der um Verdun verband – knapp 420.000 britische Soldaten getötet oder verwundet. Die Franzosen zählten rund 204.000 Getötete oder Verwundete, die Deutschen 465.000.
Für Wilson war es nun klar: Der Krieg, erklärte er am 2. April 1917 vor dem Kongress, sei unvermeidlich. Der Krieg, wie Deutschland ihn führe, sei "ein Krieg gegen alle Nationen". Auf diesen gelte es nun eine angemessene Antwort zu finden. "Unser Beweggrund soll nicht Rachsucht oder der Wunsch nach siegreicher Befestigung der physischen Macht der Nation sein, sondern allein die Vertretung des Menschenrechtes. Das Unrecht, gegen das wir jetzt auftreten, ist kein gewöhnliches Unrecht; es reicht bis an die Wurzeln des menschlichen Lebens."
Der Kongress ließ sich von diesen Argumenten überzeugen: Die Mitglieder des Senats stimmten am 4. April mit 82 gegen 6 Stimmen für den Kriegseintritt. Schwieriger war die Debatte im Repräsentantenhaus. Ganze 17 Stunden debattierten die Abgeordneten, 100 Volksvertreter ergriffen das Wort. „Insgesamt“, erinnert sich einer der Teilnehmer, „wurden die pazifistischen Beiträge scheinbar besser angenommen als jene, die sich für den Krieg aussprachen.“ Doch am Ende stimmte auch hier die Mehrheit mit 373 gegen 50 Stimmen für den Kriegseintritt. Ihren Entscheid nahm Wilson am 6. April gegen 13 Uhr beim Mittagessen im Weißen Haus entgegen. „Zugestimmt am 6. April 1917, Woodrow Wilson“, unterzeichnete der Präsident das Papier. Fortan befanden sich die USA mit Deutschland im Krieg. Nun unternahmen die Amerikaner alle nur denkbaren Anstrengungen, um ihre Armee zu vergrößern und möglichst viele Soldaten über den Atlantik zu verschiffen. Bereits am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, führte General John Joseph Pershing Teile seiner 1. Division bei einer Parade in Paris an. Fortan trafen immer neue amerikanische Truppen ein. Das Transportsystem wurde immer leistungsfähiger. Seinen Höhepunkt erreichte es im Herbst 1918: Rund 10.000 Soldaten brachte die US-Marine pro Tag über den Atlantik. Die schiere Zahl der Tag für Tag über den Atlantik eintreffenden Soldaten hatte neben der rein militärischen auch eine zermürbende psychologische Wirkung. „Das professionelle Urteil erfahrener französischer und britischer Offiziere, die Amerikaner seien eher enthusiastisch als tüchtig, traf zu. Entscheidend war jedoch, wie ihre Ankunft sich auf den Gegner auswirkte: zutiefst deprimierend.“

Die vierzehn Punkte
Zugleich musste Wilson auch politisch reagieren: In der „Deklaration der Rechte der Völker Russlands“ vom November 1917 hatte Lenin die „Gleichheit und Souveränität der Völker Russlands“ und deren Recht auf freie Selbstbestimmung, „bis hin zu einer Loslösung und Bildung eines selbstständigen Staates“, verkündet. Außerdem, so die Deklaration weiter, sollten „alle Völker“ ihr politisches Schicksal selbst bestimmen und „ganz unabhängig von anderen Nationen darüber entscheiden, wie sie ihre staatliche Existenz gestalten wollten.“
Anfang Januar 1918 konzipierte Wilson seine Antwort. Nach gerade zwei Stunden hatten er und sein Mitarbeiter „die Weltkarte neu geordnet“, wie House es formulierte. Auf dieser Grundlage konzipierte er eines der berühmtesten und einflussreichsten Dokumente des 20. Jahrhunderts: die „Fourteen Points“, „Vierzehn Punkte“, die er am 8. Januar dem amerikanischen Kongress vorstellte.
In ihnen umriss er in den ersten fünf Punkten grundlegende Prinzipien des internationalen Miteinanders, wie er es sich vorstellte. Dazu gehörten – Punkt 1 – „offene, öffentlich abgeschlossene Friedensverträge“. Geheime internationale Abmachungen solle es nicht mehr geben. Vielmehr solle Diplomatie „immer aufrichtig und vor aller Welt getrieben werden.“ Punkt 2 sah eine „uneingeschränkte Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren“ vor, während Punkt 3 die weitest mögliche „Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken und die Herstellung einer „Gleichheit der Handelsbedingungen für alle Nationen“ vorsah – zumindest derer, die sich um die Wahrung des Friedens bemühten. Der 14. Punkt schließlich sah die Gründung eines „allgemeinen Verbands der Nationen“ vor, der „gegenseitige Bürgschaften für die politische Unabhängigkeit und die territoriale Unverletzbarkeit der kleinen sowohl wie der großen Staaten“ möglich machen sollte.
Freilich zielten die Vierzehn Punkte auch darauf, einige sehr handfeste amerikanische Interessen umzusetzen. Der Historiker Adam Tooze hat darauf hingewiesen, dass Wilson bereits früh die Chancen erkannte, die sich aus einer global geordneten Welt für Amerika, die aufstrebende und absehbar größte Handelsmacht der Welt, ergeben würden. Sein Engagement für ein einvernehmlich geordnetes und darum langfristig friedliches Europa habe durchaus den wirtschaftlichen Interessen der USA gedient – mit und auf einem stabilen Kontinent lasse sich eben besser rentabler Handel treiben als in einer chronisch instabilen Region. Wenn Wirtschaft und Territorium auf das engste verknüpft sind, kommt es darauf an, das Territorium für den Handel optimal aufzubereiten. Und das heißt vor allem: es vor Gewaltausbrüchen zu bewahren, es zu ordnen und zu stabilisieren. Handel und Investitionen scheuen Risiko, und eines der größten politischen Risiken ist eine Region in Aufruhr oder ständiger Erwartung von Aufruhr. Europa zu befrieden war darum auch ein ökonomischer Imperativ.
Und doch waren Wilsons Vierzehn Punkte in erster Linie ein Versuch, der bisherigen imperialen Logik den Geist der Kooperation und des Dialogs entgegenzusetzen. Der zurückliegende Weltkrieg hatte bewiesen, dass die bisherige Politik der gewaltsamen Landnahme, des Kampfes um Territorien Risiken barg, die schlicht nicht mehr beherrschbar waren. Also war es geradezu zwingend, diese Logik zu überwinden. Freilich mochte Wilson, als Führer einer vom Weltkrieg – vergleichsweise – milde getroffenen Nation, eine solche Überlegung leichter fallen als den Führern jener Staaten, die in den zurückliegenden Jahren in härteste Kämpfe verwickelt waren, deren Bevölkerungen einen nie da gewesenen Blutzoll entrichteten. Wenn sie, zumindest einige von ihnen, von der Notwendigkeit einer friedlichen Koexistenz überzeugt waren, mussten sie doch auch all die bitteren Erfahrungen – Hass, Rachegelüste, Trauer – kanalisieren, von denen der Großteil ihrer jeweiligen Bevölkerungen betroffen war. Sie zu überwinden, den Weg von der Herrschaft der aufgepeitschten Emotionen zu der der Vernunft zu finden: Das war das große Ziel, das sich Wilson für die Pariser Friedenskonferenz vorgenommen hatte. Sie hoffte er mit den in seinen „Vierzehn Punkten“ formulierten Prinzipien zu überwinden.
Doch in Paris sollte er lernen, dass die Punkte, so großherzig ihre Intention auch war, mit den politischen Realitäten vor Ort in eine kaum lösbare Spannung gerieten. Die Poesie von Wilsons Herzens scheiterte an der Prosa der europäischen Verhältnisse.

 



Kersten Knipp, geb. 1966, ist Publizist und Journalist. Er ist freier Politik-Redakteur bei der Deutschen Welle. Außerdem arbeitet er für den Deutschlandfunk und andere Sender der ARD, für die Neue Zürcher Zeitung und andere Zeitungen.
Kersten Knipps neues Buch "Im Taumel. 1918: Europas Sturz und Neubeginn" erscheint im Frühjahr 2018 bei der WBG.

 

 

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  • toller Artikel

    wirklich spannender Artikel