Stille Zeugen – Ochs und Esel an der Krippe

Für viele kleine und große Besucher sind sie die Attraktion in der weihnachtlichen Krippe. Dezent im Hintergrund beäugen sie das Geschehen, stets bereit, das vor ihnen auf Stroh gebettete Jesuskind zu beschützen. Wer denkt, Ochs und Esel seien bloßes Beiwerk, um die ländliche Idylle mit Stall, Schafen und Hirten zu bereichern, der irrt. Vordergründig scheinen die Evangelien dem Skeptiker jedoch Recht zu geben. Denn die Evangelisten schweigen weitgehend über die Kindheit Jesu. Matthäus und Lukas beschäftigen sich zwar mit dem jungen Jesus, doch tun sie das im Hinblick auf die Heilsgeschichte. Biographische Details der Heiligen Familie interessieren sie weniger. Während Matthäus Jesu Abstammung auf den alttestamentlichen König David zurückführt und zum Beweis sein Evangelium mit dessen Stammbaum beginnt (Mt 1,1–17), wartet Lukas mit einer ausführlicheren Geburtsgeschichte auf: „Es geschah, als sie dort [Bethlehem] waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie [Maria] gebären sollte, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde“ (Luk 2,6f.). Die Skizze genügte, um die Heilige Familie unter die Ärmsten der Gesellschaft zu zählen. Denn welche Mutter legte ihr Neugeborenes freiwillig in eine Krippe (φάτνη), einen Futtertrog also, der ursprünglichen Bedeutung des Wortes nach?

Jesus, Maria, Josef und einige Hirten waren die Protagonisten der ersten Stunde. Und Tiere, wahrscheinlich Schafe und Ziegen, die zu den wichtigsten Haus- und Opfertieren der Region gehörten.[2] Von einem Ochsen und einem Esel ist nicht die Rede. Umso mehr erstaunt, dass sich das ungleiche Paar zusammen mit dem Jesuskind bereits auf den ersten bildlichen Darstellungen der Geburtsgeschichte aus dem 3./4. Jahrhundert befindet, nämlich auf Sarkophagen und in den römischen Katakomben. Aus dem ersten Drittel des 4. Jahrhunderts zeigen Plastiken das gewickelte Jesuskind in einer Krippe, begleitet von einem oder zwei Hirten. Hinter der Krippe neigen sich Ochs und Esel zum Säugling.[3] Daneben gehört auch die Anbetung der Magier zu den ersten bildlichen Gestaltungen der Geburtsgeschichte.[4] Seit dem zweiten Drittel des 4. Jahrhundert mischen sich die drei Sterndeuter in die Krippenszene.[5] Während Maria bei der Huldigung der Weisen aus dem Morgenland im Bildmittelpunkt steht, tritt sie in der Regel erst an die Krippe, nachdem das Konzil von Ephesus sie im Jahr 431 zur „Gottesgebärerin“ (Theotókos) erklärt hat.[6] Josef musste sich noch ein wenig gedulden, bis er mit Jesu und Maria im Stall zu sehen war. Im Lauf des 6. Jahrhundert zogen sich Ochs und Esel zurück und überließen Jesus, Maria und Josef die Krippe.[7] Franziskus von Assisi, der die weihnachtliche Krippe mit lebenden Figuren erfand, und die franziskanische Mystik sorgten dafür, dass die in Vergessenheit geratenen tierischen Freunde Jesu wieder ihren angestammten Platz erhielten, neben Maria und Josef, den Hirten und den Sterndeutern.[8]

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Auch wenn die Historizität der „Kindheitsevangelien“ im Neuen Testament immer wieder bestritten wurde und man darüber rätselte, ob Ochs und Esel nun realistisch oder allegorisch zu deuten sind,[9] erfährt der Leser der Bibel Wissenswertes über das Leben der palästinischen Landbevölkerung zu Beginn des 1. Jahrhunderts und über das Verhältnis Mensch und Tier. Dass Gott Menschen und Tiere geschaffen hat, ist eine Kernaussage der biblischen Schöpfungserzählungen. Es ist der Mensch, der für die Schöpfung und somit auch für die Tiere Verantwortung trägt.[10] Tiere als Mitgeschöpfe sind ein Aspekt. Doch waren sie ebenso Haus- und Nutztiere wie Jagdtiere. Vor gefährlichen Wildtieren fürchtete man sich, erkannte aber auch in manchen Tieren eine Kraft, die auf Gott verwies.[11] Zwar standen ihnen die Israeliten einen göttlichen Funken zu, lehnten aber deren Vergöttlichung im Gegensatz zu den Ägyptern ab. Manche biblischen Geschichten aber porträtieren Tiere als Quelle der Weisheit. So empfiehlt der Leid geprüfte Ijob (12,7–9): „Doch frag nur die Tiere, sie lehren es dich, die Vögel des Himmels, sie künden es dir. Oder rede zur Erde, sie wird dich lehren, die Fische des Meeres erzählen es dir. Wer von ihnen allen wüsste nicht, dass die Hand des HERRN dies gemacht hat?“ Im Alten Testament lehren die Zugvögel, das Rind oder der Esel den Menschen, die göttliche Ordnung nicht zu verletzen. Allein durch ihr Dasein bezeugen Tiere den Schöpfergott und werden „so zu Trägern einer eigenen (natürlichen) Theologie“.[12] Immer wieder erfüllen sie Mittlerdienste zwischen Gott und Mensch und bringen selbst starrköpfige und zaudernde Propheten zur Einsicht. Im Neuen Testament ist es ein Hahn, der Petrus im Hof des Hohenpriesters erkennen lässt, dass er Jesus dreimal verleugnet hat. Gott schickt nicht nur Engel als Boten, sondern macht auch Tiere zu seinen Gesandten. Als er Elija befiehlt, sich am Bach Kerit östlich des Jordan zu verstecken, beruhigt er den Propheten: „Aus dem Bach sollst du trinken und den Raben habe ich befohlen, dass sie dich dort ernähren“ (1 Kön 17,4).  Die Vögel sind gehorsam und versorgen den Propheten morgens und abends mit Brot und Fleisch. Später übernehmen eine Witwe und ein Engel seine Betreuung. Die Tiere sind Helfer Gottes, und deswegen umfängt der Bund, den Gott mit Noah und seinen Nachkommen geschlossen hat, nicht allein die Menschen, sondern auch sämtliche Tiere, die nach der Sintflut in der Arche Noah sind (Gen 9,9f.).[13]

Auf die Frage, warum im frühen Christentum ausgerechnet ein Ochse und ein Esel gemalt oder in Stein gemeißelt von Anfang an das Kind in der Krippe begleiten und anbeten, geben Kirchenschriftsteller eine theologische Antwort.[14] Sie verweisen auf den Propheten Jesaja: „Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn; Israel aber hat keine Erkenntnis, mein Volk hat keine Einsicht“ (1,3). Die Krippe verbindet die Geburtsgeschichte des Lukas und das Prophetenwort.[15] Da Jesaja als der Prophet gilt, der auf Jesus Christus den Messias vorausdeutet, bezieht sich seine Allegorie auch auf die Menschen, die Jesus begegnen. Die Tiere stehen an der Krippe für die Völker, die den Messias erkennen. Ochs und Esel sind die verlässlichen Haustiere, die intuitiv wissen, wo ihr Herr ist. Israel scheint Jesaja zufolge dieses natürliche Wissen verloren zu haben, obwohl es sogar von Gott wie sein eigenes Kind großgezogen worden sei (Jesaja 1,2). Ein weiteres Prophetenwort, Habakuk 3,2, bezieht sich ebenfalls auf das intuitive Wissen der Tiere: „Inmitten zweier Tiere (Lebewesen) wirst du ihn erkennen.“ Die wenig bekannte Prophezeiung ist nicht in der hebräischen Bibel, sondern nur in der Septuaginta und ihren Übersetzungen wie der Vetus Latina überliefert.[16]

Als erster Kirchenschriftsteller hat Origenes (185–254) einen theologischen Zusammenhang zwischen der Jesajastelle und der Geburtsgeschichte im Lukasevangelium gesehen.[17] In seiner 13. Homilie zu Lukas legte er das Prophetenwort aus: „Die Hirten fanden Jesus in der Krippe liegen. So hatte bereits der Prophet geweissagt: Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.“ Origenes leitete daraus eine allegorische Deutung ab, die spätere Interpreten übernahmen: „Der Ochse ist ein reines Tier, der Esel dagegen ein unreines; der Ochs versinnbildet das Volk der Juden, der Esel das Volk der Heiden. Nicht das Volk Israel erkennt seinen Herrn, sondern das unreine Tier, nämlich die Heiden.“[18] Das Pseudo- Matthäusevangelium ist der vorläufige Endpunkt der frühkirchlichen „Krippendiskussion“.[19] Der apokryphe Text spielt auf das Jesaja- und Habakukzitat an, kombiniert beide Textstellen mit der Geburtsszene und legt großen Wert auf die Anbetung der Tiere: „Am dritten Tage  nach der Geburt unseres Herrn Jesus Christus trat die seligste Maria aus der Höhle und ging in einen Stall hinein und legte ihren Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da erfüllte sich, was vom Propheten Jesaja verkündet worden ist, der sagt: ‚Der Ochse kennt seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herrn.‘ So beteten sogar die Tiere, Ochs und Esel, ihn ständig an, während sie ihn zwischen sich hatten. Da erfüllte sich, was durch den Propheten Habakuk verkündet ist: ‚Inmitten zweier Tiere wirst du ihn erkennen.‘“[20] Mit dieser Zusammenstellung schuf das apokryphe Matthäusevangelium den theologischen Unterbau für eine Tradition, die bis heute gepflegt wird.

Der literarische Weg, der zu dieser Tradition geführt hat, gibt also eine Antwort auf die Frage, weshalb Ochs und Esel an der Krippe stehen. Doch bleiben Fragen. War Origenes tatsächlich der erste, der die Verbindung zwischen der lukanischen Geburtsgeschichte und den beiden Stellen im Alten Testament gezogen hat? Oder verschriftlichte er eine Diskussion, die gebildete Christen im 3. Jahrhundert bereits geführt haben und die sich möglicherweise in der Bildsprache der Katakomben niedergeschlagen hat? Denn in dieser Zeit entstanden christliche Motive, die sich insbesondere des Alten Testaments bedienten. Da man sich von Geburtsdarstellungen heidnischer Götter unbedingt distanzieren musste, wahrte man mit Ochs und Esel den originellsten und nachhaltigsten Abstand. Allerdings bestand die Gefahr, dass der Betrachter das Tierbild gar nicht als christlich identifizierte, was in Zeiten der Christenverfolgungen vielleicht auch ein willkommener Schutz war.

Ochs und Esel beschützen also heute noch zu Recht das Jesuskind in der Krippe und müssten wegen ihrer Klugheit sogar ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt werden. Liebhaber des tierischen Duos irrten und irren jedenfalls nicht, wenn sie sich an ihm besonders erfreuen.

[1] M. Rüdiger, Krippe, in: LThk 6 (2006), 482–483.
[2] P. Riede, Im Spiegel der Tiere. Studien zum Verhältnis von Mensch und Tier im alten Israel, Freiburg (Schweiz) 2002, 221–224.
[3] L. Kötzsche-Breitenbruch, Geburt III (ikonographisch) B. Christlich, in: RAC 9 (1976), 196–216, hier 197.
[4] C. Nauerth, Maria I (Mutter Jesu); Ikonographie, in: RAC 24 (2012), 100–121, hier 103.
[5] Kötzsche-Breitenbruch, Geburt III, 199.
[6] Der oströmische Bildtypus der Geburt Christi rückt dagegen die Gottesmutter mehr in den Mittelpunkt; vgl. dazu Kötzsch-Breitenbruch, ebd., 211.
[7] Nauerth, ebd., 102f.
[8] Vgl. H. / M. Schmidt, „Ochs und Esel“, in: Die vergessene Bildersprache christlicher Kunst. Ein Führer zum Verständnis der Tier-, Engel- und Mariensymbolik, München 19894, 86–93, hier 93.
[9] J. Ziegler, Ochs und Esel an der Krippe. Biblisch-patristische Erwägungen zu Is 1,3 und Hab 3,2 (LXX), in: Münchener Zeitschrift 3 (1952/4), 385-402.
[10] Riede, ebd., 220f.; I. S. Gilhus, Animals in Late Antiquity and Early Christianity, in: The Oxford Handbook of Animals in Classical Thought and Life, G. L. Campbell (Hrsg.), Oxford 2014, 355–364, hier 363f.
[11] S. Schroer, Die Tiere in der Bibel. Eine kulturgeschichtliche Reise, Freiburg 2010,10–12.
[12] Riede, ebd. 233.
[13] B. Leicht, „Frag die Tiere, sie lehren dich“, in: Welt und Umwelt der Bibel 3 (2017), 9–11.
[14] Ziegler, ebd., 392.
[15] Ziegler, ebd., 385–402.
[16] Vgl. zur Diskussion Ziegler, ebd., 385. Die Übersetzung „Tiere“ (In medio duorum animalium cognosceris) ist zudem umstritten; vgl., ebd., 395.
[17] Vgl. H. / M. Schmidt, ebd., 91.
[18] Zitiert nach Ziegler, ebd., 391 (Origenes, in Luc. Hom XIII = GCS, Orig. IX, S. 93f.); vgl. zu den frühchristlichen Theologen, die Jesaja 1,2 und die lukanische Geburtsgeschichte in einem Zusammenhang sehen, Ziegler, ebd. 390– 402.
[19] Die Datierung des Pseudo-Matthäusevangeliums ist unsicher. Sie schwankt zwischen dem 6.–9. Jahrhundert; vgl. H. / M. Schmidt, ebd., 91; E. Hennecke / W. Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Bd. 1 Evangelien,Tübingen 1959³, 303
[20] Zitiert nach Hennecke  / Schneemelcher, ebd., 306.

 

 
 
 
Judith Rosen ist Dozentin für Alte Geschichte an der Universität Bonn.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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