Weder heilig, noch römisch, noch ein Reich? Über das Alte Reich, das französische Empire, die Bundesrepublik und Frankreich en marche

 

CHAPOUTOT: Wir Franzosen mit unserer Tradition des Zentralismus amüsieren uns ja gerne über das Alte Reich. Voltaire machte sich über die merkwürdigen deutschen Staaten lustig, „die man in einer halben Stunde zu Fuß umrunden kann“. War das Reich ein Anachronismus, oder hatte es einen historischen Sinn?

WHALEY: Die witzige Bemerkung von Voltaire, das Heilige Römische Reich sei in Wirklichkeit weder heilig, noch Römisch, noch ein Reich, ist auch in Großbritannien geläufig. Ja, tatsächlich ist bei Vielen dies das einzige, was sie von dieser vormodernen deutschen Monarchie wissen, und sie meinen damit das Thema erledigen zu können. Ich bin im Laufe meine Forschungskarriere immer wieder mit diesem ‚Witz‘ konfrontiert worden und musste immer wieder mein Interesse an dieser angeblich nutzlosen Einrichtung rechtfertigen.

Sehr wenige wissen allerdings, dass Voltaire mit diesem Spruch kein Pauschalurteil fällte, sondern nur einen ganz bestimmten Zeitpunkt in der Geschichte des Reichs deuten wollte – nämlich die Zeit im frühen 14. Jahrhundert, in der Kaiser Karl IV. sich von der Rom- und Italienpolitik seiner Vorgänger verabschiedete, um sich auf sein Königreich Böhmen und das deutsche Reich zu konzentrieren. Vielmehr hatte Voltaire, wie viele französische Beobachter der zweiten Hälfte des 17. und ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, durchaus eine recht positive Meinung vom Reich. Im Unterschied zu Frankreich, glaubte er, sei es eine gemäßigte Monarchie gewesen, in der Freiheiten respektiert würden, einer Republik oder einer freien Föderation ähnlich - im Gegensatz zu der oft harschen Monarchie der Franzosen.

Wie kam es dazu, dass man diese positiven Urteile fast vergessen hat? Das lag größtenteils an der Tatsache, dass die deutschen Historiker seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Geschichte des ersten Reichs schwarz gemalt haben. In der Zeit der liberalen Nationalbewegung und der Formierung des zweiten deutschen Reichs unter preußischer Führung wollte man vom ersten nichts mehr wissen. Es wurde als hoffnungslos zersplittertes Gemeinwesen gezeichnet, das niemals nationale Züge entwickelt habe. Von einer effektiven Reichsleitung konnte ja auch tatsächlich keine Rede sein: Der „erbliche Unverstand des Hauses Habsburg“, wie Treitschke formulierte, ließ das Reich verderben, religiös gespalten, ab 1648 von fremden Mächten dominiert und ausgenutzt, nicht in der Lage, die neuen Antriebe der Reformation und des Aufstiegs des Hauses Hohenzollern in der Zeit nach 1648 zu nutzen.

So siechte das alte Reich angeblich langsam vor sich hin, bis es endlich „sang- und klanglos“, wie man gerne sagte, Anfang des 19. Jahrhunderts kläglich zusammenbrach. Erst damit sei der Weg frei gewesen für die nationale Entwicklung des deutschen Volks.

Diese Meistererzählung dominierte das wissenschaftliche wie das populäre Geschichtsbild bis nach 1945. Die Außenwahrnehmung der angelsächsischen und französischen Forschung war nicht anders. Ja, hier wurde das düstere Bild nochmal intensiviert, indem man Luther, das hoffnungslose Reich und die Hohenzollern - speziell den Großen Kurfürsten und Friedrich II. - mitverantwortlich für die „deutsche Katastrophe“ im 20. Jahrhundert erklärte. Auch in Deutschland wurden solche Einschätzungen Bestandteile der These vom vermeintlichen Sonderweg der deutschen Geschichte.

Viele Elemente dieser negativen Gechichtserzählung kann man heute noch in der populären Literatur und im ‚Allgemeinwissen‘ der Laien finden, und auch nicht zuletzt in den Bemerkungen vieler Historiker der Neuzeit zur Geschichte der vormodernen Zeit. Die mediävistische und frühneuzeitliche Forschung hat allerdings längst ganz andere Perspektiven entwickelt.

Das Reich nicht als gescheiterten Nationalstaat der Deutschen zu betrachten, wäre einfach anachronistisch. Es war vor allem ein historisches Gebilde, das über tausend Jahre mehrere Phasen durchlief. Es war zugleich Königreich und Kaiserreich. Seinen Ursprung hatte es als östlicher Teil des Karolingerreichs, dann transformierte es zum ostfränkischen Königreich. Im 10. Jahrhundert, nach dem Erlöschen der Karolingerdynastie, entwickelte es sich zur Wahlmonarchie, der Schwerpunkt lag nun in Sachsen, obwohl die Krönung zum Kaiser nur in Rom zu erreichen war.

In der Folge verwickelte die Beziehung zum Papst und zur Kirche die Monarchie in immer größere Konflikte und beflügelte Versuche, das italienische Königreich und damit die Kirche zu unterwerfen. Spätestens Mitte des 13. Jahrhunderts ist das mit dem Ende der Hohenstaufer gescheitert. Danach haben immer wieder deutsche Kaiser versucht, ihren kirchlichen Pflichten gerecht zu werden, aber das italienische Königreich verkam langsam zu einer losen Ansammlung norditalienischer Lehnsherrschaften. Das Reich selbst aber hielt zusammen, getragen von dem gemeinsamen Interesse der deutschen Fürsten und der sich entwickelnden freien Städte. Lange vermied man die Wahl von starken Herrschern, aber allmählich konkurrierten drei Familien um die Kaiserkrone, bis schließlich die Habsburger sich endgültig durchsetzten.

Der Versuch des dritten Kaisers dieser Reihe – Maximilian I. – das Reich um 1500 für seine dynastischen Interessen einzuspannen, stieß auf den Widerstand der Fürsten „deutscher Nation“. Ihre zähe Verteidigung der ‚teutschen Libertät‘ bestimmte dann die Verfassungsentwicklung des Reichs bis zu seinem Ende. Sie überwanden die konfessionelle Spaltung in der Folge der Reformation; die Versuche Karls V. und Ferdinands II., eine monarchische Herrschaft im Reich zu behaupten, wiesen sie zurück. Im Westfälischen Frieden 1648 wurde die deutsche Freiheit wieder bestätigt und der konfessionelle Gegensatz dauerhaft entschärft. Am Ende ging das Reich nicht an der Gleichgültigkeit seiner Mitglieder zugrunde, sondern brach unter dem unwiderstehlichen Druck der französischen Armeen zusammen und unter dem Willen Napoleons, das Reich endgültig von der Karte Europas zu räumen.

Das Reich war anders, insbesondere als dezentralisierte Wahlmonarchie im Vergleich zu den zentralisierten Erbmonarchien Frankreich und England, aber es war zu keiner Zeit ein Anachronismus. In seinen verschiedenen Phasen war es eigentlich immer zeitgemäß. Über tausend Jahre hat es die deutsche Geschichte tief und dauerhaft geprägt.

Was blieb? Ich würde sagen: ein deutsches Nationalbewusstsein und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, die Tradition der Rechtstaatlichkeit und der Freiheit, das föderale Denken und Handeln, die Sprache und die Kultur nicht nur erst der ,klassischen‘ oder Goethezeit, und noch vieles mehr. Aber wie sehen Sie das, Herr Chapoutot?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

CHAPOUTOT: Die Witze von Voltaire fassen hierzulande das Wesen des Reiches zusammen. Das Heilige römische Reich deutscher Nation war ja ein Feind des neuen Kontinentalreiches der Franzosen, des Empire, 1804 von Napoleon gegründet.

Und das Reich wollte auch die Rechtsnachfolge des römischen Reiches sein für Franzosen ganz und gar unannehmbar: das Erbe Roms war zum Teil in Rom beheimatet, in der katholischen Kirche, aber vor allem in Frankreich, wo der König ab dem 13. Jahrhundert imperator in regno suo sein wollte. Hinzu kommt, dass Könige Frankreichs sich für die Würde des Kaisers beworben haben, wie etwas François der Erste und, später, aber insgeheim, der Sonnenkönig, und dass es ihnen klargemacht wurde, dass sie den Thron niemals besteigen würden. Da die Krone unerreichbar blieb, blieb nur noch der Spott übrig, der im Reich nichts als das pufendorfsche Monstrum sehen wollte. Das Reich wurde zudem als das genaue Gegenteil zum Königreich Frankreich betrachtet: gespalten, ohne feste zentrale Gewalt ... Ich persönlich finde die Zeit des immerwährenden Reichstags in Regensburg, in der man nach dem Dreißigjährigen Krieg gemeinsam die möglichen Ursachen eines künftigen drohenden Krieges zu schlichten versuchte, überaus interessant – eine Art Völkerbund oder UNO - oder eine frühneuzeitliche EU.

In Frankreich verstand man von diesem Gebilde nichts, und man sah im Reich nach 1648 nichts als Kleinstaaterei und „Germanenzank“: „C’est une querelle d’Allemands“ wurde in Frankreich zum geflügelten Wort nach 1648, und bezeichnete einen Streit ohne Gnade, von dem niemand, nicht einmal die Streitenden, etwas verstanden... Wohlgemerkt: man sprach von der politischen und religiösen Spaltung des Reiches, und nicht von den Verhandlungen zwischen hypothetischen Koalitionspartnern in Berlin...

Dann kam Napoleon... Von dem berühmten Wort Nipperdeys, dass am Anfang Deutschlands Napoleon war, wissen die Franzosen nichts. Napoleon hat so viel geleitet hierzulande, und er verkörpert ein Epos sondergleichen, dass man nicht weiss oder merkt, dass der große Korse eine bedeutende Rolle für Deutschland gespielt hat, indem er die nationale Idee importiert hat (was nur zum Teil stimmt) und die Deutschen gegen einen gemeinsamen Feind vereinigt hätte (was zum Teil richtig ist).

Die Franzosen wissen kaum etwas von dem Traum und Trauma, die Napoleon für die Deutschen verkörperten. Sie haben vergessen, dass die ersten Besatzungen in Deutschland stattgefunden haben, und dass französische Soldaten - 1688, und dann ab 1792 - in deutschen Gebieten gewütet haben. Dann erst kamen deutsche Besatzungen in Frankreich: 1814, 1870 und 1940: jeder fühlte sich angegriffen, beide Seiten betrachteten sich als das Opfer des jeweils anderen Reiches...

In der Dialektik der Nationen und der Nationalgefühle sind Franzosen und Deutsche Meister in der Kunst der Selbstbemitleidung gewesen – und seit Anfang des 20. Jahrhunderts betrachten alle - dies- und jenseits des Rheins - die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse des Nachbarn teils mit Bewunderung, und teils mit Schadenfreude.

Die Schadenfreude hat das Lager gewechselt. Bis 2017 wurde Frankreich als der kranke Mann Europas betrachtet. Nach einer Reihe von Pannen (DB, Flughafen in Berlin...) und Skandalen (VW, Dieselskandal…), und im Lichte der schwierigen Lage auf Bundesebene nach den Wahlen 2017 steht Deutschland ganz anders dar.

Ihr Landsmann, Monsieur Whaley, der Politiker Stephen Green, konstatierte in seinem Buch „Dear Germany“, dass Deutschland jetzt, wo Großbritannien ‚draußen‘ ist und Frankreich schwächelt, „auf die europäische Kommandobrücke“ gehöre. Tatsächlich aber gelingt es den Deutschen überraschenderweise über Monate nicht, eine neue Regierung zu bilden, während Frankreich mit einem dynamischen Präsidenten in die Zukunft aufbricht. Wie sieht das der britische Beobachter?

 

WHALEY: Das hat Stephen Green schon 2014 geschrieben. Seitdem hat sich sehr viel in der Welt, in Europa und in Deutschland geändert. Man denke da nur an die neuen Verhältnisse in den USA, die neue aggressive Politik von Russland und die Selbstbehauptung Chinas in der Welt.

Der beschleunigte Wandel der letzten Jahre hält auch heute noch an, so dass jede Antwort auf Ihre Frage nur provisorisch sein kann.

In der EU stehen nicht nur der Brexit, sondern auch die noch ungelösten Probleme der europäischen Flüchtlingspolitik zur Diskussion, die Formierung eines oppositionellen Blocks mit Ungarn und Polen als Mittelpunkte, der Wandel in der Österreichischen Politik und der neuer Anspruch Frankreichs unter Macron auf eine Reform der EU.

In Deutschland ist die Politik durch das Erstarken der AfD verunsichert worden aber auch – wie übrigens überall in der westlichen Welt – durch das Unvermögen der etablierten Parteien, eine adäquate Antwort auf die gegenwärtigen Herausforderungen in der Innen- und Außenpolitik zu finden. Vor allem in der Schwierigkeit der Koalitionsbildung seit der letzten Bundestagswahl kündigt sich das Ende der Ära Merkel an. Deutschland – und Europa – verlieren damit die dominierende Politikerin der letzten fünfzehn Jahre!

Was Großbritannien betrifft, da herrscht auch große Unsicherheit - und in vielen Teilen der Gesellschaft wachsen die Ängste. Die britischen Wähler haben sich entschieden, die EU zu verlassen. Auch wenn die Mehrheit knapp war, wird das nicht in näherer Zukunft zu ändern sein. Frau May ist schwach, und der kritischen Situation vielleicht auch gar nicht gewachsen.

Sie behauptet zwar immer wieder „Brexit heißt Brexit”, hat im Grunde aber keine Ahnung, was dies alles beinhaltet. Mal liest man, dass wir Mitglieder der ‚Pacific Union‘ werden sollen (ein Blick auf die Weltkarte wird empfohlen! Großbritannien wird vermutlich weiterhin zwischen Nordsee und Atlantik verbleiben ...), mal liest man, dass wir eine neue Zollunion mit der EU vereinbaren werden, mit allen Vorteilen unserer vormaligen EU-Mitgliedschaft, aber ohne Unkosten und ohne Aufsicht irgendwelcher EU-Gerichte oder sonstiger EU-Instanzen. Wie viele andere Vorschläge der May-Regierung scheinen beide an Wahnvorstellungen zu grenzen.

So oder so, die britischen Wähler werden enttäuscht werden, denn versprochen wurden u.a. Arbeitsplätze und Wohlstand, Geld für das Gesundheitswesen, Teilhabe und die Macht über das eigene Schicksal – also blühende Landschaften und ein ganz neues Lebensgefühl. Es ist kein Wunder, dass die Brexitbefürworter Angst vor dem Versagen haben – nur: das Versagen ist unvermeidlich. Boris Johnson behauptete in einer Rede anlässlich der letzten Parlamentswahl: „Wenn sie die Torys (Konservativen) wählen, wird ihre Frau größere Brüste bekommen und sie werden eine bessere Chance haben, einen BMW M3 zu besitzen”. Wer so unseriös Politik betreibt, kann nicht ernst genommen werden – bleibt aber weiterhin trotzdem der amtierende britische Außenminister.

Der Brexit ist sicher auch für die EU ein Problem, aber nicht ein so großes, wie die britischen Brexitbefürworter behaupten. Viel schwieriger ist die wachsende Ost-West-Kluft in der EU und die damit verbundenen noch ungelösten Probleme der Flüchtlings- und Finanzpolitik. Kann Macron wirklich führen? Er muss sich zunächst in Frankreich selbst behaupten.

Zudem war Macrons Vorstoß in der EU-Politik als Wiederbelebung des deutsch-französischen Tandems gedacht. Geht das wirklich ohne Merkel? Es sieht im Moment nicht so aus, als würde bald ein deutscher Macron erscheinen – und auch diese oder dieser müsste sich zunächst in Deutschland behaupten.

So oder so wird Deutschland sich aber zumindest mit anderen Staaten zusammen auf der „europäischen Kommandobrücke” befinden. Manche haben Angst davor – Frau Thatcher warnte sogar vor einem „vierten deutschen Reich“ – aber ich teile diese Sorgen nicht. Deutschland ist das wohlhabendste Land in der EU, das erfahrenste Land in Sachen EU, das europäischste Land der EU.

Ich bin zuversichtlich, dass eine neue deutsche Regierung die politische Mitte wiederbesetzen wird. Was dann kommt, hängt nicht nur von Deutschland und der deutschen Politik ab, sondern auch von der Konjunktur. So ist es ein gutes Zeichen, dass die EU-Wirtschaft seit einiger Zeit wieder wächst. Wenn wir aber wirklich, wie der angesehene Britische Investmentsfonds-Manager Jeremy Grantham meint, auf einen neuen Crash zusteuern, viel schlimmer als 2008, dann wird sich sowieso alles ganz anders entwickeln.

Vorausgesetzt aber, dass wir keinen katastrophalen Zusammenbruch erleben, müssen die Probleme der Gegenwart bewältigt werden. Wichtig ist, dass man die „German Angst“ nicht überhandnehmen lässt. Die Wurzeln der Demokratie in Deutschland sind fest. Sie sind verankert nicht nur in der nun fast siebzigjährigen Geschichte der Bundesrepublik, sondern auch in der „longue durée“ der deutschen Geschichte. Wenn Deutschland die Probleme der Gegenwart nicht meistern kann, dann wird dies auch kein anderes Land können. Von Einem bin ich auf jeden Fall fest überzeugt: ohne Deutschland kann es kein Europa geben.

 

CHAPOUTOT: In der Tat. Aber von welchem Deutschland sprechen wir? Die heiliggesprochenen „Reformen“ des Arbeitsmarktes und eine strenge, ordoliberale Währungspolitik sind vielleicht nicht das Allheilmittel... Interessant war, dass man in der Debatte vor den Bundestagswahlen in Deutschland, wo die Presse von hoher Qualität und der politische Diskurs immer sehr intelligent ist (von der AfD abgesehen), sehr viel von den vielen sozialen und wirtschaftlichen Problemen der „Schwarzen Null“ und der Hartz-Reformen gesprochen hat. Als ich die FAZ las, hatte ich den Eindruck, dass plötzlich Oskar Lafontaine oder Jean-Luc Melenchon die Schriftleitung übernommen hatten!

Genau diese Kraft und diese Qualität der politischen Debatte brauchen wir überall in Europa. Deutschland soll nicht für seinen Arbeitsmarkt, die vermeintliche Stabilität seiner Finanzen oder dergleichen bewundert werden, sondern dafür, dass dieses Land eine lebendige und wunderbare Demokratie hat. In meiner kleinen Geschichte Deutschlands seit 1806 habe ich mich sehr mit dem sogenannten Sonderweg auseinandersetzen müssen. Aber was ist der Deutschen Weg? Die Linie, die von der Schlacht in Jena über Leipzig und Sedan zu Barbarossa führt? Oder ein Weg, der Königsberg (Kant), Frankfurt (1848), Weimar (1919) und Bonn-Karlsruhe-Berlin verbindet? Ich wäre geneigt, den zweiten zu wählen. Es ist eine Frage der Generation  ich bin ein Europäer, ich habe deutsch in der Schule gelernt und den Vertrag von Maastricht miterlebt. Als ehemaliger Erasmus-Student kenne ich nur dieses eine Deutschland, das Land der Grundrechte und des Verfassungspatriotismus. Deutschland verdient mehr und Bessers als etwa Schröder-Hartz-Schäuble: mir sind Habermas, Böll und Grass viel, viel lieber. Die einen stottern einen Katechismus, der von anderen erdacht wurden. Die anderen haben eine Stimme und knüpfen an deutsche Traditionen des Rechts, des Rechtstaates und des Weltbürgertums an. Das Deutschland der Pickelhauben und, später, der Finanzmanager, d.h. der Rechthaberei, des Hochmuts und der ständigen Drohungen mit allerlei Strafen, interessiert mich nicht. Neulich habe ich zum 100. Mal das Haus Goethes am Frauenplan in Weimar, besucht. Die Wallfahrt gönne ich mir regelmäßig seit ich 15 bin. Das „Heimgefühl“ ist unwiderstehlich und wohltuend, und es klingen immer wieder die hehren Worte: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich es sein“.

 

 

 

Joachim Whaley, geb. 1954, ist Mitglied der Royal Historical Society, Fellow der British Academy und Professor of German History and Thought an der Universität Cambridge, wo er deutsche Geschichte und Kultur nach 1500 am Gonville and Caius College lehrt.

 

 

 

Univ.-Prof. Dr. Johann Chapoutot, geb. 1978, studierte Geschichte, Germanistik und Jura in Paris und Berlin und promovierte an der Université Paris I Panthéon Sorbonne und der TU Berlin. Er ist seit 2016 Professor an der Universität Paris-Sorbonne. Chapoutot ist Zeithistoriker und forscht multidisziplinär auf dem Gebiet der politischen und kulturellen Geschichte, mit Schwerpunkt Deutschland und europäischer Moderne. 2015 erhielt er für sein Buch ›Das Gesetz des Blutes‹ den ›Yad Vashem Book Prize for Holocaust Studies‹.

 

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