Wird das Denken der Zeit vor 75 Jahren wieder salonfähig?

"Überfremdung" war einer der Begriffe, die in diesem Wahlkampf gefallen sind und eigentlich nicht hätten fallen dürfen. 1929 wurde "Überfremdung" erstmals in den Duden aufgenommen und bereits 1933 von Sprachwissenschaftlern kritisch beurteilt.1933 sprach Joseph Goebbels von der „Überfremdung des deutschen Geisteslebens“, gemeint war: „durch das Judentum“. Und 2017 spricht der Geschichtslehrer und AfD-Politiker Björn Höcke in seinen brandgefährlichen Reden wiederholt von „Überfremdung“.

Nazi-Vergleiche fallen in der Regel auf den zurück, der sie gebraucht. Das Spiel mit Nazi-Vergleichen soll man in jedem Fall vermeiden. Nur ist dies hier kein ‚Spiel‘ mit Vergleichen! Vielmehr handelt es sich bei der AfD um eine Partei, die ganz bewusst, mit Kalkül und somit mit Vorsatz mit dem Gedankengut, mit der Rhetorik und mit den konkreten Ausdrücken des rechtesten Randes der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus operiert: Neben „Überfremdung“ war „Volksverräter“ ein zentraler Kampfbegriff der Ideologie der Nationalsozialisten. Unter dem Vorwurf des „Volksverrats“ schickte Roland Freisler bis 1945 Menschen in den Tod. Ähnlich verhält es sich mit dem Wort „Lügenpresse“, das um 1940 seine Hochkonjunktur erlebte. Dahinter standen laut Gesellschaft für deutsche Sprache immer völkische und nationalistische Anliegen, die die staatlich gelenkte „Lügenpresse“ angeblich zu verschleiern versuchte. Die Liste der nun bald im deutschen Parlament zu hörenden Unworte ließe sich fortsetzen.

Ganz gezielt testet eine Partei hier aus, wie weit sie das Denken der Zeit vor 75 Jahren wieder salonfähig machen kann. Sie tut dies nicht aus Unwissenheit, sondern sehenden Auges, und betont dies auch selbst, wie Frauke Petry erklärt: „Wenn es eine Partei gibt, die sich mit Geschichte auseinandersetzt, dann ist es die AfD. Ich sperre mich dagegen, Wörter zu Unwörtern zu erklären. Mir ist völlig bewusst, dass Wörter Konnotationen haben. Konnotationen können sich ändern, und Konnotationen von vornherein politisch zu belegen, halte ich für falsch.“ So soll nach Petry auch „völkisch“ wieder positiv gesehen werden: „Was ist denn speziell an dem Begriff ‚völkisch‘, wenn er damit zu tun hat, dass es um das Volk geht, was ist daran per se negativ?“

Wenn die Kernaussage Alexander Gaulands zur künftigen Arbeit im Deutschen Bundestag ist ‚Wir treiben die Regierung vor uns her‘, wenn das Programm lautet ‚Wir holen uns unser Deutsches Volk und unsere deutsche Nation zurück‘, dann kann einen nur das Grausen überkommen. Diese dumpfe, kraftstrotzende Rhetorik am Wahlabend war nur möglich, weil jeder siebte Deutsche für diese Partei votiert hat. Unweigerlich muss man, egal in welchem Dialekt, an Max Liebermann denken: „Ick kann jar nich soville fressen, wie ick kotzen möchte.“

Die Redaktion des Blogs „Nachgehakt“ wird mit ihren bescheidenen Möglichkeiten, aber nach Kräften daran arbeiten, dass nicht 'Fake News' den Diskurs bestimmen, sondern historische Zusammenhänge in Erinnerung bleiben und historische Fakten zu ihrem Recht kommen.

 

Daniel Zimmermann ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

  • Bedenkenswerte Argumente

    Bisher war ja nicht so viel Diskussion auf dem Blog. Das soll nicht so bleiben, und so will ich gern den Auftakt machen mit einer Reaktion auf Daniel Zimmermanns Beitrag, der viele bedenkenswerte Argumente anführt. In der Tat haarsträubend ist der Versuch, völkische Rhetorik in deutschen Landen wieder salonfähig zu machen. Ich glaube allerdings nicht, dass die AfD deswegen am 24. September satte 12,6 Prozent hat einfahren können. Vielmehr ist das trotzdem passiert. Warum? Meiner Ansicht nach gibt es dafür zwei Hauptgründe: Erstens hat der Linksschwenkt der Union unter Merkel rechts viel Platz gelassen. So genial die Sozialdemokratisierung der CDU unter politikstrategischen Gesichtspunkten war, er hat viele Konservative heimatlos gemacht. Ein Teil von ihnen hat den Wahl- zum Denkzettel gemacht und das Kreuz bei der AfD gemacht. Dass sie damit auch der "dumpfen, kraftstrotzenden Rhetorik" der AfD im Parlament eine Stimme geben, nehmen sie billigend in Kauf. Franz Josef Strauß' Satz, es dürfe rechts von der Union keine demokratisch legitimierte Partei geben, hat 2017 mehr Aktualität denn je. Besinnt sich die Union nicht auf ihre Stammklientel, dann wird Deutschland dem europäischen Trend folgen, der überall eine starke Rechte jenseits von Konservativen und Christdemokraten hat entstehen lassen. Der zweite Grund gemahnt nun tatsächlich an Weimar: Im Vergleich zu den 1990er und noch 2000er Jahren haben die etablierten Parteien des Verfassungsbogens nämlich dramatisch an Problemlösungskompetenz eingebüßt: Ob Euro-Krise, Migrationsdruck, Integration, BIldungsnotstand, Altersarmut, Wohnungsmangel in Ballungsgebieten, Infrastruktur: Kaum jemand traut einer politischen Klasse viel zu, deren Vertreter jegliche Bodenhaftung verloren haben und sich - siehe Schröder, von Klaeden, Guttenberg - von allenfalls elastischen ethischen Standards leiten lassen. Dass die Legitimität staatlicher Organe und ihrer gewählten Vertreter so dramatisch verfällt ausgerechnet in Zeiten, in denen alle wirtschaftlichen Indikatoren nach oben weisen, lässt nichts Gutes ahnen für die nächste Konjunkturdelle. Statt das Wahlvolk zu schelten, sollten sich die Akteure auf dem politischen Markt dringend überlegen, wie sie ihren Kunden wieder ein überzeugendes Angebot vorlegen können.

  • Zustimmung

    Sehr geehrter Herr Sommer,
    vielen Dank für Ihren Kommentar!
    Ihren beiden Punkten ist nur zuzustimmen. Allerdings fragen wir uns, wie hoch der Anteil derer ist, die die AfD nicht trotz ihrer grenzwertigen Rhetorik wählten, sondern gerade deswegen.
    Sicher hat nur ein Bruchteil der AfD-Wähler tatsächlich rechteste Gedanken. Aber wie vielen dieser Wähler die aggressive und durchaus fragwürdige Sprache imponierte, ist nur zu vermuten: Vielleicht wurde der eigentliche Inhalt billigend in Kauf genommen - Hauptsache man findet einen Antipol zu einer zurückhaltenden und europaaffinen Bundeskanzlerin. Apropos Kanzler: Sebastian Kurz ist ja auch ein durchaus umstrittener Akteur, den manches Medium als Messias des Konservativen sieht, während andere in ihm die von Ihnen erwähnte starke Rechte jenseits von Konservativen und Christdemokraten sehen – ungeachtet der eigentlichen Ausrichtung der ÖVP.
    Das Thema bleibt also höchst aktuell.
    In diesem Sinne: Vielen Dank für Ihre Worte!