Schulterzucken ist keine Option

Die zunehmende Präsenz und Öffentlichkeit rechter Verlage auf den Buchmessen stößt auf Gegenwind. Im letzten Jahr haben sich MitarbeiterInnen aus der Buchbranche zu #verlagegegenrechts zusammengeschlossen. Nun richten sich alle Augen auf die Leipziger Buchmesse.

 

Schlechte Planung, mangelnde Vorbereitung und erhitzte Gemüter ließen im letzten Jahr die Frankfurter Buchmesse eskalieren: Die starke Präsenz rechter Verlage sowie die nicht immer reibungslos ablaufenden Buchpräsentationen rechtspopulistischer Texte und AutorInnen wirkten auf Publikum und Beschäftigte in der Buchbranche einschüchternd. Was folgte, waren Schuldzuweisungen und Verharmlosungen, der Börsenverein sprach im Anschluss von gleichermaßen zu verurteilenden, im Umfang jedoch nur kleinen, linken und rechten Gewalttaten. Der Beharrlichkeit privater AkteurInnen, aber auch kleiner, unabhängiger Verlage ist es zu verdanken, dass die Messeleitung nicht um eine ausführliche Auswertung der Ereignisse umhinkam. Nun richten sich alle Augen nach Leipzig. Wird es weitere Eskalationen geben? Nicht weggeschaut und mehr als nur hingeschaut hat im letzten Jahr eine kleine Gruppe von VerlagsmitarbeiterInnen, die sich zu dem Bündnis #verlagegegenrechts zusammengeschlossen haben, mit dem Ziel, die rechte Hetze nicht länger hinzunehmen. Lisa Mangold, zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Hamburger Argument Verlag und Gründungsmitglied der Kampagne räsoniert mit uns Notwendigkeit, Entstehungsgeschichte und die Ziele dieses deutschlandweiten ersten Zusammenschlusses gegen rechte Verlage.

 

Nachgehakt: Ihr versteht euch als Aktionsbündnis gegen rassistisches, antifeministisches und homofeindliches Gedankengut in der Buchbranche. Gegründet habt ihr Euch in Reaktion auf die massive Präsenz rechter Verlage auf der Leipziger und auch auf der Frankfurter Buchmesse. Was genau gab den Anlass?

Lisa Mangold: Den Anlass dafür, dass wir beschlossen haben, uns als Initiative zusammenzufinden, war, dass wir alle überrascht davon waren, wie wenig Reaktionen auf die rechte Polemik und Gewalt es in Gesprächen mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Buchbranche gab. Es war praktisch mitzuerleben, wie sich die Stimmung auf den beiden Buchmessen änderte, radikalisierte, doch wir hatten keine Möglichkeit zu reagieren, vielen Verlagsmitarbeitern war das schlichtweg egal. Die Blindheit, das Schulterzucken, all das schockierte uns. Also war es uns wichtig, direkt in der Buchbranche anzusetzen, die dort Beschäftigten anzusprechen und sie dafür zu sensibilisieren, dass es ein Problem für uns alle ist, wenn die rechten Verlage die Messe als Ort ihrer Ideologieproduktion nutzen.

Nachgehakt: Bereits auf der Leipziger Buchmesse gab es 2017 rund um den Stand des verschwörungstheoretischen Compact-Magazins Unruhen. War es angesichts der aufgeheizten Stimmung nicht vorherzusehen, dass in Frankfurt nicht alles glatt ablaufen wird? Zumal der rechte Antaios Verlag bereits im Vorhinein angesichts des Beststeller-Skandals um das Buch „Finis Germania“ gehörig auf die Pauke gehauen hat.

Lisa Mangold: Das war vorherzusehen, genauso wie es abzusehen ist, dass die Frage nach dem richtigen Umgang mit Rechts – und auch ihre verschiedenen Austragungs- und Diskussionsmöglichkeiten – auch die diesjährigen Buchmessen aufmischen werden. Mich hat es folglich nicht überrascht, dass es dann in Frankfurt 2017 derart eskaliert ist. Für alle, die sich jemals auch nur ein bisschen mit rechten Inhalten beschäftigt haben, war das im Vorhinein klar. Mich hat vielmehr schockiert, dass die Veranstalter der Buchmesse selbst davon so überrascht waren. Und ja, vielleicht kann man sagen, dass es eine ganz neue Qualität von rechter Präsenz gab. Urplötzlich hatten wir es mit strategischen Einschüchterungen zu tun, Kader der Identitären Bewegung sind durch die Gänge marschiert. Dass der Stand eines rechten Verlags von der Messeleitung absichtlich direkt gegenüber der Bildungsstätte Anne Frank positioniert wurde, spricht dafür, dass es ein Bewusstsein, wenngleich ein falsches, für diese Problematik gab. Die Entscheidungen, die getroffen werden, müssen fundiert sein, es gibt schließlich eine Menge antifaschistischer Wissenschaftler, die sich seit Jahren damit beschäftigen. Warum werden die nicht ins Boot geholt? Wir brauchen keine Geduld, um das auszusitzen. Was wir brauchen sind Strategien, um gegen die rechten Akteure vorzugehen.

Nachgehakt: Diese Meinung scheint Anklang zu finden. Jedenfalls haben sich binnen kürzester Zeit über 45 Verlage, Initiativen und rund 100 Einzelpersonen dazu entschieden, euch finanziell oder ideell zu unterstützen. Die Crowdfunding-Kampagne, die ihr zu diesem Zweck durchgeführt habt, war ein voller Erfolg. Hat Euch das überrascht?

Lisa Mangold: Mittlerweile haben sogar schon 80 Verlage unseren Aufruf unterzeichnet, in dem wir die Buchmesseleitung dazu auffordern, einen Raum zu schaffen, in dem über rechte Hetze offen diskutiert werden kann. Es stimmt, dass unsere Kampagne eine große Resonanz erfahren hat. Wenn man sich die Unterzeichner, angefangen von agimos Verlag über Wagenbach bis hin zum Worms Verlag genauer anschaut, fällt aber auf, dass es vor allem unabhängige und kleine Verlage sind, die uns unterstützen. Diese Verlage haben oftmals selbst eine politische Gründungsgeschichte. Sie haben von Beginn an bis heute Kulturarbeit auch als politische Tätigkeit verstanden. Große, publikumswirksame Verlage haben dieses Gründungsethos vielleicht schon vergessen.

Nachgehakt: Bei aller Kritik, die ihr an den rechten Verlagen äußert, fordert ihr nicht deren Ausschluss von der Buchmesse.

Lisa Mangold: Das ist richtig. Wenn man derzeit auch nur in die Nähe des Wortes Ausschluss kommt, bricht sich eine Diskussion um Meinungsfreiheit und vermeintlich linker Zensur die Bahn. Diese Scheindebatte ist anstrengend und lenkt ab. Was wir fordern, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung. Wir wollen, dass sich ein Bewusstsein dafür entwickelt, was es bedeutet, wenn rechte Verlage und vor allem auch ihre Akteure auf diesen Großveranstaltungen anwesend sind und dadurch normalisiert werden. Wir möchten, dass die Buchbranche sich dieses Bewusstsein in einer Diskussion eröffnet, Schulterzucken ist keine Option. Und wir wollen mitreden dürfen. Es ist wirklich Zeit für eine inhaltliche politische Auseinandersetzung.

Nachgehakt: Wie soll diese Auseinandersetzung aussehen?

Lisa Mangold: Sie beginnt mit einer Selbstreflexion. Als Mitarbeiterin eines Verlags muss ich mich angesichts der Radikalisierung des publizistischen Geschäfts fragen: Ist der Verlag für den ich arbeite ein politischer Verlag? Unterstützt mein Verlag populistische Stimmungsmache? Im zweiten Schritt müssen wir darüber sprechen, wie wir mit Inhalten umgehen wollen, die im krassen Grundsatz zu einer offenen und toleranten Haltung stehen, die gegen die Presse hetzen, die Verschwörungsmythen verbreiten oder offen rassistisch, frauenverachtend und homofeindlich auftreten. Wir müssen darüber diskutieren, was es bedeutet, wenn Positionen vorgetragen werden, die gar keine Diskussionsbeiträge sind, sondern Hetze, in deren Windschatten Gewalttaten geschehen. Nochmal: Ein publizistisches Geschehen kann nicht unpolitisch sein. Das muss sich jeder bewusst werden.

Nachgehakt: Sensibilisierung, Politisierung, Bewusstsein schaffen. Um diesem Anliegen gerecht zu werden, bietet Ihr auf der Leipziger Buchmesse zahlreiche Veranstaltungen an. Gehört es nicht eigentlich auch zur Aufgabe der Messeleitung, ein politisches Rahmenprogramm aufzustellen?

Lisa Mangold: In der Tat bieten wir dreizehn Veranstaltungen auf dem Gelände der Messe, aber auch in der Leipziger Innenstadt an, in deren Rahmen wir uns unter anderem mit dem politischen Potenzial von Literatur beschäftigen und auch über die Neue Rechte informieren. Auch dezentral wird es Aktionen geben, die sich um den Kampf gegen rechte Ideologien und mögliche Alternativen dazu drehen. Kurzfristige Planungen werden wir bei Twitter über #verlagegegenrechts kommunizieren. Zudem verteilen wir Broschüren mit Büchern „gegen Rechts“, die von denjenigen Verlagen vorgestellt werden, die mit uns zusammenarbeiten. Es ist erfreulich, wie kooperationsbereit sich die Messeleitung im Nachhinein gezeigt hat. Sie lässt unsere Broschüren in einem großen Rahmen verteilen. Es wird eine gemeinsame Plakatkampagne mit dem Buchmessen-Motto „Die Gedanken sind bunt“ geben. Ich bin gespannt und kann nur hoffen, dass die Leitung dieses Motto dieses Jahr auch mit Inhalten füllen wird.

 

Zum offenen Brief der Initiative gelangen Sie hier:

https://verlagegegenrechts.com/2018/03/09/mehr-als-80-verlage-und-200-einzelpersonen-initiativen-unterzeichnen-statement-gegen-rechte-hetze-auf-der-leipziger-buchmesse/

 

Das Gespräch führte Miryam Schellbach, Mitarbeiterin im Lektorat Literaturwissenschaft und Philosophie bei der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft.

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