Zensur? Na klar! Aber nennen wir es lieber ‚Haltung‘

Es gibt gute Bücher, und es gibt schlechte Bücher. Vermutlich gibt es sehr viel mehr schlechte als gute Bücher. Statistik hilft einem da nicht weiter, aber der gesunde Menschenverstand lässt das vermuten. Einige schlechte Bücher verkaufen sich durchaus gut. Einige schlechte Bücher sind sogar auf den Bestsellerlisten der Republik zu finden.

Genuine Aufgabe von Verlagen sollte es sein, die guten Bücher zu finden und zu verbreiten. Aber machen wir uns nichts vor: Auch die besten Verlage haben schlechte Bücher veröffentlicht, aus Unvermögen, wegen mangelnder Zeit und Ressourcen, aus wirtschaftlichen Überlegungen … Über all das, über schlechte Bücher lohnt es sich aber eigentlich nicht zu sprechen.

Es gibt aber noch böse Bücher. Wir Deutsche haben damit viel Erfahrung. Bücher, die populistisch polarisieren wollen, die lustvoll zündeln, spalten und ausgrenzen wollen, die zu Gewalt aufrufen. Bücher, die offen nationalistisch und rechtsextrem sind.

Wie geht man mit solchen Büchern um? Soll man sie verbieten? Oder totschweigen? Soll man sie offensiv diskutieren und argumentativ bekämpfen? Oder aber soll man sie schulterzuckend akzeptieren, weil sie zur Pluralität einer Gesellschaft gehören, weil hier Meinungsfreiheit herrscht, und weil sie „ein Spiegel der Gesellschaft“ sind?

Für das Verbieten gibt es das Strafrecht, dass klare Regeln kennt und in sehr eng gesetzten Grenzen zum Tragen kommt. Aber das Strafrecht ersetzt keinen gesellschaftlichen Diskurs.

Wie man mit solchen Büchern umgehen soll, darüber wurde schon breit diskutiert als das Jahr 2016 näher rückte und damit das Auslaufen des Urheberrechtes an Adolf Hitlers wichtigster Veröffentlichung „Mein Kampf“. Das Urheberrecht an Hitlers Werken wurde von den amerikanischen Besatzungsbehörden ausgeübt und an das Finanzministerium des Freistaates Bayern übertragen. Der sorgte dafür, dass eine Publikation im Rahmen von 70 Jahren verboten blieb. 2016 aber lief das aus, und Zeitschriften annoncierten, Auszüge daraus am Kiosk verkaufen zu wollen und das Münchner Institut für Zeitgeschichte kündigte eine wissenschaftliche, kommentierte Ausgabe an

Eine solche Ausgabe von „Mein Kampf“ ist wichtig und richtig. Das Buch muss als zentrale Quelle zur unheilvollen, jüngeren deutschen Geschichte gelesen werden können, und es ist ein Spiegel für das Denken einer vergangenen Epoche. Wir haben diese Ausgabe umgehend den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft angeboten (und uns nur im Stillen geärgert, dass wir dieses Buch nicht selbst verlegt haben).

 

Wie aber verhält es sich mit den ‚bösen Büchern‘ der Jetztzeit? Wie geht man mit den Büchern um, die den Konsens einer rechsstaatlichen, freiheitlichen Grundordnung infrage stellen oder aufkündigen? Wie geht man mit Titeln wie „Deutschland schafft sich ab“, „Kontrollverlust“, mit „Finis Germania“ oder mit dem ‚Jahrbuch‘ „verheimlicht – vertuscht – vergessen“ des Kopp Verlages um, der sich auf abstruse Verschwörungstheorien spezialisiert hat?

Das Buch „verheimlicht – vertuscht – vergessen“ von Gerhard Wisnewski klärt uns darüber auf, dass Emmanuel Macron eine Marionette der Freimaurer sei und nur durch Wahlbetrug an die Macht kam. Und dass die meisten Autoabgase „absolut harmlos“ seien. Gut, dass es solche Aufklärung noch gibt, denn, so der Verlag in seiner Eigenwerbung: „Ob kritische Journalisten morgen noch Fragen stellen dürfen, ist ungewiss. Lesen Sie also Antworten, solange Sie noch dürfen.“

Das Buch hat es auf die Spiegel-Bestsellerliste geschafft (Stand 1. März 2018). Seit anderthalb Jahren zeigt die Wissenschaftliche Buchgesellschaft diese Bestsellerliste – wie auch die Bestenliste von Literarische Welt / WDR 5 / Neue Zürcher Zeitung / ORF-Radio Österreich 1 - auch für Ihre Mitglieder an und bietet Ihnen die dort gelisteten Bücher zum Kauf an. Eine Bestsellerliste sagt nichts aus über Qualität. Sie listet – ihr Name sagt es – schlicht auf, welche 20 Bücher sich momentan am besten verkaufen. Trotzdem ist die Frage erlaubt, ob alles auf einer Liste auftauchen muss.

Einen ähnlichen Fall gab es im vergangenen Jahr. Damals erschien auf der Spiegel Bestsellerliste „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle, erschienen im Antaios Verlag. Das Buch hatte es zuerst auf die Liste „Sachbücher des Monats“ geschafft, die es heute deshalb in dieser Form nicht mehr gibt. Nach heftigen Protesten entschloss sich der Spiegel zum Eingreifen und nahm den Titel von seiner Liste. Der Publizist und Literaturkritiker Jörg Magenau, der das Buch „Bestseller“ veröffentlichte, hält die Streichung des Sieferle-Titels von der Spiegel-Liste für falsch. Bucherfolge würden die Stimmung einer Ära reflektieren. Dies ist eine Haltung, die der historischen Rückschau angemessen ist und es gerechtfertigt, „Mein Kampf“ in einer kritischen Edition wieder zugänglich zu machen. Im aktuellen Diskurs aber dürfen solche Bücher nicht unwidersprochen hingenommen werden. Auseinandersetzen muss man sich mit ihnen, nicht aber sie bewerben und verkaufen.

Jetzt also erscheint auf der Spiegel-Liste „verheimlicht – vertuscht – vergessen“. Wir haben uns entschlossen, dieses Buch auf unserer Präsentation der Spiegel Bestsellerliste nicht anzuzeigen, es unseren Mitgliedern nicht zum Kauf anzubieten:

Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft hat, wie viele Traditionsverlage, dunkle bis tiefdunkle Flecken in ihrer Geschichte. Lange Jahre wurde sie von dem Rechtsextremisten und Alt-Nazi Ernst Anrich geleitet. Umso mehr ist sie heute ein Verlag mit Haltung. Sie will inhaltliche, sachliche, qualitative Auswahl vornehmen. Sie will beitragen zu Aufklärung, will Wissen vermitteln und sich beteiligen an einer freiheitlichen, rechtsstaatlichen Gesellschaft. Das heißt auch, die Auseinandersetzung mit bewusster Irreführung und Hetze, mit Ausgrenzung und Unterminierung unserer Gesellschaftsordnung aufzunehmen. Gespannt sind wir, welchen Wirbel rechte Verlage auf der kommenden Leipziger Buchmesse anzetteln werden – eine Herausforderung, die es aufzunehmen gilt.

 

 

Daniel Zimmermann lebt in Mainz und ist Geschichtslektor in den Verlagen der WBG-Gruppe Philipp von Zabern, Konrad Theiss und Wissenschaftliche Buchgesellschaft.

 

 

 

 

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  • richtig

    Eine Sammlung an Verschwörungstheorien die so oder ähnlich auch im Internet zu lesen sind ist kein Buch für die WBG. Solange das W für wissenschaftlich stehen bleibt.

  • Notwendiger, überfälliger Beitrag...

    Demokratie muss viel aushalten: Beschimpfung, Dummheit, Dreistigkeit – wenn es strafrechtlich relevant wird, ist das ein Fall für Polizei, Staatsanwaltschaft und Gerichte.
    Das freilich macht gesellschaftliche Debatten nicht überflüssig. Im Gegenteil. Streiten, Diskutieren, Engagieren - denn Demokratie ist kein Selbstläufer.
    Buchprodukte anti-demoratoscher Irrlichtern und geifernder Verschwörungstheoretiker aber muss man weder bewerben (wobei eine Verkaufsliste auf jede Form von Nicht-Nennung verzichten sollte ... - auch wenn es unappetitlich ist. ) Also: SPIEGEL-Verkaufsliste veröffentlichen (dokumentiert ja Wirklichkeit) – aber zum Verkauf anbieten, das muss nicht sein. Schon garnicht die WBG. Mit Zensur hat so etwas nichts zu tun, sondern mit Haltung.

  • Geben Sie Gedankenfreiheit, Sire!

    "Wissenschaftlich" kann durchaus auch für Bücher stehen, die einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung besonders dringend bedürfen; die wissenschaftlich kommentierte Ausgabe von "Mein Kampf" ist sicher eines der besten Beispiele dafür.
    Nichts befördert Verschwörungstheorien besser als der Eindruck, man wolle etwas vor den Menschen verstecken.
    Mit Selbstzensur liefert man den Verschwörungstheoretikern nur "Scheinbeweise".

  • Verfälschung der Bestsellerliste ist falsch

    "Wir haben uns entschlossen, dieses Buch auf unserer Präsentation der Spiegel Bestsellerliste nicht anzuzeigen, es unseren Mitgliedern nicht zum Kauf anzubieten"

    Die Verfälschung einer Bestsellerliste halte ich für falsch, ja sogar für "fake". Mit dieser Entscheidung rechtfertigen und befördern Sie so manche Verschwörungstheorie.
    Bücher aus der Bestsellerliste nicht anzubieten, halte ich dagegen für durchaus gerechtfertigt, ganz besonders für einen wissenschaftlichen Verlag.
    Sie sollten die Bestsellerliste unverfälscht veröffentlichen, aber mit einem entsprechenden "Nicht über uns zu bestellen" Hinweis versehen.

  • Gute Entscheidung - Bestseller notwendig?

    Gute Entscheidung - danke! Ob die WBG überhaupt die Spiegel-Bestsellerliste anbieten sollte, ist fraglich. Die Stärke der WBG liegt im selbstständigen Kuratieren.

  • Lob der Liste (jedenfalls der vollständigen)

    Lieber Daniel Zimmermann,
    wie immer das Verhältnis der guten zu den schlechten Büchern gewichtet sein mag, wie sehr das Gute und das Schlechte miteinander ringen, insgeheim verbindet unsere beiden Gruppen ja eines: Sowohl die eine wie auch die andere haben sich als erfolgreiche Spezies bewiesen. Schlechte Bücher gedeihen, gute Bücher gedeihen, beide werden sie wahrgenommen, gelesen und gedeutet. Und weil dieser Rezeptionsprozess sich mitnichten mit sich selbst begnügt, sondern seinerseits zum Schreiben drängt, entstehen noch mehr Bücher, noch mehr Texte. Das Gelesene provoziert das zu Schreibende, und das Ganze in einem geradezu irren, sich weiter beschleunigenden Kreislauf, der es allein in Deutschland auf die stolze Zahl von knapp einhunderttausend Büchern bringt - im Jahr. Das ist schön.
    Jedenfalls auf den ersten Blick. Denn wir, die Leser, kommen nicht mehr mit. Wir strecken die Waffen, genauer: Wir schließen die Augen. Wir lesen nicht mehr - jedenfalls nicht mehr als wir, die von gedrucktem Papier (und neuerdings auch seiner digitalen Variante) besessen sind, die wir nicht loskommen vom Tanz der Buchstaben auf der Seite, es seit jeher tun. Längst wissen wir, dass die Verheißung der unendlichen Bibliothek auch eine Last ist: Unsere Leben sind zu kurz, um es mit dem Komplettangebot aufzunehmen.
    Was tun wir? Wir reduzieren, ignorieren, sondern aus. Als Rezensent, der ich auch bin, kann ich Ihnen sagen, dass von all den Katalogen, die zweimal im Jahr in die Redaktionsstuben drängen, die Zahl der relevanten ausgesprochen sehr überschaubar ist. Es sind drei, vier Dutzend Verlage, die überhaupt in Frage kommen, studiert zu werden. Der Rest, das lehrt die jahrelange Erfahrung, ist die Mühe des Durchstöberns nicht wert - wenn auch unter Inkaufnahme des Risikos, ein gutes Buch zu übersehen. Aber die vielen im Laufe eines Rezensentenlebens über Katalogen verbrachten Stunden lassen dieses Risiko als durchaus vertretbar erscheinen.
    Trotzdem ist der Rezensent ein glücklicher Mensch: Er nähert sich, jedenfalls der Tendenz nach, dem, was die Aufklärung als höchste Form des Daseins pries: ein Leben in Freiheit und Verantwortung (jedenfalls kann man das für jene Stunden sagen, die er mit den Katalogen verbringt). Er weiß, warum er wie entscheidet, er weiß, warum er Manches aufgreift und Manches - das Meiste - eben nicht. Er weiß es, weil er das Angebot kennt.
    Genau dieses Prinzip, lieber Daniel Zimmermann, sehe ich in dem von Ihnen geschilderten Umgang mit der Spiegelbestellerliste in Frage gestellt. Sie begründen, warum Sie das derzeit auf dieser Liste befindliche Buch "Verheimlicht - vertuscht - vergessen" von Gerhard Wisnewski, erschienen im Knopp Verlag, nicht in Ihre Präsentation der Spiegel Bestsellerliste aufzunehmen. Das, lieber Herr Zimmermann, finde ich ausgesprochen bedenklich.
    Gewiss: Kein gutes Wort von mir zu diesem Buch. Sie haben ja einige der Thesen genannt, die der Autor aufgreift. Sie sind, wir sind uns ja völlig einig, krude. Sie passen, scheint mir, zu den übrigen Angeboten des Verlags. Halten wir uns damit nicht länger auf.
    Bedenklich finde ich aber, dass Sie sich auf eine Liste beziehen, aber nicht die ganze Liste. Das aber dürfte man doch erwarten! Sie beziehen sich ja nicht auf Ihre Lieblingsbücher (die ich gewiss auch gut fände, wir haben ja ästhetisch einen ganz ähnlichen Geschmack). Sie - und Ihre Kollegen von der WBG -beziehen sich auf eine Liste. Hätten Sie dankenswerterweise nun nicht Ihren offenen Brief geschrieben, hätten die Kunden der WBG in eben diese Liste einen unvollständigen Einblick erhalten. Ihnen wäre eine Information entgangen. Eine Informationen, die sie womöglich gern gehabt hätten, warum auch immer - es gibt die unterschiedlichsten Gründe, etwas zur Kenntnis zu nehmen, und sei es nur ("nur"?) die Kenntnis der Gegenwart.
    Sie aber, so scheint mir, unterschlagen Ihren Kunden etwas. Kann das aber Grundlage einer "sachliche(n), qualitative(n) Auswahl" sein, für die Sie in Ihrem Brief eintreten? Ich bin mir nicht ganz sicher.
    Dabei kann ich Ihr Motiv in Teilen verstehen. Nicht alles ist wert, erwähnt zu werden, nicht mit allem muss man sich gemein machen. Aber, finde ich, man muss es zur Kenntnis nehmen, jedenfalls dann, wenn man sich auf die Spiegel-Bestsellerliste bezieht. Tut man dies, sollte man sie ganz, nicht in Auszügen präsentieren. Tut man das, präsentiert man eine unvollständige Welt - so, wie man es aus guten Gründen bei Kindern tut. Nur: Hier geht es nicht um Kinder.
    Die Welt ist schön. Sie ist aber auch garstig. Sie ist betörend und erschreckend zugleich. Mir scheint, man sollte ihre beiden Teile zur Kenntnis nehmen, sollte zumindest die Möglichkeit dazu haben. Verweigert man diese Möglichkeit, nimmt den anderen nicht ernst. Man betreut das Denken, das Weltbild dieses Anderen. Wollen wir das, als Kunden Leser und Autoren einer wissenschaftlichen Buchgesellschaft? Mir jedenfalls ist nicht wohl dabei.
    Außerdem hänge ich dem Glauben an, dass die Dinge aus der Welt verschwinden, wenn man nur die Augen vor ihnen verschließt. Man unterschätze nicht die Hartnäckigkeit der Dinge, auch nicht der intellektuellen Dinge. Auch wenn man sie nicht sieht oder sehen will, sie sind trotzdem doch da.
    Und vielleicht sind sie nicht nur trotzdem da, sondern auch mit neuer, aufgefrischter Energie? Gerade die Literatur- und Textgeschichte lehrt uns doch, dass alles erwidert und debattiert werden will. Themen und Motiven sind hartnäckig, sie suchen sich ihren Weg, sie drängen nach vorne und nach oben. Aufhalten lassen sie sich nicht. Sigmund Freud beschäftigte sich mit Menschen und Büchern gleichermaßen. Und er wusste, scheint mir, sehr genau, wovon er sprach in seiner hübschen Formel von der Widerkehr des Verdrängten.
    Mit besten Grüßen
    Ihr Kersten Knipp

  • Des Deutschen liebste "Haltung"...

    "Haltung" wäre es gewesen, den eigenen Regeln zu folgen, auch wenn man dann ein Buch von zweifelhaftem Inhalt anbieten muß (was man ja bspw. mit dem Gequatsche eines Hacke oder den "magischen" Ergüssen eines Hirschhausen auch tut). Ausgerechnet dieses Buch nicht anzubieten, ist typisch deutscher, vorauseilender Gehorsam. Mit obiger, nur minimalst veränderter Begründung hätte man 1932 mit viel "Haltung" ein Buch KPD aus dem Programm nehmen können.

  • Wissenschaftliche Bestsellerliste?

    Eine wissenschaftlich orientierte Gesellschaft kann ihre eigene Bestsellerliste veröffentlichen. Diese unterscheidet sich sicherlich stark von den nicht-wissenschaftlichen Bestsellerlisten.

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