Druckfrisch Bestseller-Listen April 2018

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die Spiegel-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (nächste Sendung 29. April, 23 Uhr 35, Gäste Hans Magnus Enzensberger und David Schalko).

10) Marianne Leky: „Was man von hier aus sehen kann“ (Dumont, 320 S., 20 €)

 

Lekys dritter Roman ist ein Lieblingsbuch deutscher Buchhändler geworden und steht deshalb nach wie vor auf der Liste. Die eigentliche Hauptfigur dieses Buchs ist ein Dorf im Westerwald, dessen skurrile Bewohnern wir über ein Vierteljahrhundert durch Liebeswirren und Lebenskrisen begleiten. Intelligente Unterhaltung, mir persönlich mitunter etwas zu kitschig, aber nicht ohne Charme.

 

9) Laetitia Colombani: „Der Zopf“ (Deutsch von Claudia Marquardt, S. Fischer, 288 S. 20 €)

Auch dies ein süffig geschriebener Schmöker: die Französin Colombani erzählt von drei Frauen, deren Lebenswege sich nicht direkt kreuzen, die aber doch miteinander zu tun haben. Eine krebskranke Juristin aus Kanada, eine Italienerin, die die elterliche Perückenmanufaktur vor dem Konkurs retten möchte, und eine Inderin aus der Kaste der Unberührbaren, die ihr Haar verkauft. Colombani verwebt diese drei stark kontrastierenden Frauenschicksale zu einem unterhaltsamen Buch, das von der Exotik seiner Schauplätze lebt: spannend, aber nicht eindrücklich.

 

8) Maxim Leo und Jochen Gutsch: „Es ist nur eine Phase, Hase“ (Ullstein, 144 S., 12 €)

Als literarische Trittbrettfahrer von Jan Weilers „Pubertier“-Kolumnen haben sich die Berliner Autoren Leo und Gutsch das „Alterspubertier“ ausgedacht: also Menschen, die aus Verzweiflung über ihre verronnene Jugend plötzlich Marathon laufen oder Tofu essen.

So schön diese Idee der „Alterspubertierenden“ um die 50 ist und bei allem Respekt für hart arbeitende Humorarbeiter: diese angestrengt witzelnde Texte sind das literarische Pendant zu musikalischen Darbietungen in Oktoberfestzelten. Nur zu empfehlen, wenn man Schenkelklatscher mag.

 

7) Bernhard Schlink: „Olga“ (Diogenes, 224 S., 19,99 €)

Das schriftstellerische Unvermögen dieses Schriftstellers steht in extremem Gegensatz zu seinen guten Absichten - und seinem Erfolg. Am Plot dieses Romans liegt es nicht: die an die 90 Jahre umfassende Lebensgeschichte der 1883 in Breslau geborenen Olga und ihrer Liebe zu dem erst nach Afrika und dann in die Arktis forschenden Herbert ist faszinierend. Aber in den Händen dieses zwar intelligenten, aber mit einem bleiernen Ohr für Sprache geschlagenen Autors nützt das wenig. Ergebnis: ein fader, ein langweiliger Roman.

 

6) Haruki Murakami: „Die Ermordung des Commendatore -  Teil II“ (Deutsch von Ursula Gräfe, 496 S., 26 €)

 

Delfine, erfahre ich aus diesem Roman, können ihre rechte und linke Gehirnhälfte getrennt in Schlaf versetzen. Dieser im japanischen Original in einem, auf Deutsch rätselhafterweise in zwei Bänden erscheinende Roman ist ganz gewiss ein Hauptwerk dieses Autors, fordert beide Hirnhälfte des menschlichen Lesers und offenbart Murakamis Stärken und Schwächen. Zentrales Thema des neuen Murakamis ist die Verantwortung für das, was man in die Welt setzt – seien es Kinder oder Kunstwerke, Ideen oder Metaphern. Die Schwäche Murakamis ist hier zugleich seine Stärke; nämlich seine extrem einfache, lakonische Erzählweise. Bislang war ich immer ein wenig skeptisch, wenn Haruki Murakami als möglicher Kandidat für den Literaturnobelpreis ins Spiel gebracht wurde. Nach „Die Ermordung des Commendatore“ würde ich den Stockholmern für eine solche Entscheidung applaudieren.

 

5) Paluten und Klaas Kern: "Freedom. Die Schmahamas-Verschwörung" (Community Editions, 160 S., 12 €)

Sich dabei zu filmen, wie man ein Computerspiel spielt, und diese Filmchen dann auf Youtube zu stellen, erinnert mich an jene besonders gelenkigen frühen männlichen Pornostars, die sich in dabei filmen ließen, wie sie ihren eigenen Schwanz lutschten. Das war lustig, aber sicher kein guter Sex. Heute heißt diese extreme Form von Narzissmus „Let’s Player“, und ihr deutscher Star ist Patrick Mayer alias Paluten. Der bedarf, weil literarisch nicht ganz so flexibel wie seine akrobatischen Vorläufer, eines Coautors namens Klaas Kern, und das Ergebnis dieser großen Verrenkung ist dieses Buch. Sagte ich Buch? Es ist eher ein Offenbarungseid.

 

4) Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“ (Deutsch von Ursel Allenstein, Btb, 512 S., 20 €)

Was Bienen für das Leben von uns Menschen bedeuten, davon erzählt Maja Lunde in ihrem konventionellen, aber erhellenden Roman.

 

3) Jojo Moyes: „Mein Herz in zwei Welten“ (Deutsch von Karolina Fell, Wunderlich, 592 S., 22,95 €)

Der dritte Aufguß um Moyes Romanheldin Louisa, die wir aus den vorausgegangenen Kitschorgien „Ein ganzes halbes Jahr“ und „Ein ganz neues Leben“ kennen. Getreu der „Nesthäkchen-in-der-Neuen-Welt“-Dramaturgie arbeitet Louisa diesmal als Haushälterin in New York und macht die Erfahrung, Zitat, „dass diejenigen, die von zu Hause weggehen, immer mit dem Herzen in zwei Welten leben.“ Schade, daß sie ihr Gehirn nicht mitgenommen hat.

 

2) Maja Lunde: „Die Geschichte des Wassers“ (Deutsch von Ursel Allenstein, Btb, 480  S., 20 €)

Auf mehreren Zeitebenen vom sündhaften Tun von uns Klimaferkeln erzählen: daraus hat die Norwegerin Maja Lunde inzwischen eine Masche gemacht und schreibt nach der halbwegs erträglichen „Geschichte der Bienen“ nun mit „Die Geschichte des Wassers“ endgültig moralinsaure belehrende Erzählungen. Im Jahr 2041 wird Europa von Klimaflüchtlingen heimgesucht, es sieht nicht gut aus für die Freunde von schweren Bordeauxs und schlanken Burgundern. Sagen wir so: Wer dieses Buch gelesen hat, wird mit großer Dankbarkeit zum nächsten Wasserhahn in seiner Wohnung gehen und sich ein Glas Gänsewein eingießen.

 

1) Ferdinand von Schirach: „Strafe“ (Luchterhand, 192 S., 18 €)

Literarisches Graubrot. Die zwölf Geschichten dieses Bandes sind sehr leicht zu lesen, erinnern in ihrer bewußten Fixierung auf Handlung und ihren Verzicht auf jede stilistische Anstrengung fast an „Readers-Digest“-Versionen von Erzählungen. Aber so spannend die Plots um Mord und Totschlag auch sind, Schirachs hundeschnauzenkalte Prosa, die manche entschlackt nennen mögen, ich aber entbeint, enthält ums Verrecken keinen neuen Gedanken, keine Willen zur Form oder auch nur irgendeine Vision. Was wir lesen, ist die Asche von Akten. Angelockt vom Sex-and-Crime mag der durchschnittliche Krimi-Zuschauer hier auf seine Kosten kommen. Ich nicht.

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  • Statements wurden offenbar nicht lektoriert...

    Wer hat nur diese grausige Fülle orthographischer Fehler zu verantworten: Denis Scheck, der SPIEGEL oder - meine Vermutung - die WBG?
    10) "Bewohnern": letztes n ist zuviel (Akkusativ wäre richtig!).
    8) "witzelnde": hier fehlt am Schlus das n ("diese ... witzelnden Texte" müsste es heißen.
    6) "beide Hirnhälfte": hier fehlt das Plural-n.
    5) "die sich in dabei filmen ließen": das "in" ist zuviel.
    1) "in ... ihren Verzicht": hier braucht's den Dativ ("ihrem"). - - "keine Willen": hier fehlt das Akkusativ-n.

  • Scharfe,aber aus meiner Sicht treffende Urteile

    Ich erfreue mich an der präzisen Beurteilung von Sprache und Inhalt in Schecks Kritiken.Insbesondere erfreut mich seine Einschätzung von Schlink und Schirach,die ein absolut unsinnliches bis gar kein Verhältnis zur Sprache haben und allgemein überschätzt werden.Seine knappen und sprachlich auch mit Ironie gewürzten Urteile sind ein Lesegenuß.