Druckfrisch Bestseller-Listen Juli 2018

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (nächste Sendung nach der Sommerpause am 1. September um 23.30 Uhr).

 

10) Jojo Moyes: „Mein Herz in zwei Welten“ (Deutsch von Karolina Fell, Wunderlich, 592 S., 22,95 €)

 

 

Sollten spätere Generationen einen schärferen Blick für die Propagandisten des Kitsches und der Geschlechterverdummung besitzen als wir und diese mit derselben Energie verfolgen, die wir in Hashtag-Kampagnen investieren, dann dürfte Jojo Moyes schlechte Karten haben. „Und dann küsste er mich“, schreibt Moyes im dritten Roman über ihre Heldin Louisa, die nun als Haushälterin in New York arbeitet. „Er tat es so beiläufig, dass es mir beinahe nicht auffiel. Er beugte sich vor und küsste mich auf den Mund, als hätte er das schon eine Million Mal getan, als wäre das der übliche Abschluss all unserer Verabredungen zum Lunch.“ Ein Roman aus derselben Hölle, aus der auch Monchichi-Puppen, rosa Einhörner und Diddelmäuse stammen.

 

9) Francesca Melandri: „Alle, außer mir“ (Deutsch von Esther Hansen, Wagenbach, 604 S., 26 €)

 

 

 

 

 

 

Es soll ja auch linken Kitsch geben. Davor bewahrt diesen flott erzählten Familienroman die Intelligenz und der Witz seiner Autorin. Francesca Melandri macht aus einer Nachhilfestunde in italienischer Kolonialgeschichte und einem Lehrstück über die Migrationsmisere einen kurzweiligen Ferienschmöker. Amüsante Unterhaltung – gern mehr davon!

 

8) Bill Clinton und James Patterson: The President is Missing (Deutsch von Anke und Eberhard Kreutzer, Droemer HC, 480 S., 22,99 €)

 

 

 

 

 

 

In diesen Tagen muß man es wohl schon als eine gute Nachricht bezeichnen, daß ein US-amerikanischer Präsident lesen und schreiben kann. Bill Clinton hat mit Hilfe des Bestseller-Routiniers James Patterson einen Plot um einen Cyberangriff auf die Infrastruktur der USA ausgeheckt, den der Präsident persönlich vereitelt. Das liest sich so: „Liebe Mitbürger. Gestern Nacht hat ein hoch engagiertes Team amerikanischer Staatsdiener … den gefährlichsten Cyberangriff, der je gegen die Vereinigten Staaten gerichtet wurde, abgewehrt. Wäre er erfolgreich gewesen, hätte er unser Militär lahmgelegt, sämtliche Daten im Finanzsektor einschließlich der Sicherungskopien gelöscht, unser Stromnetz ebenso wie unsere Übertragungsnetzwerke zerstört, unsere Wasserversorgung … sabotiert … und vieles mehr.“ Dieser Thriller ist halbwegs unterhaltsam, literarisch besitzt dieses Buch aber etwa so viel Gewicht wie San Marino politisch.

 

7) Maja Lunde: „Die Geschichte der Bienen“ (Deutsch von Ursel Allenstein, Btb, 512 S., 20 €)

 

 

 

 

 

 

Am Beispiel dreier Geschichten aus dem 19. sowie dem frühen und dem ganz späten 21. Jahrhundert erzählt die Norwegerin Lunde davon, welche Rolle Bienen für uns Menschen spielen. Literarisch eher bieder, aber kurzweilig und aufklärend.

 

6) Lee Child: „Im Visier“ (Deutsch von Wulf Bergner, Blanvalet, 414 S., 20 €)

 

 

 

 

 

 

Lee Childs Serienheld Jack Reacher ist ein Fossil aus jener Zeit, als Actionhelden noch kein Deo benutzten und sich die Zähne mit Stahlwolle putzten. Das kann zu schön lakonischen Beziehungsgeschichten führen wie: „Sie wollte zum Film. Ich nicht. Deshalb ging sie nach achtundvierzig Stunden in L.A. ihres Weges, und ich fuhr mit dem Bus weiter.“ Leider ist Lee Child in diesem 19. Jack-Reacher-Roman um einen Super-Scharfschützen aber ein wenig außer Form und das Buch nur mäßig spannende und wenig eindrückliche Konfektionsware.

 

5) Donna Leon: „Heimliche Versuchung“ (Deutsch von Werner Schmitz, Diogenes, 328 S., 24 €)

 

 

 

 

 

 

Was als Fall aus dem Drogenmilieu beginnt, endet mit der Aufdeckung eines groß angelegten Krankenkassenbetrugs. Doch wie immer bei Leons Brunetti-Krimis geht es nicht um den Thrill einer Krimihandlung, die bestenfalls nebenbei amüsiert, sondern um die tausend Details, die uns Brunetti und Co. längst zur Ersatzfamilie werden ließen – etwa wenn der Dialekt des unerträglichen Patta beschrieben wird: „Pattas Aussprache paßte sich stets der Stellung seiner Gesprächspartner an, wie Brunetti im Lauf der Jahre herausgefunden hatte. Mit dem Questore sprach Patta in lupenreinem Italienisch, toskanischer als jeder Toskaner. …Ein weniger bedeutendes Gegenüber bekam seinen palermitanischen Akzent hingegen deutlich zu spüren. Seltsame Buchstaben schlichen sich ein, weibliche Substantive endeten plötzlich auf „i“, „ll“ wurde zu „dd“, aus der „Madonna“ wurde eine „Maronna“, und „bello“ wurde zu „beddu“. Ja verreck, sage ich da als Schwabe: Des isch bei dene Gondelschnitzer do onda ja grad so wie bei ons Hamballe em Schwobalände.

 

4) Volker Klüpfl Michael Kobr: „Kluftinger“ (Ullstein, 476 S. 22 €)

 

 

 

 

 

 

Wenn man an Allerheiligen die lieben Angehörigen auf dem Friedhof besucht und ein Kreuz mit dem eigenen Namen entdeckt, kann einem schon anders werden. Der Allgäuer Kult-Kommissar Kluftinger wird von seiner Vergangenheit eingeholt … Sehr deutsch, allerdings anders als der Titelheld nie bräsig: Klüpfl und Kobr legen in ihren Roman unser Land auf die Psychoanalytiker-Couch.

 

3) Maxim Leo und Jochen Gutsch: „Es ist nur eine Phase, Hase“ (Ullstein, 144 S., 12 €)

 

 

 

 

 

 

Darüber mag lachen, wer will: so einleuchtend die Idee einer „Alterspubertät“, so grobschlächtig die Ausführung in diesen dauerwitzelnden Kolumnen. Nur für Freunde von tuschunterstützten Büttenreden.

 

2) Frank Schätzing: „Die Tyrannei des Schmetterlings“ (Kiepenheuer & Witsch, 734 S., 26 €)

 

 

 

 

 

 

Ob Roboter wirklich von elektrischen Schafen träumen, was wir von der Zukunft erwarten dürfen und was die Zukunft von uns erwartet: all das läßt sich aus Frank Schätzings gleichermaßen spannendem wie geistreichem Thriller über künstliche Intelligenz erfahren. Insbesondere überzeugt die Sprache, mit der Schätzing das Erwachen der Maschinenintelligenz beschreibt.

 

1) Robert Seethaler: „Das Feld“ (Hanser Berlin, 239 S., 22 €)

 

 

 

 

 

 

 

Einer der guten Gründe, Bücher zu lesen, ist die Neugier auf das, was jene Menschen gedacht und gefühlt haben, die auf dem Friedhof liegen. Der Österreicher Robert Seethaler macht daraus ein poetisches Programm und läßt in seinem Roman 29 Tote aus einer Kleinstadt erzählen über das, was in ihrem Leben wichtig war.  Ihre Bilanz fällt sehr unterschiedlich aus und läßt die Wahrheiten der anderen wechselseitig in neuem Licht erscheinen. Ein Buch, das einen enormen Sog ausübt, indem es Tote buchstäblich lebendig macht.

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