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Druckfrisch Bestseller-Listen vom 25.11.2018

»Wunschdenken«

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Nächste Sendung 25. November 23 Uhr 35, Gäste László Krasznahorkai, Rosemarie Tietze).

Platz 10: Bob Woodward: ›Furcht‹ (Deutsch von Silvia Bieker, Pieke Biermann, Thomas Gunkel und Hainer Kober, Rowohlt, 512 S., 22,95)

 

»Real power is fear. Wahre Macht ist Furcht«: das ist in den Worten Bob Woodwards die Maxime von Donald Trumps politischem Handeln – sei es in der Auseinandersetzung mit dem “little rocket man“ Kim Jong-un oder im Umgang mit seiner eigenen Führungsriege. Ein beunruhigendes Buch über einen beunruhigenden Mann.

Platz 9: Thilo Sarrazin: ›Feindliche Übernahme‹ (Finanzbuch Verlag, 450 S., 24,99 €)

 

Dass Religion dumm machen kann, ist eine alte Erkenntnis der Aufklärung. Dass auch der Islam eine Religion ist, wird niemand bestreiten. Wie sehr man nun die Religion oder nicht doch eher die Armut, die Sprachbarrieren, die Kluft zwischen den Kulturen oder andere Faktoren für die Rückständigkeit mancher Zuwanderer verantwortlich macht, wird Ermessensfrage bleiben. Thilo Sarrazin schreibt: »die Religion des Islam, insbesondere der als Gottes Offenbarung verstandene Text des Korans, erzieht zu einer bestimmten Weltsicht. Diese ist dem selbständigen Denken grundsätzlich abhold. Sie begünstigt Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft. Sie befördert eine Tendenz zum Beleidigtsein und zur Intoleranz gegenüber Andersdenkenden. Sie behindert Wissbegier und Veränderungsbereitschaft.« Ich freue mich, sollte das SPD-Mitglied Thilo Sarrazin bald ein Buch über die deutsche Mehrheitsreligion des Christentums folgen lassen. Mein Titelvorschlag: ›Weniger Religion wagen!‹

Platz 8: Thomas Huetlin mit Udo Lindenberg ›Udo‹ (Kiepenheuer & Witsch, 352 S., 24 €)

 

»Entweder ich sauf mich tot oder ich versuch noch mal ein richtiges Comeback.« So reagiert Udo Lindenberg auf den Tod seines älteren Bruders Erich und lässt uns in diesem Buch an seiner Neuerfindung teilhaben. Auch wenn die Reflektionstiefe Huetlins selten das Niveau der Lindenberg-Passagen bei Benjamin von Stuckrad-Barre erreicht, habe ich mich bei der Lektüre gefühlt wie auf einem Ausflug auf einen sehr fremden, sehr spannenden Planeten: der Weg raus aus Gronau nach Hamburg ins Atlantic, Andrea Doria, 8-Kilometer-Joggingrunden um die Außenalster nachts um drei, Sonderzug nach Pankow, Eierlikörchen.

Platz 7: Olaf Köhne und Peter Käfferlein mit Dirk Rossmann: ›Dirk Rossmann‹ (Ariston, 240 S. 20 €)

 

Die Autoren dieser Hagiographie eines Drogeriemarkt-Unternehmers nähern sich ihrem Gegenstand mit der Devotheit von Untertanen eines absolutistischen Herrschers von anno dunnemals. Nach einem Überraschungsbesuch in einer seiner über 2000 Filialen, in der Rossmann der Kassiererin doch tatsächlich die Hand schüttelt, schreiben Köhne und Käfferlein: »Auf der Rückfahrt sind wir noch beeindruckt von der Herzlichkeit, die wir gerade beobachten konnten. Wir fragen Dirk Roßmann, wie es sich anfühlt, der Chef von mehr als 50 000 Menschen zu sein? Wie schwer wiegt die Verantwortung für solch ein Riesenunternehmen? Wie muss man beschaffen sein, um ein Imperium quasi aus dem Nichts aufzubauen?« Ich frage mich: Wie muss man intellektuell beschaffen sein für so einen schleimerischen Kotau? Sagen wir so: Wer auf dem Bauch liegt, sieht wenig - die Froschperspektive ist nicht sonderlich erkenntnisfördernd.

Platz 6: Florian Illies: ›1913: Was ich unbedingt noch erzählen wollte‹ (S. Fischer, 304 S., 20 €)

 

Florian Illies taucht in dieser notwendigen Fortsetzung seines Sachbuchbestsellers die Epoche vor dem Ersten Weltkrieg ins Stroboskoplicht seiner Anekdoten und schildert das Jahr 1913 als historische Nummernrevue: mal nachdenklich, mal amüsant, mal skurril – und immer Horizonte der Erkenntnis eröffnend.

Platz 5: Dirk Müller: ›Machtbeben‹ (Heyne, 352 S., 22 €)

 

Dirk Müller stellt sich mit einem »Die Welt geht unter«-Schild in den Börsensaal – und empfiehlt als Versicherung dagegen allen Ernstes seine eigenen Aktienfonds. Achtung: dieser Apokalyptiker hat es auf Ihr Sparschwein abgesehen!

Platz 4: Bas Kast: ›Der Ernährungskompass‹ (C. Bertelsmann, 320 S. 20 €)

 

Das medizinische Wissen der Gegenwart zum Thema Abnehmen hat Bas Kast in seinem gut geschriebenen Sachbuch zusammengefasst, das auf einer Meta-Analyse aller zwischen 1950 und 2013 durchgeführten Ernährungsstudien basiert. Kasts überraschendste und mir sympathischste Erkenntnis: »Genießen Sie!«

Patz 3: Yuval Noah Harari: ›21 Lektionen für das 21. Jahrhundert‹ (Deutsch von Andreas Wirthensohn, C. H. Beck, 459 S., 24,99)

 

Nichts weniger als Klarheit darüber, was die brennendsten Fragen der Menschheit heute sind, verspricht der israelische Historiker Yuval Noah Harari Harari in seinem neuen Buch. Seine Essays, in denen er etwa das Sinnversprechen des Kommunistischen Manifests mit dem von Disneys Zeichentrickfilm „König der Löwen“ vergleicht, bestechen durch Geist und Klugheit: »Die Macht des Hokuspokus erfreut sich in unserer modernen Industriewelt bester Gesundheit«, schreibt Harari. »Für viele Menschen sind im Jahr 2018 zwei Stückchen Holz, die zusammengenagelt sind, Gott, ein farbiges Plakat an der Wand ist die Revolution und ein Stück Stoff, das im Wind flattert, ist die Nation.«

Platz 2: Dr. med Eckhard von Hirschhausen und Prof. Dr. med Tobias Esch: ›Die bessere Hälfte‹ (Rowohlt, 288 S., 18 €)

 

Ein buchlanges nerviges Dauergewitzel, Schulterklopfen und gegenseitiges Lobhudeln zweier Mediziner, die festgestellt haben, dass auch jenseits des 40. Geburtstags menschliches Leben möglich ist, verfasst im knopfäugigsten Höre¬-Staune-Gute-Laune-Stil – Zitat: »Mensch, Tobias, wenn ich Dich nicht getroffen hätte, wären mir wirklich viele Einsichten verborgen geblieben.« Sagen wir so: ein Buch, das Sterben leichter macht.

Platz 1: Stephen Hawking: ›Kurze Antworten auf große Fragen‹ (Deutsch von Susanne Held und Hainer Kober, Klett-Cotta, 253 S., 20 €)

 

Ein nachgelassenes Buch des großen Astrophysikers Stephen Hawking, das ich als provozierende Botschaft an alle Glaubensapostel auf dem Planeten Erde lese: »Meiner Ansicht nach lautet die einfachste Erklärung, dass es keinen Gott gibt. Niemand hat das Universum geschaffen und niemand lenkt unsere Geschicke«, schreibt Hawking. »Es gibt wahrscheinlich keinen Himmel und kein Leben nach dem Tod. Ich nehme an, der Glauben an ein Jenseits ist lediglich Wunschdenken.« Zeit, diese Sätze in Marmor geschlagen in unseren Schulen und öffentlichen Institutionen anzubringen.

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