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Druckfrisch Bestseller-Listen vom 28.10.2018

„Drecksfad“

Literaturkritiker Denis Scheck bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (nächste Sendung 28. Oktober, 23 Uhr 35, Gäste Judith Schalansky, Andreas Eschbach).

10) Martin Suter: „Allmen und die Erotik“ (Diogenes, 272 S., 20 €)

 

Nein, diese routinierte Serienkrimi-Konfektionsware um erotische Porzellanskulpturen dürfte mir eigentlich nicht gefallen: wahnsinnig altmodisch, irre betulich, und gerade auch in den Männer- und Frauenbildern viel zu bräsig, ja regelrecht aus der Zeit gefallen wie der schrullige Serienheld von Allmen selbst. Aber Literaturkritiker dürfen bekanntlich nicht lügen, und so muß ich bekennen: ich habe mich bei der Lektüre des neuen Suter gut unterhalten.

9) Rita Falk: „Eberhofer, Zefix“ (Droemer 128 S. 8 €)

 

Vier kurze Erzählungen um den Dorfpolizisten Franz Eberhofer, vermehrt um ein bayrisches Glossar, aus dem ich entnehme, daß „drecksfad“ bayrisch für „mörderlangweilig“ ist. So habe ich auch noch aus diesem grenzdebilen vulgären Quatsch etwas gelernt: drecksfad …!

8) Dörte Hansen: „Mittagsstunde“ (Penguin, 320 S. 22 €)

 

Bekannt geworden ist Dörte Hansen mit ihrem Romandebut „Altes Land“, einer feinen Satire auf die „Landlust“-Naturbegeisterung, die sich fast eine Million Mal verkauft hat – einer der größten Bucherfolge der letzten Jahre. In Ihrem neuen Roman „Mittagsstunde“ setzt Dörte Hansen nun sprachgewaltig und mit beeindruckender psychologischer Raffinesse dem radikalsten Wandel ein Denkmal, den Deutschland in den letzten tausend Jahren erlebt hat: dem Verschwinden des deutschen Dorfs.

7) Jonas Jonasson: „Der Hundertjährige, der zurückkam, um die Welt zu retten“ (Deutsch von Wibke Kuhn, Bertelsmann, 448 S., 20 €)

 

In diesen Tagen Angela Merkel zur Heldin eines politisch bildenden Unterhaltungsromans zu machen, zeugt schon von einer gewissen literarischen Chuzpe. Die besitzt der Schwede Jonasson unbedingt. Und weil er außerdem auch noch über guten Humor und große Lebenserfahrung verfügt, deshalb ist dieses Comeback des über hundertjährigen Allan Karlsson, der zufällig einer größeren Uranlieferung an Kim jong-un auf die Spur kommt, ein leichtes, aber nicht belangloses Lesevergnügen.

6) Juli Zeh: „Neujahr“ (Luchterhand, 192 S., 20 €)

 

Ein Familienvater radelt am Neujahrsmorgen auf Lanzarote einen Bergpass hoch und zieht Bilanz. Eigentlich ist alles in Ordnung, fester Job, eine gute Ehe, zwei Kinder. Wenn da nicht die Panikattacken wären. Und ein Geheimnis aus seiner Kindheit, das ihm auf dem Gipfelpass einholt. Mit leichter Feder kombiniert Juli Zeh eine kluge Meditation über moderne Männerrollen mit einem düsteren Buch über ein Kindheitstrauma zu einem veritablen Psycho-Thriller.

5) Inger-Maria Mahlke: „Archipel“ (Rowohlt, 432 S. 20 €)

 

In ihrem mit dem Deutschen Buchpreis prämierten Roman „Archipel“ erzählt Inger Maria Mahlke hundert Jahre europäischer Geschichte aus der Inselperspektive Teneriffas. Egal, ob Mahlke ein Altenheim oder einen Skandal der Lokalpolitik schildert: ihre Milieustudien sind so stimmig und stupend detailreich, daß ich gewettet hätte, dieser Roman sei eine Übersetzung aus dem Spanischen. Des Rätsels Lösung: Inger-Maria Mahlkes Mutter stammt aus Teneriffa, die Autorin hat viel Zeit dort verbracht und extrem sorgfältig recherchiert. Ergebnis ist ein aufregend originell erzählter Familienroman gleichermaßen von politischer wie ästhetischer Relevanz.

4) Carmen Korn: „Zeitenwende“ (Kindler, 560 S., 19,95 €)

 

Dasselbe kann ich leider nicht von dem Abschlussband der Romantrilogie um vier Freundinnen aus dem Hamburger Stadtteil Uhlenforst behaupten. Allzu plump integriert Carmen Korn politische Bezüge in ihre Romanhandlung, etwa wenn es um den Beginn der Kanzlerschaft von Helmut Kohl geht: „Du interessierst dich viel mehr fürs Essen als früher", sagte Henny, als Theo den Inhalt des Kühlschranks inspizierte. "Ich halte es für ein gutes Zeichen, dass ich noch Gelüste habe." "Du bleibst ja schön schlank dabei. Nicht so wie unser neuer Kanzler." "Die Pfälzer Küche ist wohl sehr reichhaltig", sagte Theo.“ Sagen wir so: dieser Roman und Helmut Kohl haben etwas gemeinsam.

Platz drei: Elizabeth George: „Wer Strafe verdient“ (Deutsch von Charlotte Breuer und Norbert Möllemann, Goldmann, 864 S., 26 €)

 

Daß ausgerechnet eine US-Amerikanerin so extrem „britische“ Krimis zu schreiben vermag, ist schon eine Leistung. Die eigentliche Spezialität von Elizabeth George sind aber Einblicke in dysfunktionale Familien und Psychopathologien sowohl des Alltags wie der verbrecherischen Ausnahme. Das macht sie so gut, daß mir selbst diese 860 Seiten um den vermeintlichen Selbstmord eines pädophilen Dekans nicht zu lang wurden.

Platz zwei: Charlotte Link: „Die Suche“ (Blanvalet, 656 S., 24 €)

 

Auch Charlotte Link siedelt ihren neuen Roman wie gewohnt in England an. Das Setting ist nicht das Problem, wohl aber das Personal. Spricht ein Mann, der Mädchen entführt, in Kellerverließe einsperrt und am Ende sterben läßt, so wie im neuen Roman von Charlotte Link? „Ich verspüre ganz leise Schuldgefühle, weil ich sie so lange habe warten lassen und weil sie am liebsten noch länger warten lassen würde. Ich bin schon jetzt dicht davor, sie aufzugeben. Diese Punkt habe ich ja bisher leider jedes Mal erreicht, aber nie so früh. Es fängt damit an, dass ich keine Lust mehr habe, zu ihnen zu fahren. (…) Bis ich mich dann irgendwann gar nicht mehr aufraffen kann. Das ist dann, wenn ich nichts, gar nichts mehr für die Mädchen empfinde.“ Das ist reines Therapiesprech, Links Roman Plastikliteratur!

Platz eins: Michael Hjorth, Hans Rosenfeldt: „Die Opfer, die man bringt“ (Deutsch von Ursel Allenstein und Ulla Ackermann, Wunderlich, 560 S., 22,95 €)

 

Man weiß, daß man einen schwedischen Krimi liest, wenn man auf Seite zwei zum Thema Klimawandel ins Gebet genommen wird und auf Seite drei zum Thema geschlechtergerechte Kindererziehung. Doch schon auf Seite eins dieses sowohl stilistisch als auch inhaltlich abgeschmackten Krimis meldet sich der abgrundböse Serienvergewaltiger zu Wort, der sich im Lauf der Handlung als zu allem entschlossene Frau erweist, die ihre Opfer mit Spermaspritzen brutal zu schwängern trachtet. Diese Auflösung ist nach 558 Seiten nicht nur abstrus, dies ist schlichtweg albern.

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