Geisteswissenschaften in Gefahr

Dirk H. Beenken, Geschäftsführender Direktor der wbg in Darmstadt, schreibt an die Abgeordneten des Europäischen Parlaments einen offiziellen Brief um das Mandat für MdEP Axel Voss zu unterstützen.


Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe erfahren, dass das Plenum des Europaparlaments in den nächsten Tagen wohl über die Bestätigung des Verhandlungsmandats des Rechtsausschusses für MdEP Axel Voss zur Richtlinie für das Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt entscheiden wird. Ich möchte Sie heute bitten, dieses Mandat zu bestätigen.

Für die deutschen Verlage hängt von der Richtlinie die Wiedereinführung der bewährten Verlegerbeteiligung an den Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften ab. Für dieses Anliegen setzt sich auch die Bundesregierung im Koalitionsvertrag ausdrücklich ein. Die maßgeblichen Urheberverbände in Deutschland befürworten dies im Interesse der Zukunft der gemeinsamen Verwertungsgesellschaften wie VG Wort ebenfalls. Als größte geisteswissenschaftliche Gemeinschaft des deutschen Sprachraums mit 85.000 Mitgliedern ist es uns ein Anliegen, Sie darauf hinzuweisen, dass von der Verlegerbeteiligung die Programmvielfalt, die Förderung geisteswissenschaftlicher Autorinnen und Autoren und somit nicht weniger als die Zukunftsfähigkeit der Geisteswissenschaften als Ganzes abhängt. Deshalb bitte ich Sie, das Mandat für MdEP Axel Voss in der erwarteten Abstimmung im Plenum zu unterstützen.

Mit bestem Dank und freundlichen Grüßen

Dirk H. Beenken
Geschäftsführender Direktor

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zu den Hintergründen:

 

Präambel

Das neue Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz stellt gerade geisteswissenschaftliche Verlage vor besondere Herausforderungen.

Geisteswissenschaftliche Publikation spielt sich sowohl sprachlich wie inhaltlich in lokalen und regionalen Bezügen ab. Auch wenn Philosophie, Theologie und Geschichte in vielen Punkten überregional ausgeprägt sind, haben sie in ihrer publikatorischen Ausprägung von Anfang an einen starken kulturellen Bezug, der lokal, regional landesspezifisch geprägt ist.

Ein internationaler, weltweiter Markt wie in den Naturwissenschaften besteht daher für Geisteswissenschaften nur in kleinen Bereichen. Ein Großteil der geisteswissenschaftlichen Publikationen in Deutschland ist für das mitteleuropäische Kulturfeld und den deutschsprachigen Markt ausgelegt.

Aufgrund der geringen Marktbedeutung und der regional ausgeprägten Vermarktungschancen sind deshalb geisteswissenschaftliche Autoren vielmehr als naturwissenschaftliche auf die Unterstützung durch Verlage angewiesen.

Durch die regional eingeschränkten Vermarktungschancen sind die hier agierenden Verlage aber meist deutlich kleiner als die international aufgestellten naturwissenschaftlichen Verlage.

Änderungen im Bereich des Urheberrechts, die zu Einschnitten in der Vermarktung und Refinanzierung der Verlage führen, wirken sich deshalb in den Geisteswissenschaften viel stärker aus als bei den international aufgestellten Verlagen des naturwissenschaftlichen Forschungsumfeldes mit ihren zum Teil weltweit ausgeprägten Monopolstellungen in einzelnen Themen und Sachgebieten.

Geisteswissenschaftliche Autoren sowie geisteswissenschaftliche Verlage sind daher in weitaus stärkerem Maße als naturwissenschaftliche auf das durch das bisherige Urheberrecht abgesicherte Modell der Vermarktung geistigen Eigentums angewiesen.

Änderungen, wie sie im jetzigen, neuen Urheberrecht vorgesehen sind, treffen geisteswissenschaftliche Forschung und Publikation deshalb in einem erheblich größeren Umfang als naturwissenschaftliche:

 

1. Die deutschen geisteswissenschaftlichen Verlage sind unter Druck

Das Umfeld der im Wissenschaftsbereich tätigen Verlage ist in den letzten Monaten massiv unter Druck geraten:

Zum einen stellen die jüngsten Urteile und Vorgaben rund um die Verwertungsgesellschaften Wort und Bild eine erhebliche Existenzbedrohung für eine Vielzahl von Verlagen dar. Sie führen zu erheblichen Abflüssen an Liquidität, die bei vielen Häusern gerade zum Zeitpunkt Ende des Jahres nicht vorhanden bzw. aufgrund der letzten Veränderungen im Bankenumfeld und den neuen Regularien zur Kreditvergabe auch nur schwer zu beschaffen ist. Hinzu kommen für die Zukunft zu befürchtende erhebliche Einnahmeausfälle, die die wirtschaftliche Situation vieler Verlage weiter bedrohen.

 

2. Die Neugestaltung der Wissenschaftsschranke führt zu weiteren Belastungen

Zu einer weiteren Belastung, gerade für die kleineren Wissenschaftsverlage, führt die Neugestaltung der Wissenschaftsschranke:

Dafür, dass Schüler, Studierende, Lehrende und Forschende große Teile von Lehrbüchern oder ganze Zeitschriftenartikel kostenlos vervielfältigen, herunterladen und ausdrucken können, sollen Bibliotheken und Bildungseinrichtungen in Zukunft keine Lizenzverträge mehr mit Verlagen abschließen müssen. Stattdessen würden Verlage und Autoren nur noch eine minimale Pauschalvergütung erhalten.

Können dies größere Verlage durch ihre quasi Monopolfunktion über Preissteigerungen noch abfedern, bedeutet es für kleinere Verlage einen weiteren, nicht aufzufangenden Einnahmeausfall.

 


3. Innovativität und Diversifiziertheit der deutschen Wissenschaftsproduktion in den Geisteswissenschaften sind in Gefahr

Diese Änderungen gefährden Innovativität und Diversifiziertheit dessen, was publiziert wird:

Neue Wissenschaftsthemen, gerade abseits der ausgetretenen Pfade, brauchen Organisationen und Mentoren, die sie erkennen, publizieren und finanzieren. Hier haben Verlage, insbesondere die kleineren, jüngeren Wissenschaftsverlage, eine herausragende Rolle, neue, noch nicht etablierte Themenbereiche der wissenschaftlichen Diskussion bekannt und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Dies ist nur möglich, weil den Verlagen entsprechende Mittel aus der Verwertung ihrer Urheberrechte zugänglich sind.

Reduziert man die Einnahmen der Verlage, fehlen die Mittel, die Breite und Innovationsfähigkeit der Wissenschaftsproduktion
aufrecht zu erhalten.

Dies gilt insbesondere im geisteswissenschaftlichen Bereich, wo ein großer Teil der Gesamtproduktion durch die kleineren Verlage geleistet wird.

Das geplante Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz wird damit den freien Markt für Bildungs- und Wissenschaftsmedien außer Kraft setzen – die Folge wird ein drastischer Rückgang hochwertiger und vielfältiger Lehrmaterialien sein. Davor warnt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels im Vorfeld der öffentlichen Anhörung zum Gesetzentwurf vor dem Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages am 29. Mai 2017.

 

4. Wenn geisteswissenschaftliche Forschung erfolgreich sein soll, muss Wissenschaft sich lohnen

Unsere Wissensgesellschaft braucht keine Lehrbücher zum Nulltarif, sondern einen freien Markt für hochwertige Medien. Nur Lizenzeinnahmen gewährleisten eine faire, angemessene Vergütung für Autoren und Verlage und damit private Investitionen in ein breitgefächertes und hochwertiges Angebot an wissenschaftlicher Literatur.

Verlage brauchen die Mittel, in neue Publikationen und attraktive Modelle für die Zugänglichmachung von Werken zu investieren. Autoren brauchen einen Anreiz, ihr Wissen für den Nachwuchs aufzubereiten und Lehrbücher zu verfassen.

Dies wird in der bestehenden Struktur der Wissensproduktion durch gut funktionierende, privatwirtschaftlich finanzierte Publikationsstrukturen erreicht. Diese müssen erhalten werden und damit die sie finanzierenden Strukturen, wenn nicht am Ende der Staat die Veröffentlichung wissenschaftlicher Werke organisieren und mit Steuergeld bezahlen soll. Das kann niemand wollen.

 

5. Erfolgreiche geisteswissenschaftliche Forschung braucht nutzungsabhängige Entlohnung

Deshalb muss das bestehende, nutzungsabhängige Lizenzierungsmodell für Contents im wissenschaftlichen Umfeld modernisiert erhalten werden.

Die WBG, Verlage und der Börsenverein plädieren für ein Verfahren, das heute bereits erfolgreich praktiziert wird – nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Australien oder Asien: Verlage unterbreiten Bibliotheken und Universitäten Lizenzangebote für die Nutzung ihrer Werke. Für einen bestimmten Preis pro Seite und Nutzer können Bildungseinrichtungen und Bibliotheken dann Auszüge aus Lehrbüchern, Zeitschriften und anderen Medien digital beziehen und Studierenden, Lehrenden und Forschenden zur Verfügung stellen. Dafür haben Verlage praktikable und gut funktionierende Lizenzierungsplattformen wie beispielsweise
www.digitalersemester-apparat.de entwickelt, die eine rechtssichere und optimale Werknutzung ermöglichen. Wenn kein angemessenes Lizenzangebot von Seiten des Verlages vorliegt, können Bibliotheken oder Universitäten Auszüge aus Werken auf Basis der gesetzlichen Schranken nutzen. Diese Nutzungen werden dann über die Verwertungsgesellschaften abgegolten.

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