Gerechtigkeit in Zeiten der Digitalisierung

Michael Betancourt
ist kritischer Theoretiker, Historiker und Künstler im Spannungsfeld der digitalen Technologien und der kapitalistischen Theorie. Seine Werke wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Seine Kunst wird seit 1993 weltweit ausgestellt und wurde mehrfach ausgezeichnet.

 

1. Haben Kryptowährungen wie Bitcoin nach Ihrer Meinung auf längere Sicht eine Zukunft?

Die sich in Bitcoin und anderen Kryptowährungen darstellende Technologie wird vielleicht – neben ihrer Funktion, eine virtuelle Ware zu sein – in der internationalen Bankindustrie zur Anwendung kommen. Es gibt einige Experimente in diese Richtung, aber für die allgemeine Öffentlichkeit erwarte ich, dass es zu einem Zusammenbruch kommen wird, sobald alle Bitcoins „geschürft“ sind. Das Verständnis dieser Entwicklung hängt von mehreren Eigenschaften der Technologie selbst ab: dass das „Schürfen“ von Bitcoins ein Nebenprodukt der Berechnungen ist, die für einzelne Transaktionen erforderlich sind, ist weithin bekannt. Die „Schürfer“ verlangen nichts dafür, dass sie diese Transaktionen ausführen, besonders aufgrund dieser Bezahlung, die durch ihre Arbeit als „Prozessoren“ erzeugt wird. Sobald jedoch sämtliche Münzen „geschürft“ sein werden, sind die Kosten einzelner Transaktionen kein werterzeugender Aufwand mehr und werden zu bloßen Kosten. Dies bedeutet, dass es sehr schnell nicht mehr kosteneffektiv sein wird, die Transaktionen zu verarbeiten. Dies wird nur zwei Möglichkeiten übrig lassen, wenn man die Kosten für die Abarbeitung der Berechnungen berücksichtigt: (1) das Schürfen einzustellen oder (2) eine Bearbeitungsgebühr dafür zu erheben. Dies sind wirklich die einzigen Optionen, wenn der Anreiz wegfällt, durch die Erzeugung neuer Münzen aus der Verarbeitung von Transaktionen bezahlt zu werden. Da Bitcoin (oder irgendeine andere Kryptowährung) keinen intrinsischen Wert besitzt, wenn diese Grenze erreicht wurde, werden die damit verbundenen spekulativen Werte fallen, sobald die Kosten der Übertragungen ansteigen. Ohne wesentliche Änderungen an seinem grundlegenden Wesen gibt es keine „Lösung“ für diesen Fehler im Blockchain-System. Diese Grenze beruht auf einer Absicht; sie ist kein Zufall. Die Werte von virtuellen Gütern wie Bitcoin sind notwendigerweise befristet: Das Ende wird mit ziemlicher Sicherheit plötzlich eintreten, mit nur minimaler Warnung. Sie zeigt sich darin, dass die Anzahl der „ungeschürften“ Münzen schnell auf Null sinkt, und die Kosten für die Verarbeitung von Transaktionen ansteigen. Als „Währung“, die mit echtem Geld konkurriert, hat Bitcoin bereits versagt: Man kann damit kaum etwas kaufen, und ihr gehandelter Warenwert ist so hoch und schwankt so häufig, dass ihr Nutzen für Tauschgeschäfte dadurch eingeschränkt wird. Als spekulatives Gut hängt ihr längerfristiges Potenzial jedoch davon ab, wie katastrophal es für Investoren wird, wenn sämtliche Bitcoins „geschürft“ sein werden. Das Problem ist nicht der Wert der Waren während der Euphorie, sondern ihr Wert, wenn diese endet.

 

2. Halten Sie die Weiterentwicklung des digitalen Kapitalismus für einen Prozess, dem wir einfach ausgeliefert sind, oder glauben Sie, dass er politisch noch kontrollierbar ist?

Der digitale Kapitalismus ist etwas, das fast kommentar- und kritiklos entstanden ist, was seine Expansion ohne nennenswerte Aufsicht möglich gemacht hat, weil er zu den historischen Modellen des Kapitalismus nicht „passt“. Seine spezifisch semiotischen Methoden der Wertproduktion und -erzeugung unterscheiden sich von historischen Interessen an physischen Zwängen und machen sie anfällig für ausufernde Fantasien, die Grenzen der Materialität zu überschreiten – wie in der Aura des Digitalen offensichtlich ist. Meine Analyse schlägt ein diagnostisches Modell vor. Sämtliche Lösungen für die Herausforderungen, vor die uns der digitale Kapitalismus stellt, sind zwar politischer Natur, aber mit den Umsetzungen und Potentialen der Computertechnologie verbunden. Letztendlich kommt es darauf an, wie die von diesen Maschinen erzeugten Daten begriffen werden: wem sie gehören, was die Besitzer damit machen können, und welche Schutzmechanismen vorhanden sind, um diese Einschränkungen durchzusetzen. Der digitale Kapitalismus als System ist am individuellen Verhalten von Unternehmen erkennbar, die die strukturellen Schwächen existierender Modelle bei der Auseinandersetzung mit Computertechnologien ausnutzen: Dieses neue System hat seine gegenwärtige Dominanz genau dadurch erlangt, dass es die bestehenden gesetzlichen Kontrollen und Schutzmechanismen ignoriert und/oder sich weigert, sie zu befolgen: entweder durch eine offene Weigerung die Gesetze einzuhalten (mit dem Argument, sie seien nicht anwendbar oder einfach durch die Behauptung „digitale Disruption“ sei ein bedingungsloses soziales Gut), oder auf ebenso einfache Weise durch die internationale Verlagerung von Tätigkeiten, um der Aufsicht zu entgehen, ähnlich wie sich Vermögen in anderen Ländern versteckt. Die Gewinne, die durch das Ignorieren rechtlicher Einschränkungen erzielt werden, sind groß genug, so dass – wenn Gebühren und Strafen existieren – diese selten eine kritische Höhe erreichen. Es kommt nur selten vor, dass die als Ertrag von kriminellen Handlungen erzielten Gewinne konfisziert, Unternehmen für wiederholte und konsistente Rechtsverletzungsmuster zur Liquidation gezwungen oder ihre Führungskräfte für ihre Rolle in der Ermöglichung einer systematischen Weigerung, etablierten und bekannten Gesetzen zu folgen, inhaftiert werden. Diese Diskrepanzen spiegeln das Ausblenden der physischen Welt durch die Aura des Digitalen wider und mit ihr auch der bestehenden Rechtsordnung, die dazu bestimmt ist, die Gesellschaft als ein Ganzes zu schützen. Die politische Kontrolle über den digitalen Kapitalismus muss, genau wie beim historischen Industriekapitalismus, den Kapitalisten auferlegt werden, die jeden Versuch, ihre Macht zu beschränken, bekämpfen und sich ihm entgegenstellen werden. Gegen den digitalen Kapitalismus vorzugehen beginnt mit einer Anerkennung der theoretischen Fehler, die seine Expansion und seine Beutezüge ermöglicht haben. Mein kritisches Modell, das die Besonderheiten der Computertechnologie mit einbezieht und zeigt, wie sie die Fantasie einer Akkumulation ohne Konsumtion ermöglichen, erkennt die Möglichkeit an, diese Auswirkungen in Frage zu stellen. Grundsätzlich ist der digitale Kapitalismus ein Produkt gesellschaftlicher Prozesse, also wird er auch immer etwas sein, das beeinflussbar ist und umgeleitet werden kann. Um dies tun zu können, bedarf es jedoch zunächst eines diagnostischen Ansatzes, der feststellt, wie die gegenwärtige Situation zustande gekommen ist – Alternativen können nur dann vorgeschlagen und der digitale Kapitalismus nur dann beherrscht werden, wenn diese Aufklärung gelingt.

 

3. Karl Marx hatte noch die Hoffnung, dass auf den Kapitalismus eine Gesellschaftsform folgen wird, in der Armut und Ausbeutung ein Ende habe. Teilen Sie diese Hoffnung?

Eine gerechtere Gesellschaft, die auf Fairness, Freiheit und Gleichheit beruht, ist etwas, von dem ich glaube, dass es jeder zu erreichen hofft, und es besteht kein Zweifel, dass es ein Ideal ist, das wir bei dem, worauf wir hinarbeiten, immer in Betracht ziehen sollten. Digitale Technologien haben, wie alle Werkzeuge, ein doppeltes Gesicht. Was einigen Lesern pessimistisch vorkommen mag, habe ich in meiner Kritik als diagnostisches Werkzeug entwickelt, um Infragestellungen und Widerstand gegen die asoziale Expansion des digitalen Kapitalismus zu ermöglichen. Ich entwickelte meine Kritik als Anerkennung der Tatsache, dass unser Idealzustand der Gerechtigkeit sich weder automatisch, noch als notwendiges Produkt eines teleologisch-historischen Fortschritts einstellen wird. Er ist im Gegenteil etwas Ungewisses, das für sein Zustandekommen gesetzlicher Beschränkungen und Schutzmaßnahmen gerade deshalb bedarf, weil das Erreichen einer gerechten Gesellschaft die Überwindung und Verhinderung der Beutezüge der Mächtigen erfordert. Er ist immer eine Frage des menschlichen Handelns, auch wenn die Anforderungen des Überbaus der Gesamtgesellschaft die möglichen Entscheidungen und Vorgehensweisen leiten. Eingriffe in diesen Überbau hängen daher von den Modellen ab, die seine Beschreibung ermöglichen. Die utopischen Aspirationen hinsichtlich der Computertechnologie spiegeln das Misstrauen bezüglich menschlicher Launen wider, aber sie erkennen nicht, dass die Bereitschaft, menschliches Urteilsvermögen durch autonome Systeme zu ersetzen, diese Schwächen nicht beseitigt: Sie macht sie zu einer dauerhaften Eigenschaft des Systems jenseits von Kontrolle oder Infragestellung, da das Vornehmen von Änderungen an dem technischen System dem Erstellen eines neuen gleichkommt. Diese Umsetzung ist die von digitalen Technologien ausgehende Gefahr, die als digitaler Kapitalismus verdinglicht ist. Das Streben nach einer gerechteren Gesellschaft ist bewundernswürdig, aber es kann auch das ausbeutende Verhalten der Mächtigen verdecken, und diese Verschleierung ist das, was sich bei einer kritischen Betrachtung des Digitalen zeigt.

 

4. Was halten Sie von der Theorie des bedingungslosen Grundeinkommens? Könnte dadurch die Gefahr der Obseleszenz der menschlichen Arbeit gebannt werden?

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, oder einfach „Grundeinkommen“, bietet als Konzept zwar große Möglichkeiten, die eigentliche Frage liegt jedoch in den Einzelheiten seiner Umsetzung: Wenn es als ein Mittel zur Aufrechterhaltung der bestehenden strukturellen Ungleichheiten des digitalen Kapitalismus, als ein Mittel zur Aufrechterhaltung des Status quo der Vermögenserzeugung realisiert wird, so wird es fast mit Sicherheit zu mehr Elend führen, als es beseitigen könnte. Das Problem ist nicht das Einkommen, sondern die Arbeit selbst: Das bedingungslose Grundeinkommen würde die Obsoleszenz der menschlichen Arbeit nur dann aufheben, wenn das Ziel die Beseitigung menschlicher Arbeit ist. Wenn es hingegen als minimale Einkommensergänzung eingeführt wird, um die Aufrechterhaltung des Konsums zu ermöglichen, ist den Herausforderungen der digitalen Automatisierung damit nicht zu begegnen. Damit eine autonome Produktion, die menschliche Arbeit eliminiert, zu einer gerechten Gesellschaft führen kann – und die ein bedingungsloses Grundeinkommen als Lösung erscheinen lässt –, müssen die von diesen Maschinen erzeugten Überschusswerte auf die Gesamtgesellschaft verteilt werden. Dies bedeutet, dass das bedingungslose Grundeinkommen die Gesamtheit dieser Überschusswerte darstellen muss, statt eine emotionale Ablenkung zu sein, die eine Konzentration von Reichtum ermöglicht, wie man sie außerhalb von Feudalgesellschaften noch nicht gesehen hat, in denen der „König“ alles besitzt und das, was die Untertanen erhalten, vollständig von einem Sinn für Großzügigkeit und Verpflichtung abhängt. Um eine solche Gesellschaft zu erreichen, bedarf es einer radikalen Neuordnung der Prioritäten, und zwar einer solchen, die die Anerkennung der Tatsache beinhaltet, dass unsere soziale Ordnung von Arbeit abhängig ist, um die Mehrheit der Menschen mit bezahlten Aktivitäten zu beschäftigen, die ihnen das Überleben ermöglichen (dafür unerlässlich sind). Die Verschiebung in die Richtung auf „Muße“, die die Automatisierung und die Obseleszenz der menschlichen Arbeit darstellt, ist nicht etwas, was die gegenwärtige Gesellschaftsordnung bereit wäre ideologisch zu verstehen oder zu akzeptieren: Nicht zu arbeiten wird und wurde als unmoralisch, liederlich und verschwenderisch angesehen, sodass die von der digitalen Automatisierung bewirkte Verdrängung der Arbeit höchstwahrscheinlich äußerst destruktiv sein wird. Der sich momentan vollziehende Übergang zu einer digitalen Automatisierung ist grundsätzlich ambivalent. Er könnte entweder eine Gesellschaft größerer Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Folge haben, oder aber eine Gesellschaft, die gerechter und gleichberechtigter ist – wir befinden uns noch in einem sehr frühen Stadium dieses Wandels. Welche Entscheidungen wir treffen werden, hängt von den Modellen ab, über die wir zum Verständnis unserer gegenwärtigen Situation verfügen. Mein Hauptziel bei der Entwicklung der Kritik des digitalen Kapitalismus war eine genaue Diagnose des Zustands, in dem wir uns befinden, sowie die Frage, wie es zu ihm gekommen ist. Unsere überkommenen historischen Modelle sind im Begriff, uns im Stich zu lassen, da die neuen Möglichkeiten des digitalen Kapitalismus und die Art und Weise, wie er sich gegenwärtig darstellt, ein Produkt dieser älteren Modelle und der Antworten sind, die sie hervorgebracht haben.

Bitte geben Sie die Zahlenfolge in das nachfolgende Textfeld ein

Die mit einem * markierten Felder sind Pflichtfelder.

Passende Artikel
Kritik des digitalen Kapitalismus Betancourt, Michael  Kritik des digitalen Kapitalismus

inkl. MwSt. zzgl. Versandkosten

Sofort lieferbar