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Sprengsatz Weimar – Chance und Scheitern der Revolution

Geburtshelferin der ersten deutschen Demokratie oder Sturzgeburt mit verheerenden Folgen? Wie sehen die wbg-Top-Autoren die Ereignisse an der Zeitenwende von 1918?
Wie ist Ihre Meinung zu den Ereignissen in Deutschland 1918? Stimmen Sie Herrn Machtan, oder den Autoren Herrn Keil und Herrn Kellerhof zu? Schildern Sie uns Ihre Ansicht gerne in der Kommentarfunktion des Beitrags.

 

Lars-Broder Keil
Lars-Broder Keil, geb. 1963, war als Journalist seit 1989 u.a. für das Auslandsmagazin Freie Welt, Die Zeit und Welt am Sonntag tätig, seit 2001 ist er Redakteur im Ressort Innenpolitik der WELT mit Schwerpunkt Zeitgeschichte und historische Serien. Daneben ist er Buchautor vorwiegend für zeithistorische Themen; letzte Veröffentlichungen: "Fake News machen Geschichte. Gerüchte und Falschmeldungen im 20. und 21. Jahrhundert", Berlin 2017 (zus. mit S. F. Kellerhoff), "Stauffenbergs Gefährten. Das Schicksal der unbekannten Verschwörer", München 2013 (zus. mit Antje Vollmer).

 

Sven Felix Kellerhoff
Sven Felix Kellerhoff, geb. 1971, war als Journalist u.a. tätig für die Berliner Zeitung, die Badische Zeitung und den Bayerischen Rundfunk. Seit 1997 bei der WELT, seit 2003 dort als Leitender Redakteur für Zeit- und Kulturgeschichte, seit 2012 zusätzlich Leiter des History Channel WELTGeschichte. Seit 2002 erschienen von ihm 24 Sachbücher, vier davon zusammen mit Lars-Broder Keil. Jüngste Veröffentlichungen: „Mein Kampf. Die Karriere eines deutschen Buches" (2015), "Die NSDAP. Eine Partei und ihre Mitglieder" (2017).

 

Die Revolution als Erfolgsgeschichte
Von Lars-Broder Keil und Sven Felix Kellerhoff

Auch ein Jahrhundert nach den Ereignissen kommen Bücher auf den Markt, die die deutsche Revolution von 1918/19 als misslungen oder verraten darstellen. Zu den Kronzeugen dieser Verdammung zählt Erich Kästner, der den Umsturz schon früh als »ein bisschen Revolution« verspottet hat.

Eine verkannte Erfolgsgeschichte

In Wirklichkeit handelt es sich um den wohl am meisten unterschätzten Erfolg der jüngeren deutschen Geschichte. Die Revolution verdient statt Verachtung Lob. Natürlich ist sie nicht unblutig abgelaufen wie der friedliche Aufstand der Menschen in der DDR 1989/90. Aber gemessen an den Verhältnissen der Zeit ist erstaunlich, wie gewaltarm der Umsturz 1918/19 die jahrhundertealte Herrschaft der deutschen Monarchen hinweggefegt hat.

Die Revolution hat innerhalb weniger Monate Strukturen etabliert, die uns selbstverständlich erscheinen: eine Verfassung, die Grundrechte wie die Presse und die Versammlungsfreiheit garantiert; freie Wahlen – erstmals auch für Frauen; die Anerkennung der Gewerkschaften als »berufene Vertretung der Arbeiterschaft«; soziale Absicherung. Neu geregelt worden ist auch das Verhältnis von Regierung und Parlament: Das Kabinett ist erst seit der Revolution auf die Zustimmung der Abgeordneten angewiesen, die es indirekt auch absetzen können.

Was ist Deutschland 1918 gewesen?

Eine reale Einschätzung dieser Erfolge wird nur dem gelingen, der Verständnis für die damaligen Zustände und Zwänge aufbringt. Was ist Deutschland denn in jenem Herbst 1918 gewesen? Ein Land mit einem geschlagenen Heer aus abgekämpften, des illusionierten, vielfach verrohten Soldaten. Ein Land mit einer Zivilbevölkerung geplagt von Entbehrungen, Hunger und Spanischer Grippe, die im Herbst 1918 ihren Höhepunkt erreicht. Der Vertrauensverlust in den hergebrachten Staat, seine Institutionen und die herrschenden Eliten ist immens und irreparabel. Es überwiegt das Gefühl, jetzt müsse sich um jeden Preis etwas ändern. Genau das gehen die Akteure um den späteren Präsidenten Friedrich Ebert an. Sie müssen mitten im Umbruch Aufgaben lösen, die heute gern kleingeredet werden: Die Versorgung der Bevölkerung im nahenden Winter ist zu gewährleisten und das Verlangen nach Sicherheit sowie einem endlich normalen Alltag so weit zu befriedigen. Millionen Soldaten sind zu demobilisieren und wieder in den Alltag einzugliedern. Und dann gibt es da noch die Forderungen der Siegermächte. Alles Aufgaben, die Augenmaß und Pragmatismus verlangen, mit ideologisch aufgeladenen Fantastereien aber keinesfalls zu bewältigen sind. Vor allem der Sozialdemokratie ist seither oft zum Vorwurf gemacht worden, sie habe sich zu sehr auf den überkommenen Staatsapparat und die durch die Niederlage diskreditierten Führungsschicht des Kaiserreiches gestützt. Doch diese Kritik verkennt, dass auch dort ein Umdenken eingesetzt hat. Bürgertum und Staatsapparat sind 1918/19 ebenso wenig eine homogene Masse wie die Arbeiterschaft. Voraussetzung für eine Abkehr vom Obrigkeitsstaat hin zum Volksstaat sei ein aktionsfähiger politischer Gemeinwillen des Volkes sowie seine Regierungsfähigkeit durch Selbst organisation, meint »Verfassungsvater« Hugo Preuß. Genau das entsteht durch die Revolution 1918/19. Sie ist damit die Geburt der Demokratie in Deutschland. Dieser Sieg des Fortschritts verdient es, endlich gewürdigt zu werden.

 

Lothar Machtan
Lothar Machtan ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Universität Bremen. Er forscht zur Kultur- und Politikgeschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert. Machtan ist Autor für Spiegel, ZEIT und FAZ sowie Verfasser zahlreicher erfolgreicher Sachbücher.

 

 

 

 

Einsturz und Umsturz
Zur politischen Signatur einer Zeitenwende
Von Lothar Machtan

Zeichen für einen möglichen Untergang des deutschen Kaiserreichs hatte es bereits im Sommer 1918 viele gegeben – aber warum wollte sie niemand sehen? Weil wir es bei der politischen Ordnung im spätwilhelminischen Kaiserreich mit einem selbstreferentiellen System zu tun haben, das die Gefährlichkeit seiner Lage vollständig verkannte. Mein Buch setzt sich mit der politischen Kultur in diesem Machtstaat intensiv auseinander. Dabei ist mein Blick vorzugsweise auf die Hauptverantwortlichen gerichtet; genauer: auf die politischen Profile der damaligen Entscheidungsträger, nicht zuletzt in ihrem wechselseitigen Verhältnis zueinander. Es untersucht das Binnenklima in den Räumen, in denen um strategische Entscheidungen gerungen und katastrophale Fehlentscheidungen getroffen wurden – Räumen, über denen bereits das Dach brannte. Damit rückt automatisch der untrennbare Zusammenhang zwischen Biografie und Politik in den Fokus. Leuchtet man dies alles aus, so gelangt man zu bemerkenswerten Einsichten zum deutschen Novemberkomplex. Vor allem zu einem besonderen Phänomen:

der historischen Kraft von Schwäche in der Politik.

Denn die Gründe für den keineswegs zwangsläufigen Einsturz des deutschen Kaiserreichs sind hauptsächlich im kollektiven Versagen aller politisch relevanten Entscheidungsträger zu suchen – und nicht in einem Hauptschuldigen. Ohne die verhängnisvolle Rolle Kaiser Wilhelms II. oder der Obersten Heeresleitung unter Ludendorff kleinzureden, müssen hier auch andere Versager zur historisch-politischen, aber auch moralischen Verantwortung gezogen werden. Namentlich die zivile Reichsregierung samt hoher Staatsbürokratie und natürlich dem Reichskanzler.

Denn diese Regierung hat nichts getan, um ihre Handlungsfähigkeit gegenüber der Selbstherrlichkeit von Kaiserhof und Militär zu stärken. Was sie sich hier bieten ließ, war eines modernen Politikbetriebs unwürdig. Sie entwickelte kein Gespür für die gravierenden Fehler, die die deutsche Kriegspolitik fast schon notorisch gemacht hatte, und blieb damit auch unfähig, diese Fehler zu benennen und sich den Konsequenzen zu stellen

Neue außenpolitische Tugenden haben die Regierenden auch nicht entfaltet, wie etwa die des respektvollen Umgangs mit Vertretern von ganz anders gelagerten Interessen. Wie sollten sie da Friedensverhandlungen im guten Geist führen?

Darüber hinaus war die Berliner Staatsführung in der politischen Öffentlichkeit kein Symbol von Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit. Als gewiefte Krisenmanager sind Kabinett und Kanzler nirgendwo in Erscheinung getreten. Sie hatten Angst davor, Klartext zu reden und dem Volk reinen Wein einzuschenken. Schlimmer noch: Sie weigerten sich, die politischen Geschehnisse überhaupt öffentlich zu kommunizieren. Die letzte kaiserliche Regierung nannte sich eine Regierung des Volksvertrauens, aber de facto war sie eine Volksregierung ohne Rückhalt im Volk. Es war der politische Vertrauensverlust, der am Ende die legitimatorische Basis des ganzen Herrschaftssystems zerstörte.

Vertreter des Volkswillens?

Nicht weniger kritisch muss das Versagen des Deutschen Reichstags und der Koalition seiner Mehrheitsparteien gegenüber den drängenden Aufgaben vom Spätsommer 1918 thematisiert werden, nämlich: Deutschland schnellstmöglich Frieden und Freiheit zu bringen. Was wir hier beobachten, sind politisch kopf- und ratlose Volksvertreter, denen es an allem gebricht, was Grundvoraussetzung für operative Politik ist. Drei Defizite traten besonders eklatant in Erscheinung: Dass es sich hier überwiegend nicht um lupenreine Demokraten handelte. Dass sie unfähig, ja sogar unwillig waren, die militärische Lage Deutschlands realistisch beurteilen. Schließlich dass sie keinerlei Willen zur Macht entwickelten, ja nicht einmal eine parlamentarische Kontrolle des Regierungshandelns erstrebten.

Deshalb konnten dieses Parlament dem wilhelminischen Machtstaat keine politischen Zukunftsentwürfe entgegensetzen und den Machthabern auch keine wegweisenden Konzessionen abringen. Ja, es hat sich selbst gleichsam aus dem Spiel genommen, dem Spiel um politische Macht. Insbesondere Friedrich Ebert, der Führer der Mehrheitssozialdemokratie, hat einiges zu dieser Schieflage beigetragen, indem er den Erwartungshorizont gegenüber den Fähigkeiten und dem politischen Willen der letzten kaiserlichen Regierung viel zu weit aufgespannt hat. Das konnte bei den Regierten nur in Frustration und Enttäuschung enden. Am Ende wurde er zum Gefangenen der (falschen) politischen Erwartungen, die er selbst und seine Partei geweckt hatten, als sie in die letzte kaiserliche Regierung eintrat. Die daraus resultierende Selbstlähmung der Sozialdemokratie kann in ihren politischen Auswirkungen gar nicht überschätzt werden.

Die Welle militanter Unzufriedenheit, die die deutsche Gesellschaft im Herbst 1918 erfasste, musste nicht politisch erzeugt werden. Sie war das folgerichtige Ergebnis einer unverantwortlichen Kriegsführung und einer erratischen Innenpolitik im Reich.

Tags: Politik
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