Nachrichtendialog Display Update Message Produktvergleichsdialog

Im Blickpunkt: ›Walther Rauff – In deutschen Diensten‹

20.01.2014 12:00
Martin Cüppers legt die erste Biographie Walther Rauffs vor

Walther Rauff – Erst Massenmörder, dann BND-Spion

 

Noch vor wenigen Jahren war Walther Rauff hauptsächlich Fachhistorikern wegen seiner Verantwortung für den Bau der Gaswagen bekannt, in denen ab Ende 1941 hunderttausende Juden durch die Einleitung Kohlenmonoxid-haltiger Motorabgase ermordet wurden. Mittlerweile haben neue Forschungen das Bild erheblich ergänzt. Rauff fungierte als Befehlshaber eines SS-Kommandos, welches den Holocaust in den Nahen Osten exportieren sollte, drangsalierte als Chef von Sicherheitspolizei und SD jüdische Gemeinden im deutschbesetzten Tunesien und organisierte schließlich die Deportationen von Juden aus Mailand, Genua und Turin. Für seine Verbrechen ist der einstige SS-Standartenführer nie zur Verantwortung gezogen worden. Bei Kriegsende gefangen genommen, gelang ihm bald die Flucht, die ihn bis nach Chile führte. Aus seiner schillernden Biographie ragt allerdings eine Episode heraus: Seine Tätigkeit für den Bundesnachrichtendienst BND.


Gerade einmal 14 Jahre nach Ende des Nationalsozialismus stand der NS-Verbrecher bereits wieder in Diensten der jungen Bundesrepublik. Frühere ›Kameraden‹ aus Himmlers Reichssicherheitshauptamt hatten ihn 1959 für eine Tätigkeit beim BND empfohlen. Bald wurde der Massenmörder dort als fester Mitarbeiter willkommen geheißen. Dienstintern wurde über Rauff geurteilt, der einstige SS-Offizier sähe in seiner neuen Tätigkeit »eine folgerichtige Fortsetzung seines früher eingeschlagenen Lebensweges und der damit verbundenen, als richtig erkannten Aufgaben«. Von solcher Kontinuitätsfeststellung offenbar alles andere als alarmiert, übertrugen ihm die westdeutschen Führungsoffiziere die anspruchsvolle Aufgabe, Informationen aus Lateinamerika zu liefern und auf dem Subkontinent ein Agentennetz aufzubauen.


Drängt sich daraus ein reichlich skandalöser Gesamtzusammenhang auf, verstärkt sich ein solcher Eindruck noch durch weitere, geradezu unglaubliche Details. Während westdeutsche Staatsanwälte längst Ermittlungen gegen den NS-Täter eingeleitet hatten, luden ihn BND-Offizielle 1960 auf Staatskosten zu einem Kennenlernen und einer speziellen Schulung nach München ein. Zwei Wochen nachdem er die Bundesrepublik dann wieder verlassen hatte, wurde ein erster Haftbefehl gegen ihn erlassen. Doch nicht einmal dieser alarmierende Umstand hielt den BND von einer erneuten Einladung Rauffs ab. Die Zusammenarbeit mit ihm endete erst, als mit der Einreichung eines Auslieferungsersuchen in Chile Ende 1962 die Verbindungen des BND zu Rauff drohten, öffentlich zu werden. Eilig wurde der NS-Täter nun offiziell »abgeschaltet«; nicht ohne dass zunächst erhebliche Summen flossen, um sich die weitere Diskretion des Deutschen zu erkaufen.


Das Arbeitsverhältnis zwischen Rauff und dem BND ist ein Beleg für haarsträubende Zustände innerhalb des westdeutschen Auslandsgeheimdienstes. Belastete NS-Täter konnten hier gefahrlos unterkommen und weitere frühere Kumpane nachziehen, so dass ganze SS-Seilschaften kreiert werden konnten. Der Umgang mit solchen »braunen
Kameraden« fiel dienstintern dabei offenbar so lax aus, dass etwa ein Walther Rauff bei ansehnlicher Entlohnung über Jahre gar keine wirkliche Gegenleistung liefern musste. Schließlich sabotierte der BND mit seiner Praxis Anstrengungen der Justiz, solche Täter wie Rauff vor Gericht zu stellen. Es war »sicherlich unzweckmäßig und politisch
instinktlos, einen Mann wie Rauff zu verwenden«, formulierte 1984 ein Geheimdienstmitarbeiter als spätes Fazit. Ein historisches Gesamturteil darüber, wie der Geheimdienst letztlich mit Männern vom Schlage eines Rauff verfuhr, steht allerdings noch aus.

 

Martin Cüppers

 

 

> Zum Titel